Zita unternimmt eine anspruchsvolle Bergwanderung in den savoyischen Alpen. Mit viel Liebe zum Detail beschreibt Jérémie Gindre die Anfahrt, die Landschaft, die vielen Gedanken, die Zita beim Anstieg durch den Kopf gehen. Fast unmerklich schleichen sich Zeichen ein, die Ungutes ankündigen: Nebel überrascht sie, dann ein Schneefeld, es wird steiler und plötzlich packt Zita die Angst.
Spiel mit Wahrnehmungsverzerrung
Mit ihr packt die Angst auch mich als Lesenden. Denn in meinem Rucksack trage ich die Erinnerung an den Roman «Bergfahrt» des Schweizer Autors Ludwig Hohl, in dem eine ähnliche Bergtour tödlich endet. Gindre weiss das, er kennt unsere von Nachrichten, Sozialen Medien und Spielfilmen geprägte Erwartung, die uns die Welt als gefährlicher erscheinen lässt, als sie statistisch ist. Mit diesem sogenannten Mean-World-Syndrome spielt der Autor geschickt und oft mit feinem Humor.
«Sie hat sich auf die Äste hinausgelassen, hat das Risiko unterschätzt. ‹Sich auf die Äste hinauslassen›, woher kommt jetzt dieser Ausdruck? Und passt das hier, oberhalb der Baumgrenze? ‹Sich verrennen› oder ‹sich versteigen› schon eher. Sie hat sich im wahrsten Wortsinn verstiegen.»
Tatsächlich passiert dann auch ein Unfall. Aber nicht ihr, nicht Zita. Und kein tödlicher.
Frauen auf Reisen
Dieses raffinierte Spiel mit Erwartungen betreibt Gindre in allen Geschichten des Buches. Denn «Tombola» ist kein eigentlicher Roman, wie die Titelseite des Buches verspricht, sondern eine Sammlung von sieben Erzählungen mit völlig unterschiedlichem Personal, Handlungsorten und Geschehen.
Gemeinsam ist den Geschichten, dass sie von Frauen handeln, die sich auf eine Reise begeben. Die einen Schritt aus dem Alltag heraus machen und dann mit einer potenziell gefährlichen Natur konfrontiert werden. Dass der Autor weibliche Hauptfiguren wählt, macht sein zentrales Thema, die Verletzlichkeit des Menschen und die Unberechenbarkeit der Welt, noch dringlicher. Denn bedroht werden Zita, Espe oder Joanne auch von latent gewalttätigen Männern.
In Erwartung der Gewalt
Saskia zum Beispiel, die nach zehn Jahren wieder einmal ihren Vater besucht und sich vornimmt, ihre Kindheit mit ihm anzusprechen, ihre Erinnerungen an vergangene Ängste. Der Vater ist nett. Und doch liegt ein Gewaltausbruch buchstäblich in der Luft.
Oder die beiden Freundinnen, die am Sankt-Lorenz-Strom in Kanada eine Velotour machen. Die Landschaft ist grandios, aber leider lassen sich die Strommasten am Horizont ebenso wenig ausblenden wie die überfahrenen Tiere am Strassenrand. Und noch weniger das Unbehagen, das ihnen die unheimlichen, waffenvernarrten Einheimischen bereiten.
Die Katastrophe erspart uns Gindre nie, aber sie kommt jedes Mal anders und viel weniger schlimm als erwartet. Die Gefahr, die vom Fremden ausgeht, existiert zwar meistens nur in unserem Kopf. Doch das Leben bleibt eine Lotterie, in der die Lose unberechenbar durch die Tombola purzeln.
Zwischen Reiseführer und Abenteuerroman
Mit den sachkundigen Beschreibungen von Geografie, Geschichte und Kultur einer Gegend schliesst der Autor an legendäre literarische Reisebeschreibungen an, seien es Goethes Italienreise, Bruce Chatwins Patagonienroman oder die literarischen Reportagen von Annemarie Schwarzenbach. Gindre webt in seine Reisegeschichten zusätzlich das Abenteuer ein und schafft damit unscheinbar grosse Literatur.