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Tag der Schweizer Literatur Vom Sennentuntschi zum Slenderman: Sagen faszinieren bis heute

Sagenhafte Geschichten – wie die vom Sennentuntschi oder die vom Anhalter, der sich auf dem Beifahrersitz in Luft auflöst – wandern durch die Zeit und tauchen in verwandelter Form an ganz anderen Orten wieder auf, sei es in Romanen, in Filmen oder im Internet. Was macht sie so lebendig und zeitlos?

Auf einer Alp basteln sich die Sennen aus Langeweile eine Strohpuppe, die lebendig wird und sich grausam gegen ihre Schöpfer wendet, indem sie den Senn tötet. Diese alte Sage vom Sennentuntschi erzählt man sich im ganzen deutschsprachigen und rätoromanischen Alpenraum in unterschiedlichen Versionen. Bekannt wurde sie in jüngerer Zeit dank Michael Steiners Verfilmung als blutiger Mystery-Thriller.

Aus den Sagensammlungen und aus der mündlichen Tradition an eine breite Öffentlichkeit gezerrt hatte das Sennentuntschi schon 1972 der Autor Hansjörg Schneider mit seinem gleichnamigen Theaterstück. Er fokussierte darin auf den sexuellen Missbrauch der zur Frau gewordenen Puppe und auf die obszöne Sprache der Älpler.

Die Ausstrahlung des Stücks führte 1981 zu einem Skandal und einer Anzeige gegen das Schweizer Fernsehen. Grund: Die Beseelung einer Puppe sei Gotteslästerung. Ein sprechendes Beispiel für die Kraft, die Sagen bis in die Neuzeit behalten können.

Sagen haben eine Message

Der Aufschrei damals verwundert nicht. Denn traditionelle Volkssagen sind zwar nichts für schwache Nerven, aber die darin enthaltenen Tabubrüche werden akzeptiert, weil diese altüberlieferten Geschichten oft eine praktische oder erzieherische Funktion haben.

Streamingtipp

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Der Film «Sennentuntschi» von 2010 läuft im Stream auf Play SRF.

Die Sage von der Wasserfee in einem Teich bei Kloten etwa, die Kinder in die Tiefe lockt, dient als Warnung vor dem Ertrinken. Oder der «brönnig Maa» im Gäu, der als unerlöste Seele den Grenzstein, den er zu Lebzeiten versetzt hatte, Nacht für Nacht zurücksetzen muss: Seine Busse tröstet die Lebenden, dass es wenigstens im Jenseits eine Gerechtigkeit gibt.

Volkssagen halfen einer bäurisch-vorindustriellen Gesellschaft in vielen Lebenslagen. Aber sie stellen nie die herrschenden Verhältnisse infrage, im Gegenteil: Sie erklären, warum die Welt so ist, wie sie ist, und zeigen dem Individuum die Schranken des Erlaubten und des Schicklichen auf.

Nicht unbedingt wahr, aber wirklich

Ihre Inhalte sind aus dem Alltagsleben gegriffen, enthalten aber stets auch ein übernatürliches Element. Dass sie dadurch unwahrscheinlich werden, kratzt nicht an ihrer Glaubwürdigkeit. Von der Existenz von Drachen war man jahrhundertelang überzeugt. Bis vor wenigen Jahrzehnten legte man im Wallis in bestimmten Nächten eine Schale mit Ess- oder Trinkwaren aufs Fensterbrett, für die armen Seelen, die im Gratzug, dem Geisterzug der Verstorbenen, umgingen.

«Sagenhaftes» am Tag der Schweizer Literatur bei SRF

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Geöffnetes Buch auf einem Stapel vor illustrierten Figuren auf farbigem Hintergrund.
Legende: SRF

SRF widmet einen ganzen Tag (9. Juni) dem Thema «Literatur und Sagen».

Programm:

TV

  • «Tylangir – Walliser Sagen in Heavy-Metal-Songs»: 8. Juni, «Tagesschau» / «10vor10»

Radio SRF 2 Kultur

  • 06:50 Uhr: «100 Sekunden Wissen: Lindwurm»
  • 09:00–09:30 Uhr: «Kulturplatz Talk» zum Thema «Sagen und Schweizer Literatur» mit Literaturprofessor Rico Valär
  • 10:00–12:00 Uhr: «Sagen unserer Zeit» – verfasst von Studierenden des Schweizerischen Literaturinstituts für den Tag der Schweizer Literatur, besprochen von Kulturwissenschaftlerin Barbara Piatti und Literaturredaktor Markus Gasser
  • 16:00–18:00 Uhr: «Moderne Sagen – Urban Legends – Creepypastas». Vom Weiterleben der Sagenmotive im digitalen Zeitalter

