Zu erfolgreich: Wie Orson Welles seine Hörer in die Flucht schlug

Vor 75 Jahren, am 30. Oktober 1938, versetzte das Hörspiel «Krieg der Welten» seine Hörer in Angst und Schrecken. Die Geschichte wurde für bare Münze genommen und machte Regisseur und Hauptsprecher Orson Welles berühmt.

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Bildlegende: Kurz nach der Ausstrahlung des Hörspiels ist dieses Foto von Orson Welles entstanden. Keystone

«Das Columbia Broadcasting System präsentiert Orson Welles und das ‹Mercury Theater on the Air› in ‹Krieg der Welten› von H.G. Wells». So wurde 1938 das Hörspiel von der Radiostation an der Madison Avenue in New York angekündigt. Der damals 23-jährige amerikanische Schauspieler und spätere Filmregisseur und Autor Orson Welles hatte 1937 eine Theatergruppe gegründet und produzierte seit Sommer 1938 mit ihr Hörspiele. Ab dann nannte sich das Ensemble darum «The Mercury Theatre on the Air». Es hatte ein Millionenpublikum, und Orson Welles wurde mit diesen Radioauftritten überhaupt erst berühmt.

Welles und Wells

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Bildlegende: Der Autor der Vorlage des Hörspiels: H.G.Wells. Wikimedia

Das Hörspiel, das am Abend vor Halloween ausgestrahlt wurde, hatte als Vorlage einen Roman von Orson Welles' britischem Beinahe-Namensvetter und berühmten Autor Herbert George Wells, einer zwielichtigen Figur in der Literaturgeschichte. Er gilt als Pionier der Science-Fiction-Literatur, sein Werk «The War of the Worlds» («Krieg der Welten») hatte er 1898 veröffentlicht, und damit nach dem Roman «Die Zeitmaschine» von 1895 einen weiteren Erfolg gelandet.

H.G. Wells hatte nicht nur utopische Fantasie in Literatur umgesetzt, er hat lange, bevor sie möglich geworden ist, die Atombombe vorausgesehen – und den Begriff «Atombombe» geprägt. Er hatte eine pessimistische Seite und befürchtete – gewiss nicht zu Unrecht – die Menschen würden Opfer ihrer eigenen technischen Fähigkeiten und Errungenschaften werden.

Der Weg zur Weltgesellschaft

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Auf der Website mercurytheatre.info kann man das Original-Hörspiel «War of the World» als Real-Audio-Datei herunterladen – neben anderen Sendungen von «The Mercury Theatre on the Air».

Aber Wells hatte sich auch für eine wünschbare Zukunft um jeden Preis engagiert. So war er Mitglied der britischen, sozialistischen «Fabian Society». Den Ersten Weltkrieg betrachtete er zeitweise als den letzten Krieg überhaupt, der alle Nationalismen überwinden und den Weg freimachen würde zu einer Weltgesellschaft. Dass er sich darin gründlich getäuscht hatte, hat er selber thematisiert.

Wie viele englische Intellektuelle seiner Generation lehnte er gleichzeitig den Nationalsozialismus ab, befürwortete hingegen die Eugenik, welche auch die Nazis in ihrer Rassenhygiene betrieben, also ein Fortpflanzungsverbot und Zwangssterilisation für Leute, die den herrschenden Gesundheits- und Verhaltensidealen nicht entsprachen.

Wells' antijüdische Äusserungen sind vehement. Sein Zukunftsideal orientierte sich am abendländischen, modernen Kulturbegriff. Die Frage nach der Akzeptanz seiner Ideale bei Menschen anderer Kulturräume spielte kaum eine Rolle. Von Letzteren aus gesehen, muss Wells' Ideal ähnlich wirken wie die Invasion, die der Schriftsteller als erfundene Romangeschichte im «Krieg der Welten» erzählt hat.

Invasion der Extraterrestrischen

Die Geschichte von «The War of the Worlds» fängt in der amerikanischen Hörspielversion von 1938 – gesprochen vom jungen Schauspieler Orson Wells – so an: «Wir wissen jetzt, dass die Welt seit den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts von intelligenten Wesen beobachtet wird, die grösser sind als wir.»

Diese bedrohliche Situation, die uns zum Forschungsobjekt macht, als wären wir Bazillen in einem Wassertropfen unter einem Mikroskop, wird im Verlauf der Sendung immer schlimmer. Berichte von – natürlich fingierten – Korrespondenten an verschieden Orten von Amerika beschreiben die Invasion von Ausserirdischen in den dramatischsten Tönen.

Das Spiel mit der Angst

Orson Welles vor einem Notenständer und Mikrofon in einem New Yorker Studio. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Zu ernst genommen: Orson Welles bei den Aufnahmen des Hörspiels «Krieg der Welten». Keystone

Die berühmten Bilder im Kopf beim Radiohören waren in diesem Fall gewiss beeinflusst von den damals beliebten Sciene-Fiction-Comics: 1907 hatten diese mit «Mr. Skygack, from Mars», gezeichnet von A. D. Condo ihre humoristische Premiere. Später entwickelte sich die Gattung zur veritablen Plattform für das Spiel mit unseren Ängsten. Aber der dokumentarische Charakter des Hörspiels war wohl das wirksamste Element des Medienereignisses.

Tatsächlich gerieten Hörerinnen und Hörer in Panik, verliessen ihre Häuser und machten sich kopflos auf die Flucht. Andere sassen ihre Angst zu Hause aus. Dass die Sendung als Hörspiel angesagt worden war mit Titel, Autor und Sprechernamen, nützte nichts mehr.

Es wurde vergessen, sodass der apokalyptische Tiefpunkt der Story so richtig in die Knochen fahren konnte. Ein Korrespondent gibt die Meldung durch: «Jede Kommunikation mit New Jersey ist vor zehn Minuten abgebrochen. Es gibt keine Verbindung mehr. Artillerie, Air Force, alles ausgelöscht. Das ist vielleicht die letzte Radiosendung. Wir bleiben bis zum Ende hier.»

Terrestrische Monster

Der Wirkungsgrad bei den Hörerinnen und Hörern ist in der späteren Hörspielgeschichte nie mehr erreicht worden. «Krieg der Welten» ist eine Fantasie, die mit Monstern aus dem Weltall operiert. Zehn Monate nach Ausstrahlung der so erfolgreichen Hörspielfassung brach tatsächlich der grausamste Krieg der Menschheitsgeschichte aus, der Zweite Weltkrieg. Und der wurde nicht von extraterrestrischen Monstern ausgelöst, sondern vom Monster Mensch.

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