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Weltoffener Literat gestorben Cees Nooteboom: Abschied von einem Weltpoeten

Es gibt wohl wenige Länder, die Cees Nooteboom nicht bereist hätte. In Reportagen, Romanen, Gedichten, Essays und tagebuchartigen Notizen erkundete der Niederländer scharfsichtig und poetisch, was das Leben mit seinem Zauber und Schrecken ausmacht. Nun ist Nooteboom mit 92 Jahren gestorben.

Cees Nooteboom, der über Jahrzehnte zu den prägenden Stimmen der europäischen Literatur gehörte und lange als Anwärter auf den Literaturnobelpreis galt, ist tot. Er starb an seinem Wohnort Menorca, wie sein Verlag De Bezige Bij in Amsterdam mitteilte. Der Verlag zitiert die Witwe des Schriftstellers, dass Noteboom «heute Nachmittag sehr ruhig auf seiner geliebten Insel Menorca gestorben ist».

Nooteboom wurde 1933 in Den Haag geboren. 1945 kam sein Vater bei einem Bombenangriff ums Leben. Die Eltern waren damals bereits geschieden. Der Stiefvater schickte den Jungen auf eine Klosterschule.

Kaum erwachsen, machte sich Nooteboom auf den Weg. Er suchte Orte auf, die ihn faszinierten und begann zu schreiben. Seine Beobachtungen und Begegnungen unterwegs flocht er in sein Werk ein. Dieses ist mit fast 10'000 Seiten enorm.

Mann mit Brille liest Buch vor rotem Hintergrund.
Legende: Cees Nootebooms Werk ist gross: Es reicht vom Roman über die Lyrik und den Reisebericht bis zur journalistischen Reportage. Imago/teutopress

1955 wurde Nooteboom mit seinem Debütroman «Das Paradies ist nebenan» bekannt, das später unter dem Titel «Philip und die anderen» erschienen ist.

Sprachen waren sein Kapital

Mit seinem Debüt hat Nooteboom auf Anhieb Stoff und Ton gefunden. Der Roman ist eine Art Roadmovie. Sein roter Faden: Ein junger Niederländer trampt einer jungen Chinesin quer durch Europa hinterher. Von Bekanntschaft zu Bekanntschaft, in Jugendherbergen und auf den Strassen gilt es etwas über das Leben zu lernen und zu erfahren. Zum Beispiel, dass sich Traum und Wirklichkeit nicht immer trennen lassen.

Die grösste Stärke der europäischen Literatur besteht wohl darin, dass sie sich alles anverwandeln kann.
Autor: Cees Nooteboom Schriftsteller

In der Klosterschule hatte Cees Nooteboom Latein und Griechisch sowie Englisch, Französisch und Deutsch gelernt. Das war sein Kapital. Weitere Sprachen kamen später hinzu.

Nooteboom war ein überzeugter Europäer. Die europäische Literatur war für ihn der perfekte Schmelztiegel: Ihre grösste Stärke bestehe wohl darin, dass sie sich alles anverwandeln könne, sagte er einmal.

Eine der grossen literarischen Stimmen der Gegenwart

Für Cees Nooteboom war das Schreiben etwas Natürliches. Es war zu ihm gekommen, als er sich als junger Mann in ein eigenes Leben aufmachte und ist seither geblieben. Nootebooms Texte haben etwas Traumwandlerisches.

Gegenwart und Vergangenheit, Lebende und Tote vermischen sich. «Dass sie wirklich war, erkannte ich am Geräusch vom Muschelbruch unter ihren Füssen», heisst es in einem Gedicht über die unverhoffte Begegnung mit der längst verstorbenen Mutter.

Ausserhalb der Niederlande gilt Nooteboom als eine der grossen literarischen Stimmen der Gegenwart. In den Niederlanden wurde er eher stiefmütterlich behandelt – vielleicht, so vermutete er selbst, weil er in Deutschland so grossen Erfolg hatte.

Auch den Nobelpreis, den ihm der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki prognostizierte, bekam er nie. In seiner Weltoffenheit und seiner Gabe, Wahrnehmung in Literatur zu verwandeln, blieb er jedoch unübertroffen.

Radio SRF 4 News, 12.2.2026, 1:32 Uhr

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