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Literatur Verloren in Tokio: Die schwierige Suche nach Arbeit und Glück

Die junge japanische Autorin Nanae Aoyama zeichnet präzise Momentaufnahmen von jungen Menschen im Grossstadtgetriebe. Ihr zweiter Roman «Eigenwetter» erzählt die Geschichte von Chizu, die in Tokio den schwierigen Einstieg ins Berufseleben sucht – denn frei arbeiten heisst hier nicht frei leben.

Strasse mit vielen Menschen.
Legende: Tokio ist ein teures Pflaster. Viele selbständig Erwerbenden, sogenannte «freeter», leben mit ständiger Zukunftsangst. Colourbox

Chizu heisst die zwanzigjährige Protagonistin in Nanae Aoyamas Roman «Eigenwetter». Sie will weg von zu Hause – nach Tokio, um selbständig zu werden. Doch ihre Aufbruchstimmung weicht bald einer grossen Zukunftsangst. Sie fühlt sich orientierungslos und weiss nicht, was sie mit sich anfangen soll.

Das ist das Setting von Nanae Aoyamas Roman «Eigenwetter». Kritische Stimmen mögen sagen, das sei abgegriffen. Aber das trifft nicht zu. In «Eigenwetter» geht es nicht per se um das Erwachsenwerden. Die Autorin will mit ihrer Protagonistin der jungen Generation von heute eine Stimme geben. Wie es sich in Tokio lebt, mit welchen Zukunftsängsten junge Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger kämpfen müssen.

Frei arbeiten bedeutet nicht frei sein

Das Leben in Tokio ist schnell und teuer. Man muss beweglich sein und hart arbeiten können, um ein ausreichendes Auskommen zu finden. Erschwerend kommt dazu, dass in Tokio Festanstellungen rar sind. Viele leben als «freeter», wie in Japan Arbeitende ohne Festanstellung genannt werden.

Was in den 1980er-Jahren noch Statement war, sich mit Teilzeitarbeit unabhängig und frei im Berufsalltag zu bewegen, das ist heute durch die Situation auf dem Arbeitsmarkt festgeschrieben. Dieses Dilemma, frei und doch nicht frei zu sein, lernt Chizu mit der Hilfe einer alten Frau auszuhalten, die ihr vorlebt, dass man an sich glauben muss, um glücklich zu sein.

Das Eigenleben zwischen den Zeilen

Als Chizu eine Festanstellung angeboten bekommt, entscheidet sie sich ohne einen Anflug von Zweifel für finanzielle Sicherheit. Das erstaunt nicht. Was aber erstaunlich ist, mit welcher Sprache die Autorin erzählt: nüchtern, beiläufig, gleichgültig. Nanae Aoyama schreibt expressiv, dafür ist sie bekannt, mit wenig Worten und wenig Erklärungen.

Insbesondere ihre Dialoge sind stark. Zum Beispiel jene zwischen Chizu und der alten Frau. Da stimmt die Chemie, das spürt man. Aber sie steckt nicht in den Worten. Sie steckt zwischen den Zeilen und hat ein «Eigenleben». So wie auch Chizus Gefühlszustände, die sich nach ihrem ganz eigenen Wetterzyklus richten.

Buchhinweis

Nanae Aoyama: «Eigenwetter». Cass, 2015.

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