Eines der letzten Universalgenies: Urs Jaeggi

Urs Jaeggi ist Soziologe, Schriftsteller und Künstler – und in allem erfolgreich. Als Soziologe war er prägender Teil der 68er-Bewegung, als Schriftsteller und Künstler ist er viel beachtet und preisgekrönt. Ein Besuch bei dem 84-jährigen Vor- und Nachdenker.

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Bildlegende: Künstler, Autor und Soziologe: Urs Jaeggi ist ein Multitalent. Keystone

Ach, wie sind sie schön, diese Berliner Wohnungen! Diese grossen, hellen Räume mit viel Licht. Dieser Blick raus auf Berliner Baumalleen. Auch Urs Jaeggis Wohnung verströmt diesen Gründerzeit-Charme, und sofort fühle ich mich wohl. Das «Hallo» mit der Betonung auf der zweiten Silbe, womit er mich begrüsst, verwandelt sich in ein «Grüezi». Er führt mich hinein ins grosse Zimmer mit den Ledersesseln. Das Gespräch beginnt.

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Urs Jaeggi live in Solothurn

Am Sonntag ist Urs Jaeggi live in Solothurn zu Gast bei Michael Luisier in der SRF-Sendung «Musik für einen Gast». Besuchen Sie uns - von 12:40-13:45 in der Cantina del Vino am Landhausquai.

Schicksal als Chance

Es habe einen Knackpunkt gegeben in seinem Leben. Einen Moment. Wäre der anders verlaufen, hätte es einen anderen Jaeggi aus ihm gemacht, sagt er mir. 1964 sei das gewesen. Urs Jaeggi hat eben ein Theaterstück geschrieben. Eines über Hausbesetzer. Das gab es damals noch nicht. Italienische Gastarbeiter, die am Saisonende nicht nach Hause fahren, sondern in der Schweiz bleiben und ihr eigenes Haus besetzen. Eine Gesellschaftsutopie. Ein starkes Thema.

Darauf hat sich Kurt Hirschfeld gemeldet, der damalige Direktor des Zürcher Schauspielhauses. Er bot Jaeggi an, nach Zürich zu kommen und bei ihm eine dreijährige Lehre zu absolvieren – wie Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt vor ihm. Das Stück sollte auch aufgeführt werden, wenn es denn zu Ende entwickelt sei. Drei Jahre? Nur? Urs Jaeggi sagt, er käme auch für fünf. Eine Woche später ist Kurt Hirschfeld tot. Herzinfarkt. Aus dem Engagement wird nichts. Das Stück wird nie gespielt.

Krafttraining und Jazztanz

Urs Jaeggis Frau Gabriela bringt Kaffee. Für mich. Für ihn Wasser. Er müsse aufpassen, sagt er mir. Zu viel Kaffee schade der Gesundheit. Das Rauchen habe er auch aufgegeben. Trinken tue er auch nur noch selten. Und jeden Tag Übungen. Dreiviertelstunden. Zuerst Krafttraining, dann Jazztanz. Überhaupt: Bewegung sei ihm immer wichtig gewesen. Als Junge stundenlanges Fussballspielen. Heute Jazztanz.

 

Urs Jaeggis Frau ist Kunsthistorikerin. Sie stammt aus Argentinien und ist vor der Diktatur nach Mexiko geflohen. Urs Jaeggi lebt nun zur Hälfte bei ihr und zur Hälfte in Berlin. Auch dafür sei Jazztanz gut. Denn ständig dieser Höhenunterschied, der Jetlag und die Reiserei – und das mit 84. Da müsse man schon was tun für die Gesundheit.

Der Vater als prägende Figur

Jaeggi selber stammt aus Solothurn. Sein Vater ist Sozialdemokrat. Jeden Sonntag nahm er ihn mit ins Volkshaus. Dort hörte er die Geschichten der Arbeiter. Das habe ihn geprägt, sagt er. Bis heute. Politisch sowieso. Aber auch beruflich. Denn das sei der Ausgangspunkt für die Soziologie gewesen.

An Urs Jaeggis zwölftem Geburtstag stirbt der Vater. Aus dem Traumberuf Architekt wird nichts. Der Junge muss arbeiten. Also macht er eine Banklehre. Dann entdeckt er das Lesen. Er holt die Matura nach und studiert. Ökonomie, weil das schnell geht. Dann entdeckt er die Soziologie. Früh wird er Professor, geht nach Deutschland. Nach Münster und Bochum, später nach Berlin. Er wird einer der Wegbereiter und Träger der 68er-Bewegung, kritisiert als erster die Berichterstattung Schweizer Medien zum Vietnamkrieg und schreibt sein Buch «Macht und Herrschaft in der Bundesrepublik», das sich eine halbe Million Mal verkauft. Eine Sensation für ein wissenschaftliches Werk.

Belletristik und Kunst

Trotzdem. Urs Jaeggi bleibt auch in Deutschland ein Sonderfall. Denn er schreibt. Belletristik. Das gibt es nicht in Deutschland. Ein Wissenschaftler, der literarisch schreibt, irritiert. Für Urs Jaeggi, dessen geistige Heimat in Frankreich liegt, bei Sartre und Camus, bei Foucault, ist das die normalste Sache der Welt. Der Erfolg gibt ihm Recht. «Ruth», eine Erzählung aus seinem Roman «Grundrisse» gewinnt 1981 den Ingeborg Bachmann Preis.

Später kommt dann noch die Kunst. In Mexiko, wo man seine Bücher nicht kennt, ist er vor allem Künstler. Er malt. Widmet sich der Bildhauerei. Auch darin ist er erfolgreich. Er stellt auf der ganzen Welt aus. Im Moment bereitet er gerade seine zweite Retrospektive vor. Sie wird im Sommer in Berlin über die Bühne gehen.