Solothurner Literaturtage: Spoerri kämpfte gegen Windmühlen

Bettina Spoerris Abgang ist auf den zweiten Blickt nicht so überraschend. Der Verein Solothurner Literaturtagen ist 34 Jahre alt und hatte seit seiner Gründung mit Veronika Jaeggi die gleiche Geschäftsführerin. Konflikte waren vorprogrammiert.

Aufnahme von Bettina Spoerri und Veronika Jaeggi, die ein Buch übergibt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Grabenkrieg hinter den Kulissen der Literaturtage: Bettina Spoerri (l.) und die vorherige Leiterin Veronika Jaeggi. Urs Lindt

Veronika Jaeggi hatte die Solothurner Literaturtage seit der Gründung organisiert – sagenhafte 34 Jahre. Nachvollziehbar, dass ihr die Literaturtage so etwas wie ein Kind waren. Nach dieser langen Zeit hatte sie gehofft, in den Vorstand zu wechseln. Doch es kam anders.

Vereinsstrukturen!

Als Bettina Spoerri 2012 als neue Geschäftsleiterin anfing, wehrte sie sich dagegen, dass die alte Leiterin formaljuristisch zu einer Vorgesetzten wird. Spoerri setzte durch, dass Jaeggi nicht in den Vorstand wechseln konnte.

Bettina Spoerri monierte verschiedentlich, dass bestimmte Vereinsstrukturen nicht zusammengingen mit dem, wie sie sich die Leitung vorstellte. Kurz vor Durchführung der 35. Literaturtage in diesem Jahr soll sie ein Ultimatum gestellt und mit Rücktritt gedroht haben. Veronika Jaeggi hatte in der Zwischenzeit per Mail an alle Beteiligten Kritik geübt am Programm ihrer Nachfolgerin.

Pascal Frey, Vorstandspräsident des Vereins Solothurner Literaturtage, betont aber, dass Bettina Spoerri durchaus Möglichkeiten hatte, mitzureden: «Die neue neue Leiterin hatte die Chance, diese Aufgabe neu zu definieren. Dass die bisherige Leiterin naturgemäss Schwierigkeiten hatte, loszulassen, versteht sich von selbst. Allerdings muss man sagen, Veronika Jaeggi hatte keine Handhabe einzugreifen in die Geschäfte der Literaturtage oder mitzusprechen bei den Abläufen. Sie ist zurückgetreten am 1. Juli 2012.»

Reinreden, reinreden, reinreden

In einem Interview liess Bettina Spoerri verlauten, die «Zustände hinter den Kulissen» seien «unhaltbar» und «psychisch und physisch» nicht zum Aushalten. Es gebe viel zu viele Leute, die ihr «reinreden» können. Für Pascal Frey ist dieser Vorwurf rätselhaft.

Kenner der Szene und verschiedene Insider berichten, Spoerri habe andere Vorstellungen von der Leitung der Literaturtage gehabt. Als Geschäftsführerin hatte sie einerseits den Vorstand über sich und die Programmkommission neben sich. Das Schwierige ist: Sie war formaljuristisch eine Königin ohne Land. Die Inhalte musste sie mit einer Kommission besprechen.

Basisdemokratie versus Intendantenmodell

Ein Intendantenmodell wäre Spoerri lieber gewesen: wenn schon leiten, dann richtig. Ist eine solche Intendanz ein Thema für den Präsidenten des Vereins? «Nein, die Programmkommission soll so weiterarbeiten können, wie sie das bisher immer getan hat und das Programm der Literaturtage verantworten können», sagt Pascal Frey, «eine Intendanz ist derzeit keine Debatte.»

Damit ist der Graben zwischen Bettina Spoerri und den Literaturtagen unüberbrückbar. Sie hatte das basisdemokratische Vorgehen der Kommission als «Reinreden» wahrgenommen.

Pascal Frey sieht das anders: «Ich störe mich ein bisschen an der Formulierung basisdemokratisches Vorgehen. Wir haben eine Programmkommission zusammengesetzt aus acht Leuten, die alles ausgewiesenste Fachleute in ihrem Gebiet sind, das ist keine Basisdemokratie, sondern ein gutes Team, das dafür verantwortlich ist, dass wir ein gutes Programm haben können.»

Wie geht es weiter?

Und das soll auch so bleiben: «Im Prinzip geht es weiter wie bis anhin: Wir haben eine Programmkommission, die das Programm 2014 zusammenstellen wird, diese Kommission ist bestellt und auch schon gewählt. Sie wird im August ihre Arbeit aufnehmen. Wir brauchen eine Interimslösung, wir brauchen eine Geschäftsleitung, das ist klar, und wir werden bis zur Generalversammlung am 6. September Vorschläge unterbreiten. Aber ich bin zuversichtlich, nein ich weiss: Die nächsten Literaturtage finden vom 30. Mai bis 1. Juni 2014 statt.»

Den Konflikt um Spoerris Abgang auf die Meinungsverschiedenheiten zwischen zwei Frauen zu reduzieren, trifft die Hintergründe nur sehr reduziert. Fragt man Schweizer Kulturmanager, sind für diese vor allem die Strukturen das Problem. Der Schriftsteller Franco Supino, selber Vorstandsmitglied bei den Literaturtagen, erklärt: «Die Rechtsform gründet auf einer Idee vor über 35 Jahren. Damals stand der genossenschaftliche Gedanke im Vordergrund. Seit ein paar Jahren sind wir aber daran, die operative und die strategische Ebene zu trennen.»

Es braucht eine Gewaltentrennung

Diese Trennung ist auch für Roy Schedler, der zwischen 2004 und 2007 Geschäftsleiter der Solothurner Filmtage war, absolut nötig. Auch die Filmtage hätten den Vorstand und die Geschäftsleitung vor ein paar Jahren entflechten müssen, um professioneller zu werden.

Natürlich brauche es eine Vision, so Schedler weiter, dann aber klare Strukturen, um diese umzusetzen. Wichtig sei es zu trennen zwischen einem Vorstand, der strategische Aufgaben habe, und einer Geschäftsleitung, die diese operativ umsetze. Dabei dürfe der Vorstand nicht selber umsetzen und diejenigen, die umsetzen, nicht im Vorstand sitzen. Passiert das, beaufsichtige man sich gegenseitig. «Das scheint mir möglicherweise ein Problem zu sein bei den Literaturtagen», vermutet Schedler.

Was bedeutet dies für das Anforderungsprofil der Nachfolgerin von Bettina Spoerri? Wäre also eher eine Managerin und nicht eine unbestrittene Literaturkennerin nötig? «Darüber werden wir uns jetzt Gedanken machen. Es braucht eine Person, die organisieren kann. Andererseits kann man auch nicht verwalten, was man nicht versteht. Diese Doppelfunktion werden wir weiterhin brauchen», erklärt Franco Supino.