«Wir unterschätzen, wieviel geistige Bewegung im Sport steckt»

80 Disziplinen in vier Jahren: Für sein neues Buch wagte der Schriftsteller lija Trojanow einen Selbstversuch. «Meine Olympiade» bietet einen poetischen und philosophischen Einblick in die Welt des Sports – und in die Spiritualität des Scheiterns.

Ilija Trojanow, trotz des olympischen Gedankens «mitmachen ist wichtiger als gewinnen», zählt im Spitzensport vor allem die Leistung. Auch Sie haben sich für Ihr verrücktes Projekt ein ambitioniertes Leistungs-Ziel gesetzt: Sie wollten in jeder der 24 Sportarten und der 80 Disziplinen der Sommerspiele halb so gut sein wie der Olympiasieger. Warum eigentlich?

Ilija Trojanow: Das Ziel war, die Welt des Sports kennenzulernen, die einzelnen Sportarten in ihrer spezifischen Faszination zu erfahren. Nicht als Zuschauer, sondern als jemand, der die Höhen und Tiefen, die Schmerzen, die Schwierigkeiten und die Erfolgserlebnisse nachvollziehen und anschliessend ein bisschen reflektieren kann.

Der Schriftsteller Ilija Trojanow beim Radfahren auf der Bahn. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die einzelnen Sportarten in ihrer spezifischen Faszination erfahren: Trojanow auf der Radbahn. Thomas Dorn

Aber ich musste auch irgendeine Grenze setzen. Und deshalb schien mir das ein gutes Ziel: halb so gut wie ein Olympiasieger. Ich wusste, manchmal wird es möglich sein, manchmal werde ich scheitern.

Sie haben vier Jahre Ihres Lebens in dieses Projekt investiert. Was haben Sie bei diesem Experiment über sich selber erfahren?

Dass die Welt des Sports einem sehr schön die eigenen Grenzen aufzeigt und dass man auch Ängste entdeckt, wo man sie gar nicht vermutet hätte. Aber auch umgekehrt: Ich habe manchmal eine mentale Stärke oder einen Durchhaltewillen an den Tag gelegt, die ich gar nicht erwartet hätte.

Es gab einen Moment beim Marathonlaufen, da war ich verletzt, konnte mit dem rechten Bein nicht mehr auftreten und wollte aufgeben. Aber ich bin dem immer noch 10 Kilometer weit entfernten Ziel entgegen gehumpelt und konnte nicht aufgeben. Da war ich selber über mich erstaunt. Und das ist das Faszinierende am Sport: Dass man eine Einschätzung der eigenen Grenzen vollzieht.

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Zur Person

Ilija Trojanow, geboren 1965 in Sofia, floh mit seiner Familie 1971 über Jugoslawien und Italien nach Deutschland. 1972 zog die Familie weiter nach Kenia, wo Trojanow zu einem begeisterten Sportler wurde. Heute lebt der Schrifsteller in Wien. Trojanow hat mehrere Romane geschrieben, aber auch Reisereportagen.

Wann erlebten Sie Glücksgefühle?
Wenn etwas, was mir vorher unfassbar und unmöglich erschien, Teil meines Lebens wurde. Dann hab ich mich von aussen betrachtet und mir gesagt, das ist jetzt aber nicht möglich, dass du derjenige bist, der einen Salto springt.

Oder wenn ich nach einer unglaublich turbulenten Kaskade beim Wildwasserkajak im stillen Wasser dahinglitt und mir dachte, das war ja unfassbar, dieser Moment der absoluten Anspannung und völligen Dramatik und du bist da durchgekommen und bist nicht gekentert. Das waren immer diese zugespitzten existentiell dichten Momente, die einen, wenn man sie bewältigt, sehr glücklich machen.

In welcher Sportart war das sonst noch der Fall?
Ich hatte grosse Momente des Glücks in Sportarten, in denen ich in eine fremde Kultur hineingekommen bin. Japan und Judo. Ich war völlig fasziniert von der japanischen Kultur – mir bis dato unbekannt – und konnte dann auch mit grossem Gewinn sehen, wie spezifisch Judo ist. Aus welcher Tradition das kommt.

