Auf einer Alp basteln sich die Sennen aus Langeweile eine Strohpuppe, die lebendig wird und sich grausam gegen ihre Schöpfer wendet, indem sie den Senn tötet. Diese alte Sage vom Sennentuntschi erzählt man sich im ganzen deutschsprachigen und rätoromanischen Alpenraum in unterschiedlichen Versionen. Bekannt wurde sie in jüngerer Zeit dank Michael Steiners Verfilmung als blutiger Mystery-Thriller.
-
Bild 1 von 3. Das Sennentuntschi (Roxane Mesquida) rächt sich an den Männern. Michael Steiners 2010er-Verfilmung der berühmten Alpensage hat in der Kino- und Kulturwelt für Gesprächsstoff gesorgt. Bildquelle: Turnus Film AG / The Walt Disney Company Switzerland .
-
Bild 2 von 3. Eine frühere Version des «Sennentuntschi»: Die Ausstrahlung des Theaterstücks führte 1981 zu einer Anzeige gegen das Schweizer Fernsehen. Bildquelle: KEYSTONE/STR.
-
Bild 3 von 3. Der Schweizer Schauspieler Walo Lüönd als Fridolin im Film «Sennentuntschi». (Aufnahme vom 26. Juni 1979). Bildquelle: KEYSTONE/STR.
Aus den Sagensammlungen und aus der mündlichen Tradition an eine breite Öffentlichkeit gezerrt hatte das Sennentuntschi schon 1972 der Autor Hansjörg Schneider mit seinem gleichnamigen Theaterstück. Er fokussierte darin auf den sexuellen Missbrauch der zur Frau gewordenen Puppe und auf die obszöne Sprache der Älpler.
Die Ausstrahlung des Stücks führte 1981 zu einem Skandal und einer Anzeige gegen das Schweizer Fernsehen. Grund: Die Beseelung einer Puppe sei Gotteslästerung. Ein sprechendes Beispiel für die Kraft, die Sagen bis in die Neuzeit behalten können.
Sagen haben eine Message
Der Aufschrei damals verwundert nicht. Denn traditionelle Volkssagen sind zwar nichts für schwache Nerven, aber die darin enthaltenen Tabubrüche werden akzeptiert, weil diese altüberlieferten Geschichten oft eine praktische oder erzieherische Funktion haben.
Die Sage von der Wasserfee in einem Teich bei Kloten etwa, die Kinder in die Tiefe lockt, dient als Warnung vor dem Ertrinken. Oder der «brönnig Maa» im Gäu, der als unerlöste Seele den Grenzstein, den er zu Lebzeiten versetzt hatte, Nacht für Nacht zurücksetzen muss: Seine Busse tröstet die Lebenden, dass es wenigstens im Jenseits eine Gerechtigkeit gibt.
Volkssagen halfen einer bäurisch-vorindustriellen Gesellschaft in vielen Lebenslagen. Aber sie stellen nie die herrschenden Verhältnisse infrage, im Gegenteil: Sie erklären, warum die Welt so ist, wie sie ist, und zeigen dem Individuum die Schranken des Erlaubten und des Schicklichen auf.
Nicht unbedingt wahr, aber wirklich
Ihre Inhalte sind aus dem Alltagsleben gegriffen, enthalten aber stets auch ein übernatürliches Element. Dass sie dadurch unwahrscheinlich werden, kratzt nicht an ihrer Glaubwürdigkeit. Von der Existenz von Drachen war man jahrhundertelang überzeugt. Bis vor wenigen Jahrzehnten legte man im Wallis in bestimmten Nächten eine Schale mit Ess- oder Trinkwaren aufs Fensterbrett, für die armen Seelen, die im Gratzug, dem Geisterzug der Verstorbenen, umgingen.
Franz Hohler schreibt über seine eigenen Erzählungen, die oft mit dem Übernatürlichen spielen: «… und wenn es (das Beschriebene) nicht wahr ist, so ist es doch wirklich». Dieser Wirklichkeitsgehalt ist das Kapital jeder lebendigen Sage, und lebendig heisst, dass man sie glaubt. Dabei hilft, dass Sagen an einem konkreten Ort spielen und als reale Erlebnisse mündlich erzählt werden.
