Unzensiert, wuchtig: Joan Sales' Roman über einen «Scheisskrieg»

Vier junge Katalanen träumen von einer gerechten Gesellschaft. Als sie im Spanischen Bürgerkrieg gegen die Anhänger von General Franco kämpfen, zerbröseln ihre Ideale. Joan Sales’ differenzierter Blick auf Spaniens düsteres Kapitel ist eine literarische Entdeckung.

Joan Sales mit einer Pfeife vor Palmen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Häretisch» und «obszön»: Sales' Roman scheiterte lange an der franquistischen Diktatur. Arxiu Joan Sales (Joan Sales-Archiv)

Klischees prägen unser Bild vom Spanischen Bürgerkrieg: Die Guten kämpften gegen die Bösen, schliesslich siegten die Bösen und errichteten eine fast 40-jährige Diktatur. Es waren unter anderem Spanienkämpfer wie Ernest Hemingway, die dieses Schwarz-Weiss-Bild beförderten.

Dass der dreijährige Krieg aber nicht nur zwischen Links und Rechts ausgetragen wurde, dass die vielen linken Gruppierungen sich gegenseitig bekämpften und der Krieg ein einziges Chaos war, machte schon vor Jahrzehnten der katalanische Schriftsteller Joan Sales mit seinem Roman «Flüchtiger Glanz» deutlich.

Unabhängiger Geist

Als junger Mann galt Joan Sales als «Skandal der Familie, Gottesleugner und Subversiver». Offensichtlich bot der 1912 in Barcelona geborene Jurist mit seinem Eintritt in die katalanische kommunistische Partei genügend Grund zur Diffamierung. Als Sales 1983 starb, war aus dem ehemaligen Atheisten ein Katholik, aus dem Anhänger der freien Liebe ein Ehemann und aus dem Marxisten ein Kämpfer für die katalanische Autonomie geworden. Der Schriftsteller war aber alles andere als ein Wendehals, sondern ein unbestechlicher Zeitgenosse: Er vertraute seiner humanistischen Einstellung und liess sich von grossen Ideologien nicht verführen.

Seine Unabhängigkeit bewies Joan Sales unter anderem im Spanischen Bürgerkrieg. Als die Militärs unter General Franco 1936 gegen die demokratisch gewählte Regierung putschten und damit die blutigen Auseinandersetzungen anstiessen, schlug sich Sales wie so viele seiner Altersgenossen auf die Seite der Republikaner. Zuerst kämpfte er bei Madrid in der anarchistischen Kolonne Duruti, doch deren Brutalität stiess ihn ab, worauf er nach Aragon zu den Kämpfern für die katalanische Unabhängigkeit wechselte. Der Krieg endete mit der Niederlage der Republikaner und desillusionierte eine ganze Generation.

Kampf gegen die Zensur

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Buchhinweis

Joan Sales: «Flüchtiger Glanz» (übersetzt von Kirsten Brandt). Hanser Verlag, 2015.

Statt jede Hoffnung fahren zu lassen, begann Sales nach der Rückkehr aus seinem erzwungenen Exil, seine Kriegserfahrung literarisch zu verarbeiten. Fast wäre der Roman «Incerta glòria» an der franquistischen Zensur gescheitert. Sie kritisierte die «häretischen Ideen» und die «obszöne Sprache» und wollte das Buch verbieten lassen, weil es gegen die Kirche, das Dogma und die Moral verstosse.

Schliesslich kam es Mitte der Fünfzigerjahre in einer verstümmelten Version heraus und war damit der erste Roman aus der Sicht eines katalanischen Republikaners. Sales liess sich von den Zensoren jedoch nicht kleinkriegen, sondern schrieb unbeirrt weitere Versionen. Eine erste unzensierte und vollständige Ausgabe erschien 1971. Nun liegt sein komplexes Spanienkriegs-Epos «Flüchtiger Glanz» endlich in einer glänzenden deutschen Übersetzung von Kirsten Brandt vor.

«Scheisskrieg»

Joan Sales präsentiert uns nicht – wie in vielen Romanen über den Spanischen Bürgerkrieg üblich – einen kommunistischen Helden oder einen katalanischen Heroen, sondern hochkomplexe Charaktere. Vier junge Menschen, eine Frau und drei Männer aus Barcelona, träumen von einer gerechten Welt und entschliessen sich, auf der Seite der Republikaner zu kämpfen. Der Traum endet für jeden anders.

Eindringlich zeigt Sales, wie der eine Protagonist an der «toten Front» mit seiner Einsamkeit konfrontiert wird und in zerstörten Landschaften eine Hohelied auf die Natur singt. Ebenso schonungslos erzählt er, wie der andere von den Anarchisten zu den Faschisten überläuft, weil es angesichts der Gewalt auf beiden Seiten irrelevant geworden ist, auf welcher Seite man steht. Fast zynisch lässt er den dritten sich eingestehen, bei den Republikanern gelandet zu sein, weil er sich zu Beginn des Kriegs zufällig auf republikanischem Gebiet befand.

Einfühlsam schildert er schliesslich die Hinwendung der jungen Frau vom Atheismus zum Glauben, weil sie dem Anarchismus als Ersatzideologie nichts mehr abgewinnen kann. Angesichts der Sinnlosigkeit dieses Kriegs, ein «Scheisskrieg wie alle anderen», bleibt die Sehnsucht nach dem erfüllten Leben. Das ist die Triebkraft der vier Protagonisten – und die Wucht des Buchs.

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