Ähnlich beim Ringen und dem Iran zum Beispiel. Das war eine grosse Bereicherung, weil ich bei vielen Sportarten gegen meine Vorurteile ankämpfen, gewisse Ressentiments oder Klischees überwinden musste. Wir unterschätzen völlig, wie viel Geist auch im Sport drin ist und wieviel geistige Bewegung.

Gibt es für Sie eigentlich einen Zusammenhang von Bewegung und Spiritualität?
Man bekommt eine Demut, wenn man sieht, wie wenig der Mensch dazu geeignet ist, Aufgaben zu bewältigen, die er sich selber stellt. Der Sport ist ja eigentlich eine Einladung zum Scheitern.

Scheitern ist tatsächlich eine spirituelle Kernerfahrung. Weil diese Spiritualität bedeutet ja eine Überwindung des Ichs. Und ich glaube ohne Scheitern – das sieht man ja bei Leuten, die immer nur gewinnen – das ist dann so eine Hybris der Selbstgefälligkeit.

Was haben Sie denn übers Scheitern gelernt?
Scheitern hat eine poetische Komponente. Und Scheitern ist notwendig für den Schaffens- und Lernprozess. Scheitern ist die Abmessung des Weges, den man zurücklegt. Aber man kann sich am Scheitern durchaus erfreuen, weil es auch ein Ausdruck der Interaktion ist, zwischen mir selbst und einer neu zu erlernenden Technik, Disziplin oder Sportart.

Das heisst, dass ich mich hineinknie. Beim «Kanadier» wortwörtlich. Wenn ich dann jedes Mal auf diesem unglaublich kippligen Boot ins Wasser falle, dann ist es ja auch jedes Mal eine Bestätigung dessen, dass ich es versuche und dass ich nicht aufgebe. Insofern hängt Scheitern sehr eng zusammen mit sehr positiven Aspekten: Beharrlichkeit, Durchhaltevermögen, die man unbedingt braucht, auch beim Sport.

Wo haben Sie die Ästhetik der Bewegung erfahren?
Immer, wenn man den Sport richtig begreift, in seiner Komplexität, in seiner Eigenart wahrnimmt, dann sieht man, dass es einen unglaublichen ästhetischen Reiz hat. Was für mich auch ästhetisch ist, das sind alle Elemente einer inzwischen hoch stilisierten Technik.

Der Schrifsteller Ilija Trojanow beim Diskuswerfen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein unglaublicher ästhetischer Reiz: Trojanow beim Diskuswerfen Thomas Dorn

Wenn Sie sich so einen Bogen beim Bogenschiessen anschauen, das ist ein unglaublich schönes Gerät. Die Folge natürlich von vielen Jahrhunderten, Jahrtausenden menschlicher Beschäftigung mit diesem Thema: Wie kriege ich den Pfeil möglichst genau und möglichst schnell an das Ziel.

Bei vielen Sportarten ist ja auch das Drumherum wichtig.
Ja, zum Beispiel beim Boxen. Ich war in Brooklyn im legendären «Gleason’s Gym». Da war das Mundwerk unglaublich wichtig. Also man trainierte drei Minuten und dann gab es eine vorgeschriebene Pause.

In so einer Pause wurde unglaublich geredet, und dieses Reden hat eine eigene poetische Qualität. Das nennen die dann Trash-Talking, aber wer da mitmachen kann - wie ich – hat sofort ein wesentlich besseres Ansehen als einer, der dann irgendwie über die Worte stolpert. Das ist in einigen Sportarten so, dass das Reden zum anderen und das Reden über den anderen durchaus eine Rolle spielt.

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Buchhinweis

Ilija Trojanow: «Meine Olympiade. Ein Amateur, vier Jahre, 80 Disziplinen». S. Fischer Verlag, 2016.

Wie werden Sie sich in diesem Sommer die olympischen Spiele in Rio anschauen?
Ich schaue mir sicher Sachen an, bei denen ich eine völlig neue Einschätzung der Technik und der Schwierigkeiten erlangt habe, werde mir aber dafür andere Sportarten eher weniger anschauen, die mir nicht besonders attraktiv vorkamen, die sich mir auch nicht erschlossen haben, im Laufe dieser intensiven Recherche.

Zum Beispiel?
Schiessen oder Turnen, meine Lieblingshass-Disziplin.

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