Zum Inhalt springen

Header

Video
Ronja Fankhauser: Die Rebell*in an der Feder
Aus Kultur Webvideos vom 17.07.2020.
abspielen
Inhalt

«Tagebuchtage Tagebuchnächte» Die Leiden der jungen Wörter

Eine Berner Maturandin schreibt eine Abschlussarbeit über die Tagebücher von Jugendlichen – und landet damit einen Bestseller.

Die 20-jährige Ronja Fankhauser entspricht ziemlich genau dem Bild, das die Medien von ihrer Generation vermitteln: Die Berner Autorin kritisiert den Kapitalismus, engagiert sich in der Klimabewegung und ist Feministin.

Zumindest ein Teil der medialen Aufmerksamkeit dürfte deshalb eher auf ihre Person als auf ihr Buch zurückzuführen sein. Das ist schade.

Denn «Tagebuchtage Tagebuchnächte» ist mehr als ein Generationenbuch. Es handelt von einer Erfahrung, die alle einmal gemacht haben: dem Erwachsenwerden.

Ronja Fankhauser
Legende: Ronja Fankhauser identifiziert sich als non-binär, also als weder männlich noch weiblich. SRF

«Ig gräne jedi Nacht»

Dafür hat Fankhauser rund 20 Bekannte nach Tagebüchern aus der Jugendzeit gefragt. Ausschnitte daraus bilden, zusammen mit Gesprächsabschriften, eine Erzählung. Sie ist in Themen unterteilt wie «verliebt sein» oder «traurig sein».

Da wird von Übergriffen erzählt, von Einsamkeit und Essstörungen. Fotos der Tagebuchseiten gewähren Einblick in die Gedankenwelt junger Menschen. «Ig gräne über es Jahr lang jedi Nacht», heisst es da etwa. Die schönste Zeit des Lebens sieht anders aus.

Raus aus der Vereinzelung

Berichtet wird zum Beispiel von Luna, deren Freund ihr für einen Instagrampost gegen ihren Willen die Zunge in den Hals steckt. Von Iris, die sich im Bastelunterricht mit der Schere die Hand blutig kratzt. Oder von einem Mobbingopfer, das wochenlang weinend im Bett liegt, ohne dass es die Eltern kümmert.

«Tagebuchtage Tagebuchnächte» ist ein überzeugendes Plädoyer dafür, die Leiden von Teenagern ernst zu nehmen. So dramatisch die Textausschnitte wirken, für die Jugendlichen sind die geschilderten Gefühle real.

Fast alle schreiben dabei davon, sich ausgeschlossen zu fühlen. Und merken nicht, dass es den anderen genauso geht. Fankhauser sieht die Schuld bei der Schule, die Jugendlichen nicht beibringt, über die eigenen Gefühle zu sprechen.

Spiel mit der Biografie

Immer wieder flicht Fankhauser eigene Erlebnisse in die Arbeit ein. Erzählt etwa davon, wie sie sich mit 15 zum ersten Mal verliebt – in eine Mitschülerin im Internat.

Damit folgt Fankhauser einem literarischen Trend: dem autofiktionalen Schreiben. Dabei arbeiten Schriftstellerinnen und Schriftsteller mit der eigenen Biografie. In den letzten Jahren haben etwa Maggie Nelson, Annie Ernaux oder Édouard Louis damit für Furore gesorgt.

Das ist erst der Anfang

Mit ihrem eindringlichen Stil braucht sich die Fankhauser vor diesen Kolleginnen und Kollegen nicht zu verstecken.

Es gelingt ihr, die Leserschaft in eine Zeit zurückzuführen, in der man vieles zum ersten Mal und deshalb intensiver erlebt. Damit trägt sie dazu bei, den Graben zwischen den Generationen zu verringern.

«Tagebuchtage Tagebuchnächte» ist für Ronja Fankhauser aber erst der Anfang. Diesen Herbst beginnt sie am Bieler Literaturinstitut zu studieren. Man darf also gespannt sein, was noch kommt.

Buchhinweis

Ronja Fankhauser: «Tagebuchtage Tagebuchnächte». Lokwort 2020.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktualität, 17.07.20, 17:20 Uhr

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

7 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.