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Legende: Video «Wörter, die es nicht auf Hochdeutsch gibt» abspielen. Laufzeit 03:11 Minuten.
Aus Steiner & Tingler vom 30.07.2019.
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Witzige Dialektwörter Diese wunderbaren Wörter gibt es nur im Dialekt

Ein neues Buch beschreibt 50 charakteristische Wörter, für die es im Hochdeutsch keine Entsprechungen gibt. Mundartredaktor Markus Gasser hat fünf Wörter ausgewählt und sich dazu seine Gedanken gemacht.

Natürlich kann man in der Standardsprache alles sagen. Nur braucht man manchmal einen ganzen Satz, wo die Mundart ein punktgenau treffendes, klingendes und Assoziationen weckendes Wort zur Verfügung hat.

Das bairische «dramhappert» zum Beispiel, das einen Zustand halb im Traum beschreibt, oder das Schweizerische «schnäderfrässig» für den unangenehm wählerischen Tischgenossen.

Eine Serie von rund 50 solcher Wörter aus den Dialekten des ganzen deutschen Sprachraums hat die Autorin und Übersetzerin Sofia Blind in einem kleinen Buch versammelt, begleitet von ihren witzigen Erklärungstexten und den liebevollen Bildern von Nikolaus Heidelbach.

anscheuseln (Verb, Oberlausitzer Mundart)

Eine griesgrämig schauende, weibliche Vogelscheuche.
Legende: Aus: Blind/Heidelbach: Wörter, die es nicht auf Hochdeutsch gibt. DuMont Buchverlag

Wer angescheuselt ist, trägt besonders geschmacklose Kleider. Bei Männern können das gemäss der Autorin Sofia Blind «auf Halbmast hängende Hosen mit hervorblitzender Unterhose» sein oder Sandalen mit weissen Socken. Bei Frauen zu weite oder zu enge Kleider – «Modell Kartoffelsack» bzw. «Modell Wurstpelle», wie es im Begleittext schonungslos heisst.

«Anscheuseln» ist eine Art Schmelzwort aus «anziehen» und «scheusslich». «Wie bist du denn angescheuselt?» Derart beleidigende Direktheit widerspricht der schweizerischen Etikette. Sie passt aber zur sprichwörtlichen «deutschen Schnauze». Die man sich hierzulande manchmal wünscht.

Fluchtachterl (Substantiv, Wienerisch)

Ein Mann wird von einem rennenden Weinglas verfolgt.
Legende: Aus: Blind/Heidelbach: Wörter, die es nicht auf Hochdeutsch gibt. DuMont Buchverlag

Das allerletzte Glas Wein an diesem Abend, das Achtelliterchen kurz vor dem Aufbruch: Das ist in Wien ein «Fluchtachterl». Das Grimmsche Wörterbuch verzeichnet dafür den altehrwürdigen «Scheidebecher» – den Becher beim Abschied. Andernorts nennt man dasselbe ganz prosaisch «Absacker».

Handelt es sich um Bier, ist es in der Schweiz ein «Schlummerbecher», in Hamburg das «Aufundzu», bei dem der Zapfhahn nur ganz kurz offen ist, und in München ein «Schnitt».

Gemeinsam ist all diesen Ausdrücken, dass es Euphemismen sind, also Wörter, die schönreden, dass es letztlich nur darum geht, sich noch ein letztes Glas gönnen zu dürfen.

Miendientje (Substantiv, Plattdeutsch)

Ein Ehepaar liegt im Bett, zwischen ihnen eine Toblerone-Packung.
Legende: Aus: Blind/Heidelbach: Wörter, die es nicht auf Hochdeutsch gibt. DuMont Buchverlag

Neue Dinge – neue Namen. Seltsame Ungewissheit herrscht allerdings bei einem uns allen wohlbekannten Alltagsgegenstand. Dieser dreikantige Stab, der auf dem Fliessband an der Supermarktkasse die Waren der einzelnen Kunden voneinander abtrennt: Heisst der Warentrenner, Kassentrennstab, Warenseparator oder Kundentrenner? Oder gar, wie im Internet zu erfahren ist, Kassentoblerone, weil seine Form der Toblerone-Schokolade gleicht?

Alles denkbar, aber nichts ist so liebevoll und treffend wie das plattdeutsche «Miendientje» (Aussprache: Miindiintje), wörtlich «das Mein-Deinchen». Genau das ist nämlich seine Aufgabe, «mein» von «dein» zu unterscheiden.

oschauschei (Adjektiv, Bayerisch)

Ein Junge steht da und schaut auf den Boden.
Legende: Aus: Blind/Heidelbach: Wörter, die es nicht auf Hochdeutsch gibt. DuMont Buchverlag

Im Bairischen (Bayern und Österreich) spricht man die Vorsilbe «an-» als «oo-» aus. Das Münchner Oktoberfest wird bekanntlich eröffnet mit dem Schlachtruf «oozapft is». Und der Zwielaut «eu» klingt bairisch als «ei» – «die Leute» sind dort drum «di Leit».