Radio SRF 1

  • 07:00–21:00 Uhr: «Eine Sage entsteht» mit Autor Wilfried Meichtry (unter Mitwirkung des Publikums in verteilten, kurzen Liveschaltungen)
  • 07:10 Uhr: «Morgengast» mit Autor Wilfried Meichtry
  • 10:00–11:00 Uhr: «Treffpunkt» mit Sagensammler und Erzähler Jürg Steigmeier
  • 14:00–15:00 Uhr: Update aus Wilfried Meichtrys Schreibstube und «Urban Legends» – die Sagen der Moderne?
  • 20:00–20:30 Uhr: «Literaturclub Buchtipps» mit Beispielen von Romanen aus der Schweiz, in denen sagenhafte Stoffe literarisiert werden
  • 21:00 Uhr: Lesung der neu geschriebenen Sage von Wilfried Meichtry

Online / SRF News App

  • «Vom Sennentuntschi zum Slenderman: Sagen faszinieren bis heute»
  • «Eine Sage entsteht» mit Autor Wilfried Meichtry, unter Mitwirkung des Publikums
  • Collection mit verschiedenen Sagen bei SRF Hörspiel (Aktuell – Hörspiel – SRF)

Franz Hohler schreibt über seine eigenen Erzählungen, die oft mit dem Übernatürlichen spielen: «… und wenn es (das Beschriebene) nicht wahr ist, so ist es doch wirklich». Dieser Wirklichkeitsgehalt ist das Kapital jeder lebendigen Sage, und lebendig heisst, dass man sie glaubt. Dabei hilft, dass Sagen an einem konkreten Ort spielen und als reale Erlebnisse mündlich erzählt werden.

Alte Volkssagen im modernen Gewand

Heute haben Sagen wie diejenige von der Wilden Jagd – einem kriegerischen Geisterzug, der nachts unterwegs ist – oder vom Pilatusdrachen ihren Wirklichkeitsgehalt verloren. Sie sind zum kulturellen Erbe geworden, das man in Sagensammlungen nachliest. Das elektrische Licht hat die alten Geister sozusagen aus den dunklen Ecken vertrieben.

Aber unsere Urängste sind geblieben und mit ihnen Geschichten, die diesen Ängsten Raum geben. Nur haben sich die Erzählungen an die moderne Welt angepasst – und werden offensichtlich so bedingungslos geglaubt wie einst ihre historischen Vorbilder.

Statt von der Begegnung mit der Wilden Jagd hört man heute von Begegnungen mit UFOs und von Entführungen durch Ausserirdische. Die Geschichte vom «Vanishing Hitchhiker», dem mitgenommenen Anhalter, der sich auf dem Beifahrersitz plötzlich in Luft auflöst, wird in der ganzen Welt als unheimlicher Tatsachenbericht erzählt. In den 1980er-Jahren geisterte mit der «Weissen Frau im Belchen» eine schweizerische Version dieser Spukgeschichte durch die Medien.

Urban Legends

Solche Geschichten bezeichnet man als moderne Wandersagen oder «Urban Legends». Dazu gehört etwa die prominente Geschichte von den Win-for-Life-Losen: Alle Hochzeitsgäste schenken dem Brautpaar je ein solches Los. Tatsächlich finden sich darunter zwei Hauptgewinne, was eigentlich unmöglich ist. In einer anderen Geschichte wacht jemand am Morgen nach einem One-Night-Stand alleine auf und entdeckt die Nachricht «Willkommen im Aids-Club», die der verschwundene Liebespartner hinterlassen hat.

Wilhelm Tell als mittelalterliche Wandersage

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Wandersagen sind kein Phänomen der Moderne. Die Geschichte vom Apfelschuss und vom verborgenen zweiten Pfeil, der dem Herrscher gilt, falls der erste Pfeil den Sohn trifft, ist schon um 1200 in Dänemark schriftlich belegt.

Dort heisst der Schütze Toko und ist ein Krieger von König Harald Blauzahn, der im 10. Jahrhundert lebte. Dasselbe Sagenmotiv war im Mittelalter in ganz Skandinavien, Norddeutschland und England verbreitet. Tell ist der südlichste und heutzutage berühmteste Vertreter dieser Wandersage.

Erstmals in der heutigen Schweiz belegt ist Tell namentlich und mit seinen sagenhaften Taten im Weissen Buch von Sarnen, einer Chronik von 1474. Die Geschichte zugespitzt hat Friedrich Schiller, der aus dem regionalen Freiheitskämpfer ein universelles Symbol für Freiheit und Demokratie machte.

