Russisches Literatur-Debüt Verbannung unter Stalin

Für tatarische Bauern war das Leben fast zu allen Zeiten gleich. Bis Stalin kam. Da beginnt «Suleika öffnet die Augen».

Bächlein in verschneitem Wald. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Stalin enteignete unabhängige Bauern. Wer überlebte musste nach Sibirien. Getty Images

  • Der Debütroman von Gusel Jachina wurde bereits in 21 Sprachen übersetzt.
  • «Suleika öffnet die Augen» erzählt das Schicksal einer tatarischen Bäuerin zur Zeit Stalins.
  • Gusel Jachina hat selbst tatarische Wurzeln; ihre Grossmutter erlebte die Verbannung unter Stalin.

Gebe Allah, dass ihr Mann sie nicht hört

Suleika öffnet die Augen. Es ist mitten in der Nacht. Sie liegt auf ihrem Lager auf der Frauenseite des Bauernhauses. Sie hört die Geräusche der Tiere im Raum. Und das Schnarchen ihres Mannes auf der Männerseite

Suleikas Mann ist ein guter Mann. Er schlägt und vergewaltigt sie, aber er ernährt sie. Suleika ist ihm dankbar. Sie steht auf und schleicht in die Speisekammer. Gebe Allah, dass ihr Mann sie nicht hört.

Die Revolution erreicht das Dorf

Diese Szene, mit der Gusel Jachina ihren Roman «Suleika öffnet die Augen» eröffnet, könnte irgendwann spielen. Im Mittelalter, in der Zarenzeit oder sonst irgendwann.

Ganz bewusst verzichtet Jachina auf Zeitangaben. Sie beschreibt das Leben einer tatarischen Bäuerin, wie es immer gewesen ist – wie es nie wieder sein wird. Denn die Revolution erreicht das Dorf.

Stalin statt Lenin

Die Szene spielt 1930. Seit gut zwölf Jahren sind die Roten an der Macht. Die Phase der sogenannten Neuen Ökonomischen Politik, mit der Lenin nach der Revolution und dem Bürgerkrieg die Wirtschaft angekurbelt hat, geht gerade zu Ende.

Statt geduldeter unternehmerischer Eigeninitiative kommt jetzt der Fünfjahresplan. Statt Lenin, der seit sechs Jahren tot ist, kommt jetzt Stalin.

Seine ersten Opfer sind die Kulaken. Unabhängige Bauern. Sie werden enteignet und in Kolchosen gesteckt. Die Folge ist eine Hungersnot mit sechs Millionen Toten.

Deportation als Weg in die Freiheit

Wer überlebt, wandert nach Sibirien. «Entkulakisierung» nennt man das. Die Partei spricht von der «Vernichtung der Kulaken als Klasse». Die dauert bis ungefähr 1946.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, den man in Russland den «Grossen vaterländischen Krieg» nennt, vergisst Stalin allmählich seine Bauern. Die Lager leeren sich. Wer Glück hat und noch lebt, darf heim.

In diesen 16 Jahren zwischen 1930 und 1946 spielt der Roman. Im Zentrum dabei steht Suleikas Weg. Ein doppelter. Er führt einerseits vom Bauerndorf in die sibirische Deportation. Andererseits von der Knechtschaft in die Freiheit. In eine persönliche.

Zusatzinhalt überspringen

Buchhinweis

Gusel Jachina: «Suleika öffnet die Augen», Aufbau Verlag, 2017.

Suleika darf entscheiden

Erste Station auf diesem Weg ist der Tod ihres Mannes. Der wird gleich am Anfang von einem Rotgardisten erschossen. Ausgerechnet von dem, der später Suleikas Lagerkommandant wird. Und ihr Geliebter.

Weitere Stationen sind die Erlaubnis zu arbeiten und damit Geld verdienen zu können, ein Gewehr für die Jagd zu bekommen und die Liebesgeschichte mit dem Kommandanten auch wieder beenden zu dürfen.

Es geht Gusel Jachina nicht darum, Stalins Gräueltaten zu beschönigen. Aber sie erlaubt sich, eine Frau zu zeigen, die – trotz widrigster Umstände – selber entscheiden darf, wen sie mehr liebt. Den Sohn, wie es die Tradition vorgibt, oder den Mann.

Tataren und die russische Literatur

Gusel Jachina wird verstanden. Allein in Russland verkauft die Debütantin 100‘000 Exemplare ihres Romans. Sie erhält zahlreiche Preise und das Vorwort zur russischen wie zur deutschen Ausgabe schreibt keine Geringere als Ljudmila Ulitzkaja, die grosse alte Dame der russischen (und sehr wohl antistalinistischen) Literatur. Ein grosser Erfolg für das Buch über eine kleine Bäuerin.

Ulitzkaja schreibt in ihrem Vorwort, dass es neben der Freiheitsthematik noch einen weiteren Grund gibt, diesem Erstlingswerk Beachtung zu schenken: Gusel Jaschina hat tatarische Wurzeln. Ihre Grossmutter war selber eine tatarische Kulakin, die sechzehn Jahre in der Verbannung gelebt hat.

Diese Erfahrungen, von Tataren gemacht und auf Russisch beschrieben, fliessen jetzt wieder in die russische Literatur ein. Wie das früher mal war. Unter dem Zaren. Oder als es die Sowjetunion noch gab und Tschingis Aitmatow noch schrieb. Und das ist im heutigen russischen Nationalstaat nochmals eine kleine Sensation.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, 52 Beste Bücher, 26. Februar, 11 Uhr.