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Legende: Audio Der Schweiz ins Gewissen geredet abspielen. Laufzeit 10:57 Minuten.
Aus Kontext vom 31.03.2019.
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«Unser Schweizer Standpunkt» Die Rede, für die Carl Spitteler bitter bezahlen musste

Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs rief Carl Spitteler zu strikter Neutralität auf. Dafür zahlte er einen hohen Preis.

Montagabend, 14. Dezember 1914 im grossen Saal des Zunfthauses zur Zimmerleuten in Zürich. Carl Spitteler aus Luzern hält eine Rede.

Der knapp 70-jährige Carl Spitteler zählt damals zu den bekanntesten deutschsprachigen Schriftstellern. Er ist eine eindrückliche Erscheinung: graue Haare, furchige Stirn, markante Nase, Vollbart.

«Wir müssen uns klar machen, was wir wollen», ruft er in den Saal. «Wollen wir oder wollen wir nicht ein schweizerischer Staat bleiben?»

Die zerrissene Schweiz

Viereinhalb Monate zuvor ist der Erste Weltkrieg ausgebrochen. Die kriegsführenden Staaten überbieten sich gegenseitig mit nationalistischem Getöse.

Es gilt, näher als bisher um die eidgenössische Fahne zusammenzurücken.

Die Schweiz bleibt zwar verschont. Doch im Innern brodelt es: Ein tiefer Graben, le fossé, durchzieht das Land. Die Romandie hält mehrheitlich zu Frankreich, die Deutschschweiz zum Deutschen Reich.

Gemüter beruhigen

Die Zeitungen diesseits und jenseits der Saane übernehmen die Propaganda der jeweiligen Kriegsparteien und werfen sich gegenseitig eben diese Parteinahme vor – als Gefährdung der Neutralität.

Auf Einladung der staatsbürgerlich-patriotischen Organisation «Neue Helvetische Gesellschaft» entschliesst sich Spitteler, eine Rede zu halten. Sie soll die Gemüter beruhigen.

Der Auftritt ist eine Ausnahme: Spitteler ist mit öffentlichen politischen Äusserungen sehr zurückhaltend.

Distanz wahren

Nun beschwört er eindringlich die aussenpolitische Neutralität: «Es gilt, näher als bisher um die eidgenössische Fahne zusammenzurücken.»

Ein Porträt von Spitteler mit Vollbart.
Legende: Carl Spitteler hielt 1914 seine Rede «Unser Schweizer Standpunkt». Sie kostete ihn fast den Literaturnobelpreis, den er 1919 doch noch erhielt. Schweizerisches Literaturarchiv Bern / Paul Bonzon, Lausanne

Die Westschweiz solle sich davor hüten, «sich zu nahe an Frankreich zu gesellen». Die Deutschschweizer warnt er vor zu grosser Nähe zum kulturell und wirtschaftlich eng verbundenen Deutschen Reich.

Kritik an der deutschen Kriegsführung

Gerade Deutschland habe sich in diesem Krieg schändlich verhalten, als es beim Vorstoss gegen Westen das neutrale Belgien überfiel und im Nachhinein dafür den Belgiern die Schuld zu geben versuchte.

Die Schweiz müsse in Anbetracht der europäischen Katastrophe abseits bleiben und «demütig» den Hut ziehen. «Dann stehen wir auf dem richtigen, neutralen, dem Schweizer Standpunkt.»

Die Zeitungen verbreiten Spittelers Rede. Im hysterischen Klima jener Tage nehmen insbesondere die deutschen Blätter Spitteler dessen scharfe Kritik am deutschen Überfall auf Belgien übel.

Sie stilisieren Carl Spitteler zum Deutschenfeind und verwerfen schon bald auch Spittelers literarisches Werk. Seine Bücher verschwinden für Jahre aus dem deutschen Buchhandel.