Alte Volkssagen im modernen Gewand
Heute haben Sagen wie diejenige von der Wilden Jagd – einem kriegerischen Geisterzug, der nachts unterwegs ist – oder vom Pilatusdrachen ihren Wirklichkeitsgehalt verloren. Sie sind zum kulturellen Erbe geworden, das man in Sagensammlungen nachliest. Das elektrische Licht hat die alten Geister sozusagen aus den dunklen Ecken vertrieben.
Aber unsere Urängste sind geblieben und mit ihnen Geschichten, die diesen Ängsten Raum geben. Nur haben sich die Erzählungen an die moderne Welt angepasst – und werden offensichtlich so bedingungslos geglaubt wie einst ihre historischen Vorbilder.
Statt von der Begegnung mit der Wilden Jagd hört man heute von Begegnungen mit UFOs und von Entführungen durch Ausserirdische. Die Geschichte vom «Vanishing Hitchhiker», dem mitgenommenen Anhalter, der sich auf dem Beifahrersitz plötzlich in Luft auflöst, wird in der ganzen Welt als unheimlicher Tatsachenbericht erzählt. In den 1980er-Jahren geisterte mit der «Weissen Frau im Belchen» eine schweizerische Version dieser Spukgeschichte durch die Medien.
Urban Legends
Solche Geschichten bezeichnet man als moderne Wandersagen oder «Urban Legends». Dazu gehört etwa die prominente Geschichte von den Win-for-Life-Losen: Alle Hochzeitsgäste schenken dem Brautpaar je ein solches Los. Tatsächlich finden sich darunter zwei Hauptgewinne, was eigentlich unmöglich ist. In einer anderen Geschichte wacht jemand am Morgen nach einem One-Night-Stand alleine auf und entdeckt die Nachricht «Willkommen im Aids-Club», die der verschwundene Liebespartner hinterlassen hat.
Der Clou all dieser Geschichten: Sie werden überall in der westlichen Welt erzählt. Und immer wird betont, das sei in der jeweiligen Gegend tatsächlich so geschehen, denn man hat es von einer glaubhaften Gewährsperson erzählt bekommen. Passiert ist das Malheur immer dem «Freund eines Freundes», also einer Person, die zwar zum Greifen nah, aber eben nie greifbar ist. Hunderte solcher Grossstadtsagen aus der westlichen Welt wurden in den letzten Jahrzehnten gesammelt und publiziert.
Creepypastas – unheimliche Internetgeschichten
Längst haben sich unheimlichen Alltagssagen als sogenannte «Creepypastas» auch im Internet ausgebreitet. Konjunktur haben zum Beispiel angebliche Fälle von Organraub. Meist wird eine ältere Person in einem südlichen Ferienort entführt und dem Opfer ein Organ operativ entfernt. Eine Angstvorstellung, die an ganz unterschiedlichen Orten immer wieder als tatsächlich passiert erzählt wird. Dass illegaler Organhandel real existiert, erhöht die Plausibilität dieser Sage natürlich.
Das bekannteste Beispiel für Creepypastas ist der Slenderman, der seit rund 20 Jahren durch das Internet und die Medien geistert. Die Figur, ein riesengrosses, spindeldürres Wesen ohne Gesichtszüge, das Kinder entführt und tötet, wurde nachweislich für einen Wettbewerb der Internetseite «Something Awful» erschaffen.
Ihr Bild verbreitete sich in Windeseile über die digitalen Medien, verselbständigte sich und überall auf der Welt berichteten Menschen, sie hätten den Slenderman in der realen Welt gesehen. In den USA stachen 2014 zwei Mädchen sogar eine Gleichaltrige nieder und behaupteten, sie hätten das im Auftrag des Slenderman getan. Ein eindrücklicher Beweis für den Wirklichkeitsgehalt, den Sagen haben können.
Der Slenderman ist denn auch nicht neu, sondern die jüngste Version einer Kinderschreckfigur, die früher je nach Gegend als «Bölimaa», «Butzemann» oder «Boogeyman» bezeichnet wurde.
Die Geister, die wir riefen
Zu den ältesten Ängsten der Menschheit gehört jene, dass ihre selbstgeschaffenen Werkzeuge sich aus ihrer Kontrolle befreien und sie vernichten. Figuren wie der Golem der jüdischen Tradition, Frankensteins Monster, Goethes Zauberlehrling oder auch das Sennentuntschi aus der Alpensage verkörpern diese Angst vor den Geistern, die wir riefen und nicht mehr loswerden.
In die Reihe dieser Geister fügt sich aktuell die Künstliche Intelligenz.