Kein Wunder, galt Max Frisch als Nestbeschmutzer, als er in seinem Werk «Wilhelm Tell für die Schule» 1971 den Nationalhelden zu einem dümmlichen Bauern und Jäger degradierte, der eigentlich nur seine Ruhe will.

Der Clou all dieser Geschichten: Sie werden überall in der westlichen Welt erzählt. Und immer wird betont, das sei in der jeweiligen Gegend tatsächlich so geschehen, denn man hat es von einer glaubhaften Gewährsperson erzählt bekommen. Passiert ist das Malheur immer dem «Freund eines Freundes», also einer Person, die zwar zum Greifen nah, aber eben nie greifbar ist. Hunderte solcher Grossstadtsagen aus der westlichen Welt wurden in den letzten Jahrzehnten gesammelt und publiziert.

Creepypastas – unheimliche Internetgeschichten

Längst haben sich unheimlichen Alltagssagen als sogenannte «Creepypastas» auch im Internet ausgebreitet. Konjunktur haben zum Beispiel angebliche Fälle von Organraub. Meist wird eine ältere Person in einem südlichen Ferienort entführt und dem Opfer ein Organ operativ entfernt. Eine Angstvorstellung, die an ganz unterschiedlichen Orten immer wieder als tatsächlich passiert erzählt wird. Dass illegaler Organhandel real existiert, erhöht die Plausibilität dieser Sage natürlich.

Creepypastas? Mehr zu den Begrifflichkeiten

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  • Creepypastas: Moderne Gruselgeschichten im Internet. Der Begriff leitet sich ab von Copypastas, das sind digitale Inhalte, die sich durch «copy and paste» (kopieren und einsetzen) im Internet verbreiten. Creepypastas betont das Unheimliche dieser Sagen (creepy = gruselig, beängstigend).
  • Wandersage: Eine klassische oder moderne Sage, die an vielen Orten gleich oder ähnlich erzählt wird, mit dem Anspruch der erzählenden Person, dass sie am jeweiligen Ort wirklich passiert ist.
  • Urban Legend: Sage, die im Gegensatz zur traditionellen Volkssage in der industriellen, technisierten, digitalisierten Gegenwart spielt, ein unheimliches oder übernatürliches Element enthält und dennoch glaubwürdig ist. Wie die Wandersage wird die Urban Legend (auch Grossstadtsage, Contemporary Legend, Foaftale = «friend of a friend tale») weltweit erzählt und geglaubt.

Das bekannteste Beispiel für Creepypastas ist der Slenderman, der seit rund 20 Jahren durch das Internet und die Medien geistert. Die Figur, ein riesengrosses, spindeldürres Wesen ohne Gesichtszüge, das Kinder entführt und tötet, wurde nachweislich für einen Wettbewerb der Internetseite «Something Awful» erschaffen.

Ihr Bild verbreitete sich in Windeseile über die digitalen Medien, verselbständigte sich und überall auf der Welt berichteten Menschen, sie hätten den Slenderman in der realen Welt gesehen. In den USA stachen 2014 zwei Mädchen sogar eine Gleichaltrige nieder und behaupteten, sie hätten das im Auftrag des Slenderman getan. Ein eindrücklicher Beweis für den Wirklichkeitsgehalt, den Sagen haben können.

Der Slenderman ist denn auch nicht neu, sondern die jüngste Version einer Kinderschreckfigur, die früher je nach Gegend als «Bölimaa», «Butzemann» oder «Boogeyman» bezeichnet wurde.

Die Geister, die wir riefen

Zu den ältesten Ängsten der Menschheit gehört jene, dass ihre selbstgeschaffenen Werkzeuge sich aus ihrer Kontrolle befreien und sie vernichten. Figuren wie der Golem der jüdischen Tradition, Frankensteins Monster, Goethes Zauberlehrling oder auch das Sennentuntschi aus der Alpensage verkörpern diese Angst vor den Geistern, die wir riefen und nicht mehr loswerden.

In die Reihe dieser Geister fügt sich aktuell die Künstliche Intelligenz.

Buchtipps

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Meinrad Lienert: «Sagen und Legenden der Schweiz». Nagel & Kimche, 2011.

Rolf Wilhelm Brednich: «Die Spinne in der Yucca-Palme. Sagenhafte Geschichten von heute». C. H. Beck, 2021 (erstmals 1990). Dazu fünf weitere Bände desselben Autors mit modernen Grossstadtsagen.

SRF 1, 10vor10, 8.6.2026, 21:50 Uhr; wilh

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