Auch im fernen Stockholm erfährt man von der Aufregung. Carl Spitteler ist damals in der engsten Wahl für den Literaturnobelpreis. Er wird ihn noch nicht erhalten. Ein Grund ist die Polemik um seine Zürcher Rede.

Kein Ende des inneren Zanks

In der Schweiz bewirkt die Rede wenig. Le fossé, der Graben, schliesst sich erst gegen Kriegsende.

Und so bleibt «Unser Schweizer Standpunkt» nicht als Rede in Erinnerung, in welcher ein grosser Dichter Kraft seines Wortes das Vaterland gerettet hat. Aber sie wird zum markanten historischen Zeugnis jener schweren Zerreissprobe, in welche die Schweiz durch die Katastrophe des Ersten Weltkriegs geraten ist.

Buchhinweis

Felix Münger: «Reden, die Geschichte schrieben. Stimmen zur Schweiz im 20. Jahrhundert». Verlag hier + jetzt, 2014.

6 Kommentare

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  • Kommentar von Hans Hegetschweiler  (hansicomment)
    Was mir nicht gefällt, ist der (damals allgemein verbreitete) Rassismus. Spitteler sagt: "Was endlich die Mitentrüstung über die düstern Hilfsvölker betrifft:.. " und fährt dann fort, man würde gegen einen adligen bewaffneten Einbrecher auch den Hofhund einsetzen, Die nordafrikanischen, senegalesischen und indischen Hilfstruppen der Alliierten als "düster" zu bezeichnen und mit Hunden zu vergleichen,, obwohl diese einen sehr hohen Blutzoll hatten, ist arrogant,.
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  • Kommentar von Klaus Waldeck  (kdwbz)
    Gerade heute ist diese Rede von Karl Sippeler wieder hochaktuell. Wie heisst es doch: "der Prophet wird im eigenen Land nicht gehört".
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  • Kommentar von martin blättler  (bruggegumper)
    Ich würde gerne mit Spitteler über die möglicherweise bevorstehende Entmündigung
    und die Beendigung der direkten Referendumsdemokratie diskutieren.
    Sein Ausspruch,alle Schweizer müssten sich näher an der Schweizerfahne versammeln,
    gilt damals wie heute.Deutschland ist daran,sich wieder zur europäischen Hegemomialmacht zu entwickeln.W.Schäuble,der wohl fähigste deutsche Politiker,gibt der EU eine 3.5.Einem solchen Schüler gibt man Nachhilfe,nicht den Lehrerjob.
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    1. Antwort von Tom Schmid  (Phares)
      @bruggegumpe
      Sie haben völlig recht - Neutralität ist mit dem EU-Diktat nicht vereinbar! Dessen sollten sich alle welche die Schweiz als ihre Heimat bezeichnen bewusst sein. Die Schweiz war neutral immer erfolgreich - weshalb sollte dies in Zukunft anders sein?
      Es ist zu befürchten, dass die EU die CH als "Kompensations-netto-Zahler" in der EU haben will für die Ausfälle, welche durch den BREXIT entstehen werden. Mit Erpressung und Nötigung besiegelt man keine Freundschaft!
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    2. Antwort von Walter Rüttimann  (zurz)
      Ich würde gerne hier manchmal weniger Verschwörungstheorien lesen. Die EU ist kein Monster - aber sie wird von gewissen Kreisen total verteufelt. Dank EU hat die Schweizer Wirtschaft Zugang zu den grossen Märkten der Welt.Bitte kein Gefasel von "Schweiz ist beliebt", das haben wir gründlich verbockt. Im Gegenteil, wir sind die Profiteure eines grossen, starken Europas.
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    3. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Die Schweiz war eigentlich nie richtig neutral. Im II. WK verfolgte die Schweiz eine Appeasement- Politik gegenüber dem Reich. Das war zwar nicht heroisch aber es war der Grundstein zur erfolgreichen Schweiz der Nachkriegszeit. Der richtige Weg für eine möglichst unabhängige Schweiz wäre der Beitritt zum EWR gewesen.
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