Zornige, weisse Männer halten sich für die wahren Amerikaner

Sie sehnen sich nach dem guten, alten Amerika zurück. Im Buch «Angry White Men» analysiert ein Soziologe die Probleme der männlichen, unteren Mittelschicht. Diese fühlen sich als Opfer der Gleichberechtigung.

Eine Flagge von Amerika, die an einigen Stellen aufgeribbelt zu sein scheint. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das heutige Amerika ist nicht das Amerika, das der zornige, weisse Mann liebt. FLICKR/Berverly&Pack

Im Herbst 2016 wählen die USA einen neuen Präsidenten – oder vielleicht sogar eine Präsidentin. Mit Barack Obama wurde 2008 erstmals ein Afroamerikaner gewählt, was die Veränderungen in der US-amerikanischen Gesellschaft verdeutlicht. Doch nicht alle Amerikaner begrüssten diese Wahl.

Manche waren und sind zornig. Zornig auf die Gleichberechtigung, die – wie sie finden – ihre Männlichkeit angreift. Mit diesen «zornigen weissen Männern» beschäftigt sich der New Yorker Soziologe Michael Kimmel in seinem Buch «Angry White Men». Er befragte dafür viele Männer; vor allem in Vorstädten, heruntergewirtschafteten Industriegürteln und ländlichen Regionen.

Die wütende Suche nach Erklärungen

«Angry White Men» ist ein aufschlussreiches Buch. Michael Kimmel arbeitet die wenig bekannte Subkultur von weissen amerikanischen Männern aus der unteren Mittelschicht auf, die in sozialem Abstieg begriffen sind. Von der bestimmenden, weissen Elite sind sie weit entfernt. Sie fühlen sich machtlos.

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Buchhinweis

Michael Kimmel: «Angry White Men», Orell Füssli, 2015.

Kimmel schreibt: «Viele Männer sind nicht sonderlich zufrieden mit ihrem Leben. Sie suchen nach etwas, was sie dafür verantwortlich machen können, nach einer Erklärung für ihre Ängste, ihre Verwirrung, ihr Elend. (…) Dieses Elend ist real und wichtig, und es kann politisch manipuliert und als Mobilisierungsinstrument missbraucht werden.»

Grosse, hassende Parallelwelt

Traditionelle männliche Werte wie physische Stärke, Macht und Selbstkontrolle sind heute wenig gefragt. Der Mann ist nicht mehr alleiniger Ernährer der Familie. Diese Männer erleben die Welt als «kränkende Enteignung» und fühlen sich als Opfer der Gleichberechtigung.

Frauen, Schwarze, Juden, Einwanderer, Schwule und andere Minderheiten haben die gleichen Rechte wie sie. Das erleben sie als als Verlust von Privilegien, als Beleidigung. Aus Frustration bauen diese zornigen weissen Männer der unteren Mittelschicht ein Wir-Gefühl: Wir gegen die anderen.

So hat sich eine Parallelwelt mit 200‘000 organisierten Mitgliedern und über 1100 Hassgruppen gebildet: evangelikale Sekten, rassistische, antisemitische und antifeministische Gruppen und Milizen. Drei ideologische Elemente stellt Michael Kimmel fest.

Den Kapitalismus lieben, die Konzerne hassen

Die «angry white men» sind leidenschaftliche Anhänger des Kapitalismus. Ausserdem sind sie extrem patriotisch. Aber: «Das Amerika, das sie lieben, ist nicht das Amerika, in dem sie leben. Sie lieben Amerika, aber sie hassen seine Regierung.»

Es gibt falsche und richtige Amerikaner

Die Regierung habe sich internationalen Institutionen angeschlossen, die den American Way of Life untergraben. Sie sei unamerikanisch geworden, vor allem seit Frauen am Drücker seien – und dieser Afroamerikaner. Sie selbst verwenden das N-Wort. Und Feministinnen bezeichnen sie als «Feminazis».

Diese Männer halten sich für die wahren Amerikaner: «Sie sind die rechtmässigen Erben der Vorteile des amerikanischen Systems. Dies ist ihr Geburtsrecht als autochthone weisse Männer.»

Grosse Konzerne und kleine Leute

Der Zorn der weissen Männer sei in vielen Fällen berechtigt, hält Michael Kimmel fest, doch die «angry white men» zögen falsche Schlüsse aus dem wirtschaftlichen Wandel seit den 1980er-Jahren und aus der Gleichberechtigung.

Schwarz und Weiss, Mann und Frau, Angehörige von Minderheiten, alle seien doch mit ähnlichen Problemen konfrontiert, stellt Kimmel fest: Der Staat helfe bloss Grossbanken und Konzernen, die sogenannt «kleinen Leute» spielten keine Rolle mehr.

Kimmel, ein linksliberaler New Yorker Soziologe, will den Zorn verstehen. Das gelingt ihm, und er vermittelt seine Erkenntnisse verständlich und spannend. Einzige Schwäche: Wer diese Unzufriedenheit politisch manipuliert, klärt sich bei der Lektüre dieses Buches zu wenig. Wem nützt dieses vergiftete Klima? Das arbeitet Michael Kimmel in «Angry White Men» nicht deutlich heraus.

Sendung: Radio SRF 2, Kultur Kompakt, 1. September 2015