Zum Inhalt springen
Inhalt

Literatur Tierphilosophie: Worüber denken Katzen nach?

Im Roman «Der Gast im Garten» verändert eine Katze unverhofft das Leben eines Paares. Der philosophische Roman von Takashi Hiraides ist ein Erfolg. Doch wie steht es wirklich um die Beziehung von Mensch und Tier? Ein Gespräch mit dem Tierphilosophen Markus Wild.

Eine rot getiegerte Katze liegt in einem Garten auf einem Stein.
Legende: Können Katzen Leben verändern? Der Dichter Takashi Hiraides beantwortet die Frage in seinem Roman «Der Gast im Garten». Flickr/Maxim

Markus Wild, Sie sind Tierphilosoph und erforschen das Verhältnis zwischen Mensch und Tier. Im Roman «Der Gast im Garten» sucht nicht der Mensch die Katze aus, sondern umgekehrt. Ist das einfach gut erfunden?

Markus Wild: Das gibt es, dass sich Katzen den Ort oder die Leute selber aussuchen. Wenn man es zulässt und sie nicht verscheucht, tauchen sie gern als Gäste auf. Ich würde also sagen, die Geschichte mit der Katze im Roman ist nicht gut erfunden, sondern gut gefunden. Interessant finde ich in diesem Zusammenhang die Frage nach unserem Verhältnis zum Tier. Normalerweise besitzen wir ja Haustiere. Wir betrachten sie als unser Eigentum. Wenn nun ein Tier freiwillig dazukommt, dann hat es plötzlich den Status eines Gastes oder eines Mitbewohners.

Tierfiguren gibt es oft in der Literatur. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Ich glaube, Tiere eignen sich als Projektionsfläche für fremdes Erleben. Das reizvolle an Tierfiguren in der Literatur ist die ungewohnte Perspektive. Diese andere, überraschende Sicht auf die Welt findet man oft. Nehmen sie «Anna Karenina» von Tolstoi. Da gibt es den Hund Laska. Er denkt darüber nach, warum Menschen ihre nächste Umgebung vergessen und über weit entfernte Gegenstände nachdenken. Der Hund ist die Figur, die zum Ausdruck bringt, dass unmittelbares Erleben auch wichtig ist.

Sie sind Professor für Philosophie an der Universität Basel und ihr Forschungsschwerpunkt ist Tierphilosophie. Was ist das?

Die Tierphilosophie sucht – ähnlich wie die Literatur – eine andere Perspektive und beschäftigt sich mit folgenden Fragen: Was ist der Unterschied zwischen Mensch und Tier? Eine alte philosophische Frage, die noch immer im Zentrum der Forschung steht. Welche sozialen und kognitiven Fähigkeiten haben Tiere? Haben sie ein Selbstbewusstsein, haben sie Emotionen und verstehen sie soziale Zusammenhänge? Was ist eigentlich ein Tier, was unterscheidet es von Pflanzen, Bakterien und Pilzen? Und schliesslich die Tierethik: Was dürfen wir aus moralischer und ethischer Sicht mit Tieren tun, was nicht?

Der Hauptunterschied zwischen Mensch und Tier – stellen wir uns vor – ist das Denken. Wir gehen davon aus, dass Tiere nicht denken können.

Das stimmt, doch was heisst denken? Denken kann ja verschiedene Bedeutungen haben. Ich glaube sehr wohl, dass Tiere Gedanken haben. Das zeigt auch die Forschung. Wir wissen, dass Tiere lernfähig sind. Ein Vogel kann sich zum Beispiel erinnern, wann und wo er welches Futter versteckt hat. Das nennt man in der Forschung «episodisches Gedächtnis». Der Vogel denkt in etwa: «Aha, die Nüsse habe ich vor kurzem da links versteckt, die sind noch gut, also grab ich die aus». Eine zweite Bedeutung des Denkens meint eher den Prozess, also nachdenken, entscheiden und Schlüsse ziehen. Es gibt Hinweise, dass Tiere das können.

Was ist Ihr Anliegen im Umgang mit Tieren?

Mein Anliegen kommt sehr schön im Roman von Takashi Hiraide zum Ausdruck, nämlich die Fähigkeit, Tiere in ihrer Eigenart wahrzunehmen. Die Katze tritt auf, kommt wann und wie sie will, hat also eine Eigenständigkeit. Sie definiert die Beziehung. Der Mensch beobachtet und nimmt entgegen, was die Katze gibt. So sollte es sein. Genaue und liebevolle Beobachtung. Besonders wichtig ist mir aber, dass wir unser Verhalten gegenüber Tieren überdenken. Ist alles, was wir mit Tieren tun, legitim? Sollten wir nicht von einigen Praktiken Abstand nehmen?

