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Der deutsche Osten – eine Welt im Rückbau
Aus Literaturfenster vom 16.08.2021.
abspielen. Laufzeit 27:24 Minuten.
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Tristesse im deutschen Osten «Ich glaubte, frühpensioniert zu sein, sei ein Beruf»

Arbeitslosigkeit, Abwanderung, Abrissbirne: Der deutsche Jungautor Lukas Rietzschel schildert in seinem Roman «Raumfahrer» das Lebensgefühl in der ehemaligen DDR.

Die Menschen im Osten Deutschlands schweben «in einer Zwischenwelt». Sie leben irgendwo zwischen Vergangenheit und Gegenwart und finden «weder Halt noch Orientierung». Sie sind mit «Raumfahrern» gemeint, die ziellos durch die Unendlichkeit des Weltalls gleiten.

Dies schreibt der in Görlitz an der deutsch-polnischen Grenze lebende junge Autor Lukas Rietzschel in seinem neuen Roman «Raumfahrer». Es ist sein zweiter nach dem viel beachteten Debüt «Mit der Faust in die Welt schlagen» von 2018 zu den Ursachen der politischen Radikalisierung im Osten.

Eine zerfallende Welt

Im Zentrum von «Raumfahrer» steht die Figur des gut 30-jährigen Jan. Er arbeitet im Spital der sächsischen Kleinstadt Kamenz. Allerdings nicht mehr lange: Das Spital wird geschlossen, da die Menschen fehlen.

Jan erlebt seine Umgebung als eine Welt im Rückbau: Abwanderung, Abriss von Plattenbauten, Schulschliessungen, Verlust von Arbeitsplätzen, Frühpensionierungen am Laufmeter.

«In meiner Kindheit», erinnert sich der 1994 geborene Rietzschel im Gespräch, «glaubte ich lange, frühpensioniert zu sein, sei ein Beruf, den man lernen könne. Es gab kaum eine Familie in meinem Umfeld, die nicht davon betroffen war.»

Sprachlos im Umgang mit der Vergangenheit

Jan wurde kurz vor dem Mauerfall 1989 geboren. Er kennt somit die Diktatur und ihr Erbe nur aus den Erzählungen seiner Eltern.

Aber genau damit hapert es: Die Mutter trinkt sich zu Tode, der Vater ist verstockt. Jan erfährt – wenn überhaupt – nur in Bruchstücken von früher: vom Erleben des Unrechtsstaats DDR, von den Grosseltern zur Zeit der Nazis.

Eine Box voller Rätsel

Jans tristes Leben erfährt in jenem Moment eine jähe Erschütterung, als ihm ein flüchtig Bekannter einen Schuhkarton überreicht. Dieser enthält zahllose ungeordnete Dokumente, die einen gewissen Günter Kern betreffen.

Die Papiere erzählen von der ganzen Monstrosität des DDR-Staats, von der Kern offenbar betroffen war: gescheiterter Fluchtversuch, Bespitzelungen durch die Stasi, Verrat, Kollaboration mit dem Regime.

Auf dem Karton steht Jans Name. Doch was hat dies mit ihm zu tun? Er kennt diesen Kern ja gar nicht.

Verstörende Geschichte

Jan forscht nach. Und mehr und mehr kommt die Wahrheit ans Licht. Und der junge Mann realisiert, dass die in den Papieren dokumentierte verstörende Geschichte Kerns auch mit seinem Leben verbunden ist. 

Und er begreift, dass er, der Nachgeborene, direkt betroffen ist von den Traumata der älteren Generation: Sie haben sich auf ihn übertragen. Und stehen nun dem Zukunftsglauben im Weg. «Er gehörte dazu», heisst es im Roman, «er war ein Raumfahrer wie sie.»

Legende: Hans-Georg Kern, besser bekannt als Georg Baselitz, setzte sich rechtzeitig in den Westen ab. IMAGO / Andrea Merola

Reale Grundlage

Den Schuhkarton, schreibt Lukas Rietzschel am Ende des Romans, den gibt es wirklich. Auch Günter Kern. Er lebt bis heute in Kamenz und hat dem Autor vor ein paar Jahren eine Schachtel mit Dokumenten übergeben, die sein Leiden zur Zeit der DDR dokumentieren.

Günter Kern ist der Bruder von Hans-Georg Kern. Dieser floh 1957 in den Westen und wurde dort unter dem Künstlernamen Georg Baselitz zu einem berühmten Maler. Etwa durch seine «Heldenbilder», die sich als satirische Kommentare auf den von Nazis und Kommunisten propagierten Heldenmythos lesen lassen.   

Buchhinweis

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Lukas Rietzschel: «Raumfahrer». dtv 2021.

Das Chaos fügt sich

Lukas Rietzschel verwebt die Geschichte des fiktiven Jan und die fiktionalisierten Geschichten der realen Gebrüder Kern mit grosser Kunst. Dabei hüpft der Autor virtuos zwischen den Figuren hin und her, zwischen Gegenwart und Vergangenheit.

Am Ende fügen sich all die Mosaiksteine schliesslich zu einem Gesamtbild des tristen Zustands der ostdeutschen Gesellschaft.  Die Ursachen – so zeigt es dieser Roman – liegen zu einem guten Teil im verfehlten Umgang mit der Vergangenheit.

Radio SRF 2 Kultur, Literaturfenster, 16.08.2021, 09:03 Uhr

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Lutz Bernhardt  (lb)
    @schwenn81. Alle meine Bekannten in der DDR waren und sind der Meinung immer ihr bestes an Leistung gegeben zu haben. Als promovierter Mathematiker habe ich über 3 Jahre im DDR Stasi-Knast und im DDR Zuchthaus Brandenburg zugebracht. Die zugeteilte Arbeit: Wickeln von Elektro-Motoren. Im ersten Jahr blieb meine Leistung unter 75%. Und ich habe mich bemüht! LLer (lebenslängliche) schafften im Schnitt 300%! Klares Indiz was Leistungswille bewirken kann!. Und der fehlte in der DDR.
  • Kommentar von Fred Krüger  (frdkrgr)
    "Sie sind mit «Raumfahrern», die ziellos durch die Unendlichkeit des Weltalls gleiten."

    Da scheint ein Satz auch etwas sehr undefiniert im Zeug herumzuschweben.
    1. Antwort von SRF Kultur (SRF)
      @Fred Krüger: Danke, ist korrigiert!
  • Kommentar von Lutz Bernhardt  (lb)
    Als junger Mensch habe ich - aus dem Westen kommend - einige Jahrzehnte in der DDR verbracht. Das was mich dort am meisten schockiert hat, war der fehlende Wille reale Leistung zu erbringen. Nicht der Wert dessen, was man schaffte, war entscheidend, sondern die erwartete staatliche Anerkennung in Form von Orden und Ehrenzeichen. Grossartige Schweiz, wo eben solcher Unsinn nicht nur verpönt, sondern gleich verboten ist. Es wird noch lange dauern, bis sich dies normalisiert.
    1. Antwort von Sven Schmitt  (schwenn81)
      Lieber Herr Bernhardt, ich habe Verwandschaft im Osten, und auch mein Stiefvater kommt von dort. Alle Menschen mit denen ich Kontakt hatte waren hart am Arbeiten, also lasse ich es nicht gelten wenn Sie sagen das der Wille fehlt reale Leistung zu erbringen. Was natürlich nicht bedeutet das es nicht vorgekommen ist ich kenne ebenso solche Menschen, die gibt es aber überall.