Wo ist die Zeit nur geblieben? «Momo» wird 40

Der Roman «Momo» von Michael Ende erschien vor 40 Jahren am 1. September 1973. Die Geschichte vom Waisenkind Momo, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbringt, ist bemerkenswert zeitlos – und heute noch so aktuell wie damals.

Radost Bokel als Momo. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Radost Bokel verkörperte in der Verfilmung von 1986 das Waisenkind Momo, das die Menschen von den grauen Herren befreit. Rialto Film

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Der Autor

Der Autor

Michael Ende (1929-1995) hat mit seinen Büchern Kinder, Jugendliche und Erwachsene weltweit fasziniert. Seine Bücher wurden in mehr als 40 Sprachen übersetzt, die Auflagen gehen in die Millionen. Sein Durchbruch war «Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer» in den 1950er Jahren. Dabei hatten mehr als zehn Verlage die Geschichte abgelehnt.

Mit Momo habe Michael Ende «uns etwas auf den Weg gegeben, nach dem wir uns unter stetig wachsendem Zeitdruck sehnen», sagte Roman Hocke, Endes langjähriger Freund und Lektor. «Momo ist eine poetische Stellungnahme zu einem existenziellen Rätsel, zu einer wesentlichen Grundsatzfrage des menschlichen Miteinanders.»

Ein Mädchen, das sich Zeit nimmt

Das Waisenmädchen Momo ist poetisch. In ihrer Gegenwart haben Kinder Fantasie, versöhnen sich zerstrittene Menschen. Momo nimmt sich Zeit für ihre vielen Freunde, etwa für Beppo Strassenkehrer oder Gigi Fremdenführer. Denn Momo hat eine besondere Gabe: Sie kann Menschen zuhören, nimmt sich die Zeit dazu.

Doch die Grauen Herren von der Zeitsparkasse reden den Menschen ein, sie müssten immer mehr Zeit sparen und deshalb auf Freunde, Schlaf und alles Schöne verzichten. Schliesslich kontrollieren die Zeit-Diebe alle Menschen – bis auf Momo. Sie erkennt, dass die Menschen um ihre Zeit betrogen werden, da sie vor lauter Sparen eins vergessen: zu leben.

Eine Kindergeschichte für Erwachsene

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1:32 min, vom 2.9.2013

Dass Momo aber auch die Herzen der Erwachsenen anspricht, liegt auch daran, dass Momo uns wie nebenbei an all das erinnert, was unser Leben wertvoll macht: an die Kraft der Phantasie, an den Zauber des Geschichtenerzählens, an die Lebensqualität, wenn man den Moment geniesst. Momo ist das Kind in uns. Sie lebt in einer Zeitlosigkeit, in die wir uns immer wieder zurücksehnen.

1974 wurde Michael Ende dafür mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet. Die Jury lobte den Roman als soziale Utopie, «die Anreize für Änderungen im eigenen Verhalten und für die Änderung realer Verhältnisse» gebe. Ende selbst sagte, er habe einen «Roman für junge Erwachsene und Erwachsene» geschaffen. Die Trennung von Kinder- und Erwachsenenliteratur hielt er stets für «Unsinn».

Abgestempelt als Flucht-Literatur

Für die seriöse Kritik war Ende spätestens seit «Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer» (1960) ein reiner Kinderbuchautor. Im Kontext der Eskapismus-Debatte wurden seine Texte als Flucht-Literatur abgestempelt – ihnen fehle jegliche Sozialkritik oder politischer Hintergrund.

In seiner Heimat fühlte sich Ende eingeschränkt, ging nach Italien und genoss dort Freiheit und Toleranz. «Momo» gilt als sein internationaler Durchbruch. Heute zählt Ende zu den erfolgreichsten deutschen Autoren des 20. Jahrhunderts.

Michael Ende über die Verfilmung von «Momo» (25.07.1986):