Unschwer lässt sich deshalb «oschauschei» als «anschauscheu» entschlüsseln. Aber weiss man nun mehr? Mit viel Phantasie schon. «Oschauschei» ist jener Menschentyp, der den direkten Blickkontakt zum Gegenüber jederzeit und erfolgreich vermeidet. Ob das Oschauscheisein so typisch für Bayern ist wie das Wort, ist eine andere Frage.

spack (Adjektiv, Rheinisch)

Ein Seelöwe trägt ein viel zu enges, gelbes T-shirt.
Legende: Aus: Blind/Heidelbach: Wörter, die es nicht auf Hochdeutsch gibt. DuMont Buchverlag

Spack ist grossartig. Laut Rheinischem Wörterbuch bedeutet es «zu eng oder zu kurz, von einem Kleidungsstück». Spack sind also jene meist elastischen T-Shirts, Hemden, Leggins oder Strümpfe, «die jedes Röllchen, jede Falte des menschlichen Leibes schonungslos hervorheben oder gar auf boshafteste Weise überhaupt erst hervorrufen» (O-Ton Sofia Blind).

Die Boshaftigkeit steckt nicht zuletzt darin, dass spack so klangvoll und bildhaft an Speck erinnert. Dabei hat spack vielleicht ursprünglich genau das Gegenteil bedeutet, nämlich «dürr». Sprache kann sehr ungerecht sein.

Buchtipp

Sofia Blind, Nikolaus Heidelbach: Wörter, die es nicht auf Hochdeutsch gibt. Von Anscheuseln bis Zurückdummen. Dumont Verlag 2019.

11 Kommentare

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  • Kommentar von martin blättler  (bruggegumper)
    Das ist gelebte Vielfalt.Unsere Dialekte,dazu gehören auch die
    im Text beschriebenen,müssen unbedingt gepflegt und auch
    benützt werden.Der Normierungswut der EU darf nicht auch noch
    unsere Sprache zum Opfer fallen.
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    1. Antwort von Sandro Prezzi  (Mediabeobachter)
      Und unsere Medien dürfen nicht weiter der EU-Hysterie (und FakeNews) der SVP Anhänger zum Opfer fallen. Die EU normiert die Sprache nicht. Die Mehrsprachigkeit ist in den europäischen Verträgen fest verankert und das Spiegelbild dieser kulturellen und sprachlichen Vielfalt. Die Europäer haben nach EU Recht einen Anspruch darauf, die Arbeit des Parlaments in ihrer eigenen Sprache zu verfolgen, Fragen in ihrer eigenen Sprache zu stellen und Antworten in ihrer eigenen Sprache zu erhalten.
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    2. Antwort von martin blättler  (bruggegumper)
      Hr.Prezzi,ich möchte anbei an die Elsässer errinnern,
      denen man ihre Sprache,das Elsässisch bis vor kurzem
      in der Schule regelrecht ausgeprügelt hat.Ich errinnere an die
      Sorben,an die Slowenen in Oesterreich oder,der schlimmste
      Fall,die Basken.Alles Dialekte,die unterdrückt werden.
      Und die EU schaut zu.
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    3. Antwort von Sancho Brochella  (warum?)
      Warum die Glorifizierung des Nicht-verstehens? Der Sinn der Sprache liegt im Transport von Gedanken von einem Hirn zum nächsten über Laute. Das ist der Sprache Berechtigung. Insofern ist der Weg zu einheitlicheren und weniger Sprachen und Dialekt, wie er in der globalisierten und medial vernetzten Welt natürlicherweise passiert, eigentlich positiv für den Sinn von Sprache, nämlich das Gegenüber zu verstehen. Gleichzeitig bedeutet das ein Verlust an Vielfalt, der Gewinn ist m.E. aber viel höher.
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    4. Antwort von CR Berger  (Cyrille Roger Berger)
      Herr Blättler, zu Ihrem zweiten Post möchte ich anmerken: Dialekte sind regionale Sprachvarietäten. In diesem Sinne ist das von Ihnen erwähnte Elsässich ein Dialekt. Nicht aber Baskisch, eine eigenständige Sprache, die mit keiner anderen Sprache genetisch verwandt ist. Auch nicht das Slowenische, das in Österreich gesprochen wird. Slowenisch ist eine eigenständige Sprache. Sorbisch wiederum ist ein Oberbegriff für alle sorbischen Dialekte.
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  • Kommentar von Sandra Etter  (etters)
    Schön,wenn man aufgrund des Dialekts hört,woher jemand kommt. Ehrlich gesagt sollten solche Sachen in unseren Grundschulen auch Platz haben,nebst all den Fremdsprachen!
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    1. Antwort von Willy Gruen  (wgruen)
      Es liegt mir nichts daran, ob man mir beim Reden anhört, woher ich komme. Bei der heutigen hohen Mobilität der Menschen ist es nur eine Frage der Zeit, bis regionale Dialekte verschwinden. So wie Trachten, die gibt's dann noch auf Nostalgiker treffen.
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  • Kommentar von Nic Grund  (Gruendeli)
    Wieder einmal ein wundervoller Artikel :-)
    Wie bisch denn du aagscheuselt? Das Shirt isch jo voll spack, do wird i grad ooschauschei. I glaub i bruuch e Fluchtachterl!
    Man lernt nie aus...
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