Meinen Sie damit, keine Tiere töten und keine Tiere essen?

Ja. Ich finde, empfindungsfähige Tiere sollten Grundrechte haben. Dazu gehört die körperliche Integrität. Tiere, die empfinden können, sollten ein Recht auf Leben und auf Freiheit haben. In der Konsequenz heisst das: keine Tiere essen, keine Tiere im Zoo ausstellen und keine Tiere für den Zirkus dressieren.

Sie haben selber Haustiere oder besser gesagt tierische Mitbewohner, drei Katzen und einen Hund, Titus. Wie ist Ihr Verhältnis zu den Tieren?

Es ist ein sehr personalisiertes Verhältnis. Die vier Tiere, mit denen ich zusammenlebe, sind sehr individuell. Mit einer Katze habe ich eine sehr nahe Beziehung, weil sie von Hand aufgezogen ist. Beim Hund ist es wichtig, dass er sich anständig benimmt und sozial verträglich ist. Im Moment liegt er gerade in meinem Büro und schläft. Häufig ist er auch in den Vorlesungen und Seminaren dabei.

Langweilt sich der Hund nicht, wenn Sie vorne dozieren?

Nein, er benutzt das als Ruhepause. Er reagiert aber sehr stark, wenn ich vom Schweizerdeutschen ins Hochdeutsche wechsle. Dann weiss er, jetzt ist nicht Titus-Zeit, jetzt ist Uni-Zeit. Doch sobald ich wieder in die Mundart wechsle, guckt er, was los ist und erwartet, dass wir spazieren gehen.

Markus Wild

Markus Wild

Markus Wild ist Professor für Philosophie an der Universität Basel. Sein Forschungs-Schwerpunkt ist die Tierphilosophie. Er befasst sich mit dem Verhältnis von Mensch und Tier. Im Zentrum stehen dabei ethische Fragen in der Beziehung zwischen Mensch und Tier sowie die sozialen und mentalen Fähigkeiten von Tieren.

«Der Gast im Garten»

«Der Gast im Garten» des japanischen Dichters Takashi Hiraides ist die Geschichte eines Paares, dessen Leben sich verändert, als sie plötzlich regelmässig eine Katze besucht. Der unspektakuläre, philosophische Roman eroberte überraschend die Bestenlisten in den USA und Frankreich.

Buchhinweis

Takashi Hiraide: «Der Gast im Garten». Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Insel, 2015.

14 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Teilen Sie Ihre Meinung... anwählen um einen Kommentar zu schreiben

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

Bitte beachten Sie unsere Netiquette verfügbar sind noch 500 Zeichen

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Jaroslaw Trachsel, Zürich
    Ich ass, von Kindsbeinen an, nie Fleisch, weil mein Gefühl sagt, das könne ich nicht essen. Wenn ich aber in die Welt schaue, ist fressen und gefressen werden normal. Der Bauch des Löwen ist das Altersheim der Gazellen. Meine Philosophie: Im Lauf der Ewigkeit vor und nach dem Jetzt hat einst und wird wieder unsere "Unit of conscience" wohl alle möglichen Körper beseelen. Mehr dazu in "Andas Tempel", mein Essay zum Thema. 196 Seiten für 10 Euros. Meine Meinung: Moderne Tierhaltung - Schweinerei.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von beni fuchs, schaffhausen
    Ein Tier denkt kaum konkret in Worten wie im Beispiel. Sonst hätte es auch die Fähigkeit, in gleichem Masse zu sprechen. Jedoch hat jedes Tier ein Empfinden und spürt sich als 'ich', wie wir Menschen auch (bin ich persönlich überzeugt) und hat daher das Recht, respektiert zu werden. 'Gott' (was immer das auch ist) hat uns die Freiheit gegeben zu Tun was wir wollen, nur sehen wir die Folgen dessen, aufgrund der beschränkten Einstellung unsrer Scheuklappen, erst viel zu spät, wenn überhaupt...
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von Herbert Hegner, 8856 Tuggen
    Tolles Interview... Gerade jetzt wo im Sommer wieder die Grillsaison mit Tonnen von solchem Fleisch (vor allem das Schweinefleisch, aber auch alle anderen Sorten) verzehrt werden, und sich niemand auch nur einen Deut um das Wohl der Tiere schert. Aber die Leute verkennen vor allem eines: Du bist, was du isst. Und du isst dieses Leid mit. Dieses Gefängnis, in welchem die Tiere gehalten werden, wird Teil von dir selbst. Darum sind so viele Leute gefangen. Eigentlich ganz logisch. Und gerecht.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten