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Literatur «Üben, üben, üben» – Christian Haller über seine Leseschwäche

Diktate und Aufsätze waren für ihn als Kind eine Qual: Der Schweizer Autor Christian Haller war Legastheniker, die Buchstaben wirbelten in seinem Kopf durcheinander. Später hat er aus seiner Schwäche eine Stärke gemacht. «Durch die Widerstände habe ich erst ein sprachliches Bewusstsein entwickelt.»

Christian Haller
Legende: Bei Diktaten lernte Christin Haller den Text auswendig. Sein Schreibtempo passte er an das Sprechtempo des Lehrers an. SRF/Lukas Maeder

Die Hauptfigur in Ihrem autobiografischen Roman «Die verborgenen Ufer» hat eine Leseschwäche. Heute sagt man dazu Legasthenie. In Ihrer Kindheit hatten die Lehrer – das beschreiben Sie eindrücklich – dafür kein Verständnis.

Christian Haller: Nein, meine Leseschwäche wurde einfach zur Kenntnis genommen. Mit dieser Art Schwäche wusste man damals noch nicht umzugehen. Das war einfach ein Defekt, den jemand hatte. Ich musste also selber einen Weg finden, damit zurechtzukommen.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie Mühe haben mit den Buchstaben?

So richtig manifest wurde es in der dritten Klasse. Am schlimmsten war es, wenn mich der Lehrer aufforderte, vor der Klasse aus dem Lesebuch vorzulesen. Das war eine unglaubliche Qual, weil ich es einfach nicht konnte. Zudem war meine Rechtschreibung katastrophal. In der Primarschule hatte ich allerdings noch Glück. Wenn es ein Diktat gab, sagte der Lehrer zu mir: «Lass es und lies was.» Es hatte schlicht keinen Sinn, dass ich das Diktat mitschrieb, weil ich erstens nicht verstand, was der Lehrer vorlas und man es zweitens gar nicht entziffern konnte.

Haben Sie Tricks oder eine Strategie entwickelt, um mit der Leseschwäche klarzukommen und in der Schule mithalten zu können?

Ja, ich habe versucht, Rechtschreibung zu üben. Auf einer späteren Stufe in der Bezirksschule habe ich ganze Diktate bis auf das letzte Komma auswendig gelernt. Ich habe dann nur noch drauf geachtet, möglichst gleich schnell zu schreiben, wie der Lehrer diktiert hat. Meine Leistungen ausgleichen konnte ich dagegen mit meiner Begabung für das Rezitieren von Texten. Im Vortragen von Gedichten war ich richtig gut. Das hat meine miserable schriftliche Ausdrucksfähigkeit etwas kompensiert.

Aber man wollte mich dann trotzdem nicht an die Prüfung für das Gymnasium zulassen. Schliesslich hat mein Vater interveniert und durchgesetzt, dass ich es zumindest versuchen durfte. Glücklicherweise habe ich dann die Prüfung bestanden.

Heute sind Sie ein anerkannter und gefeierter Schriftsteller. Das Schreiben ist Ihr Handwerk, gehört zum beruflichen Werkzeug. Wie haben Sie die Leseschwäche, die Legasthenie, denn überwunden?

Durch üben, üben, üben. Schreiben, schreiben, schreiben. Aber ich spüre diese Schwäche heute noch; an manchen Tagen stärker, an anderen weniger. Plötzlich verdrehen sich die Buchstaben. Deshalb bin ich froh, dass es heute Computer mit Korrekturtaste gibt. Und froh bin ich auch um einen guten Korrektor. Bei meinen eigenen Texten sehe ich die Fehler nicht. Da habe ich einen blinden Fleck.

Sie haben sich durch diese Schwäche intensiv mit der Sprache auseinander gesetzt. Sind Sie vielleicht auch gerade deswegen Schriftsteller geworden?

Sie hat bestimmt mein Verhältnis zur Sprache geprägt. Weil ich Widerstände hatte, jedoch nicht einfach kapitulierte, sondern gegen die Schwäche ankämpfte, führte dies zu einer vertiefteren Auseinandersetzung mit der Sprache. Durch die Widerstände habe ich erst ein sprachliches Bewusstsein entwickelt. Ich erspürte die Möglichkeit, mir durch die Sprache Räume zu eröffnen, die ausserhalb des Alltags und dem alltäglichen Sprachgebrauch lagen: Räume aus Klang und Rhythmus, doch von mich bewegender Bildhaftigkeit.

