Mikrokosmos Nachtlokal «Tram 83» – ein Roman wie ein Jazz-Song

Die Minenstadt im Roman «Tram 83» ist fiktiv. Die Probleme der Gesellschaft sind echt. Dem Kongolesen Fiston Mwanza Mujila ist eine klare Gesellschaftsanalyse über eine Stadt am Rande eines Staatsstreichs gelungen.

Szene vor einem Nachtclub Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: In «Tram 83» trifft sich die Stadt. Alle wollen alles – und zwar subito. Keystone

Der Roman «Tram 83» von Fiston Mwanza Mujila ist ein internationaler Riesenerfolg. In 15 Sprachen ist die Geschichte aus einer fiktiven Minenstadt im Kongo erschienen. Warum soll uns das interessieren? Wie weit weg ist die demokratische Republik Kongo?

Migration in zwei Richtungen

Fiston Mwanza Mujila lebt in Graz, aber er kommt aus Lubumbaschi, der Hauptstadt der südkongolesischen Provinz Katanga. Dort werden Bodenschätze wie Kupfer, Kobalt, Uranium, Coltan und Diamanten abgebaut.

Der Kongolese erklärt auf Französisch: «Wir sind ganz gut integriert. Es ist nicht nur so, dass wir als Flüchtlinge nach Europa kommen. Es gibt auch die gegenläufige Migration.»

Die Aktionäre der kongolesischen Minen sässen in aller Welt. «Viele Reiche kommen als gewinnorientierte Touristen zu uns. Das Uranium für die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki kam aus dem Kongo. Das Coltan für Handys wird zu 60 Prozent in Katanga abgebaut.»

Hier herrscht ein Tyrann

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Buchhinweis

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Imago/Gezett

Fiston Mwanza Mujila: «Tram 83», Hanser Verlag, 2016.

Das titelgebende «Tram 83» ist ein Nachtlokal – und mehr als das. Es ist ein Restaurant (Spezialität: Spiesschen vom Hund), eine Bar, ein Konzertsaal, eine Bäckerei und ein Bordell. Alleinstellungsmerkmal sind die gemischtgeschlechtlichen Toiletten.

Es ist ein Treffpunkt von Welt, Halbwelt und Unterwelt: das Freizeit-Herz einer fiktiven Minenstadt. Sie wird von einem grausamen Tyrannen beherrscht wird, der sie zu einem eigenen Staat erklärt hat.

Studenten und Minenarbeiter gehen aufeinander los, bewaffnete Banden bekriegen sich. Überall und ständig bieten sich junge und alte Frauen an.

Morgen könnte Krieg ausbrechen

Das Klima ist permanent erhitzt: Exzess, Masslosigkeit und Extravaganz herrschen. Alle wollen alles und zwar subito, denn morgen schon kann ein Staatsstreich oder ein Bürgerkrieg kommen.

Ausdruck dieser ständigen Überhitzung ist das Jazz-Fieber, das die Menschen in periodischen Abständen ergreift. Auch der Roman selbst ist wie eine Jazz-Partitur, wie ein Bigband-Konzert gebaut.

Spiel der Sprache

Es gibt Passagen, in denen alle zusammenspielen und Gesprächsfetzen durcheinander fliegen. Es gibt Solos, Duos, Trios: Monologe, Zweiergespräche, Dreiergespräche.

Bestimmte Themen tauchen immer wieder auf, wie Leitmotive. Etwa die immer gleichen Sätze der Anmache, die von den Frauen in männliche Ohren geflüstert werden. Es gibt Reprisen, Motive die öfter wieder aufgenommen oder nur in Stichwörtern angespielt werden.

Ein Autor ausser Rand und Band

Wenn der Autor seinen Text rezitiert, dann klingt Mujilas Stimme wie ein Saxophon oder eine gestopfte Jazz-Trompete. Er gerät – kalkuliert – ausser Rand und Band, gerät in einen Sog, improvisiert wie ein Jazzer ganz aus dem Bauch heraus.

Keiner wollte es, es geschah trotzdem

Hinter all dem Tumult steckt eine klare Gesellschaftsanalyse. Mujila erzählt die Geschichte von drei Hauptpersonen, einem Gangster, einem Schriftsteller und einem schweizerischen Verleger, die untereinander in Konflikt geraten.

Dabei handeln alle wohlüberlegt und verfolgen ihre Interessen ganz rational. Trotzdem kommt am Schluss etwas heraus, was keiner wollte oder vorhersah: eine Revolte gegen den herrschenden Tyrannen.

Diese Unberechenbarkeit heutiger gesellschaftlicher Situationen darzustellen, ist nicht einfach – Mujila ist das sehr gut gelungen.

So kaputt, aber so schön

«Tram 83» steckt voller Musik und Witz. Hier wird eine «desorganisierte Bananenrepublik» als «schöne kaputte Welt» gezeigt. Das Grossartige: Die Welt ist kaputt und trotzdem schön.

Mujila verharmlost die makabre, unmenschliche Realität nicht. Trotzdem vermag er auch ihre vitale Schönheit zu sehen und zu zeigen.

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