Swetlana Alexijewitsch erhält Friedenspreis des Buchhandels

Die weissrussische Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch erhält zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Die 65-Jährige ist durch Berichte über die Atomkatastrophe in Tschernobyl und den sowjetischen Afghanistan-Krieg weltbekannt geworden.

Swetlana Alexijewitsch ist eine der wichtigsten Zeitzeugen der postsowjetischen Gesellschaft. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Swetlana Alexijewitsch ist eine der wichtigsten Zeitzeugen der postsowjetischen Gesellschaft. Ekko von Schwichow

Die Autorin und Regimekritikerin Swetlana Alexijewitsch hat am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegengenommen. Der seit 1950 vergebene Preis ist eine der bedeutendsten Auszeichnungen des Landes. Geehrt wird damit eine Persönlichkeit aus dem In- oder Ausland, die vor allem auf den Gebieten Literatur, Wissenschaft und Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen hat.

An der Verleihung der Auszeichnung, die mit 25'000 Euro dotiert ist, nahmen rund 1000 geladene Gäste teil.

Chronistin existentieller Enttäuschungen

Als «Archäologin der kommunistischen Lebenswelt» würdigte Laudator Karl Schlögel die Autorin dokumentarischer Bücher. «Als Schriftstellerin hat sie gegen die autoritären Regime im postsowjetischen Raum, nicht nur in Belarus, nichts aufzubieten als ihr Wort - beharrlich, furchtlos, ergreifend», sagte Schlögel.

Swetlana Alexijewitsch ist eine Autorin, die die Lebenswelten ihrer Mitmenschen aus Weissrussland, Russland und der Ukraine nachzeichnet. «In Demut und Grosszügigkeit verleiht sie deren Leid und deren Leidenschaften Ausdruck», so die Begründung der Jury. Nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums sei Alexijewitsch zur Chronistin geworden von Menschen, bei denen ein Grundstrom existenzieller Enttäuschungen spürbar sei.

Ein moralisches Gedächtnis

Durch die Komposition ihrer Interviews, die auch die Grundlage ihres neuesten Buches «Second-Hand-Zeit» bilden, hat sie zu einer eigenen literarischen Gattung gefunden, zu einer chorischen Zeugenschaft. Als moralisches Gedächtnis hinterfragt sie, ob Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit nicht die besseren Alternativen wären.»

Alexiejewitsch gibt dabei im Gegensatz zur journalistischen Arbeiten die stundenlangen Gespräche mit den Menschen nicht einfach 1:1 wieder. «Sie verdichtet, rhythmisiert, und flechtet bestimmte Redewendung immer wieder ein. Ein Gespäch, das vielleicht zwei Tage gedauert hat, kann schlussendlich bei Alexiejewitsch nur zwei Seiten umfassen», charakterisiert Ganna-Maria Braungardt, Übersetzerin von «Second-Hand-Zeit», den Stil der weissrussischen Autorin gegenüber Radio SRF 2 Kultur.

Letzter CH-Preisträger: Max Frisch, 1976

Die Preisträger werden von einem Stiftungsrat mit einfacher Mehrheit gewählt. Der Rat setzt sich aus Mitgliedern des Börsenvereins sowie Persönlichkeiten aus Kultur und Wissenschaft
zusammen.

Unter den Geehrten sind seit 1950 grosse Namen wie Astrid Lindgren, Hermann Hesse, Mario Vargas Llosa oder Orhan Pamuk. Im vergangenen Jahr ging die Auszeichnung an den chinesischen Schriftsteller und Regimekritiker Liao Yiwu. Der letzte Schweizer Preisträger war 1976 Max Frisch.

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