Ich entdeckte die Kraft, die in der Sprache steckt. Jedes Wort empfand ich als einen kleinen Behälter, in dem die Menschheitserfahrungen vieler Generationen komprimiert sind. Wenn es mir gelang, sie zu öffnen, dann entströmten ihm Empfindungen, Düfte und Farben, eine Sinnlichkeit und natürlich ein Sinn. Diesen Behälter mit einem Wortnussknacker zu öffnen, hat mich stets fasziniert und die Beschäftigung mit der Sprache so bereichernd gemacht.

Ansichten: Schweizer Literatur

Buchgestell mit Büchern und Autorenbildern.
Legende: Lukas Maeder

Mehr zu lesen und zu hören über Christian Haller gibt es auf unserer Literaturplattform «Ansichten».

Buchhinweis

In seinem neusten Roman geht der Christian Haller zurück in seine Kindheit und Jugend in den 1950er-Jahren und erzählt, wie er zur Sprache fand.

Christian Haller: «Die verborgenen Ufer». Luchterhand, 2015

6 Kommentare

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  • Kommentar von Elisabeth Frehner-Isenring, Oberbüren
    Nur der Vollständigkeit halber, Herr Gasser. Anfang des 1. Semesters musste ich antraben zu einem Testaufsatz und zwar mit allen Studierenden der Phil I und Phil II des Seklehrer-studiums, die keine 5 in der Deutschmaturanote aufweisen konnten. Ich habe diesen Aufsatz bestanden, das heisst also mindestens eine 5 dafür bekommen. Das weitere Studium ergab sich dann und war streng, neben Haushalt und Geldverdienen. Das zu Ihrer Meinung als unqualifizierte Maturaexpertin.
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  • Kommentar von Elisabeth Frehner-Isenring, Oberbüren
    Herr Gasser! Die 500 Zeichen beziehen sich auf den Kommentar, den man hier schreiben kann! Darum habe ich Abkürzungen gebraucht in meinem ersten Kommentar, damit alles Platz hat. ( Das hat auch nichts mit Grammatik zu tun.) Es bezieht sich nicht auf Aufsätze. Und früher waren die Schüler viel mehr der Willkür der Lehrer ausgesetzt als heute. Heute können sich die Schüler wehren und sonst hat es Anlaufstellen.
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  • Kommentar von Elisabeth Frehner-Isenring, Oberbüren
    Wunderbar, die Erfolgsgeschichte von diesem Mann. Das zeigt wieder mal wie üben überall wichtig ist und Negatives in Positives umgeändert werden kann. Ich habe einen recht schlimmen Deutschlehrer an der Kanti gehabt, der meine Aufsätze zuerst noch akzeptiert hat, die letzten zwei Jahre warf er sie so hin mit den Worten: Einfach schlecht! Resultat: 3,5 in der Deutschmaturanote. Mir war hundeelend. Zum Trotz habe ich den Sek'lehrer an der Uni ZH absolv.mit 5,5 in der Dtarbeit. Sprachlehr. geworden
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    1. Antwort von Reto Gasser, Oberbüren
      Auch ich war immer schlecht im Deutsch. Das aus Ihnen doch noch etwas rechts geworden ist, freut mich sehr. Ich muss mir aber erlauben, Ihre Gramatik gegen Ende Ihres Beitrages zu kritisieren: Da haben Sie einige Buchstaben vergessen. Vielleicht ist aber auch Ihre Tastatur verklebt.
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    2. Antwort von familie.frehner@thurweb.ch, Oberbüren
      Ich war nicht schlecht, der Lehrer hat mich gemobbt!! Wie sonst hätte ich nachher Deutsch und Französisch studieren können mit solch guten Noten! Mit Abkürzungen kann man Zeichen sparen, wenn nur 500 Zeichen vorgegeben sind. Da war man vor 50 Jahren als Schüler ganz alleine gelassen und musste alles erdulden.
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    3. Antwort von Reto Gasser, Oberbüren
      Unsere Schulaufsätze waren nie auf eine Anzahl Zeichen beschränkt. So 4 A4-Seiten waren sogar das Mindestmass. Dass sich dieses Limit bei Ihnen so gehalten hat, deutet wirklich auf ein prägendes Erlebnis hin. Damals gab es halt an der Uni noch keinen Numerus Clausus und man konnte mit einer Matur, jedes Fach studieren. Heute wird wohl niemand mehr Deutschlehrer mit einer 3.5 im Zeugnis. Damit sind die Kinder der Willkür der oftmals unqualifizierten Maturaexperten ausgesetzt.
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