Vom Heiraten und Händeabhacken: Wolf Haas' neuer Brenner-Roman

Es ist wie immer! Wolf Haas' neuer Brenner überzeugt durch Sprache und Skurrilität. Und es ist nicht wie immer! Denn in die bekannte Kultserie um den Puntigamer Ermittler Simon Brenner mischen sich auch feinere Töne.

Der Autor Wolf Haas sitzt lachend vor einem Mikrofon bei einer Lesung. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wolf Haas schickt seine Romanfigur Simon Brenner in die Wiener Unterwelt und verheiratet ihn mit einer Russin. Keystone

Natürlich ist es erst mal wieder die Sprache, die ins Auge sticht. Diese Mischung aus gesprochener Umgangssprache und bis ins letzte Detail gedrechselter Kunstsprache. Diese «Jetzt-ist-schon-wieder-was-passiert-Sätze», die diese Serie zum Kult gemacht haben und immer noch machen. Und natürlich ist es auch wieder Wolf Haas' Skurrilität.

Abgehackt und angenäht

Denn die Brennerfälle sind nicht nur sprachlich speziell, sondern auch inhaltlich. Da werden gerne mal Leute auf Sesselliften vergessen. Bis sie blau sind und erfroren. Da bekämpfen sich Rettungsdienstler, bis sie selber gerettet werden müssen. Und da fallen auch gerne mal Leichen von ganz weit oben auf die Salzburger Festspielbühne. Immer ist da etwas, wo man denkt: Igitt, ist das widerlich! Gleichzeitig fällt man vor Lachen aus dem Bett.

So auch jetzt. Brenner ermittelt im Wiener Rotlichtmilieu, wo er eine verschwundene Russin sucht. Bis er die halbe Wiener Unterwelt auf dem Hals hat, die gerne mal ihren Gegnern die Hände abhackt. Aber ein Brennerkrimi wäre kein Brennerkrimi, wenn die Hände nicht wieder angenäht würden. Und Wolf Haas wäre nicht Wolf Haas, wenn das nicht an den falschen Armen passiert.

Brenner wird altersmilde

Dann ist da noch die Sache mit der Brennerova. Brenner heiratet. An sich schon unvorstellbar. Doch das muss sein. Denn Brenners Bekanntschaft mit einer Internetrussin löst nicht nur seine Heirat aus, sondern gleich den ganzen Fall. Die Internetrussin ist die Schwester der Entführungsrussin und so kommt eins zum anderen bis zum Händeabhacken.

Aber diesen jüngsten Brenner auf seine Skurrilität zu reduzieren, wäre zu einfach. Auch ein Brenner wird altersmilde. Und auch ein grossmäuliger Erzähler, der schon immer der eigentliche Reiz dieser Serie war, wird feiner und differenzierter mit der Zeit.

Das hat vielleicht mit der gesamten Serie zu tun. Denn die Brenner-Serie ist eigentlich seit zwei Bänden abgeschlossen. Durch einen dramaturgischen Kniff kann sie aber weitergehen. Schon zwei Bände lang.

Skurril, aber mit Tiefgang

Interessanterweise haben diese neuen Bände einen leicht anderen Charakter. Da ist nicht nur Spott und Hohn. Da ist nicht nur lustige Sprache. Irgendwie ist da auch mehr Tiefgang.

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Buchhinweis

Wolf Haas: «Brennerova.» Hoffmann und Campe, 2014.

Immerhin trifft Brenner im letzten Band Gott, wenn auch am Grunde einer Jauchegrube. Und im aktuellen Band begibt sich Brenners Freundin auf einen Trip ins Innere ihrer Seele – mitten in der Mongolei. Natürlich wirkt das absurd. Aber eben nicht nur. Da geht es auch ums Eingemachte.

Wie auch immer: Der neue Brenner überzeugt. Durch die Sprache, die Geschichte und die skurrilen Einfälle des Autors. Und durch einen Erzähler, der in seinen Beobachtungen und Kommentaren mehr Tiefe verrät als auch schon.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 1.9.2014, 8.10 Uhr.

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