Neuer Roman von Cynan Jones Zwei Menschen – gestrandet am Rande der Gesellschaft

Der walisische Autor Cynan Jones leuchtet in «Alles, was ich am Strand gefunden habe» die dunklen Ränder der Gesellschaft aus – in einem stimmungsvollen und packenden Thriller.

Eine Küste in Wales. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wenn der Traum von einem besseren Leben im Abgrund endet. Getty Images

Wales, Cynan Jones' Heimat, ist offenkundig eine ideale Roman-Kulisse. Bereits sein Roman «Grabenۜ», der 2015 auf Deutsch herauskam, spielte in Wales: eine Parabel über den Kampf zwischen Gut und Böse.

Auch «Alles, was ich am Strand gefunden habe» ist in der kargen walisischen Landschaft angesiedelt. Der Roman vereint gekonnt vielerlei: Er ist ein packender Thriller, reflektiert tiefgründig über den Zustand der modernen Welt und überzeugt durch die präzise Anatomie der Seelen der beiden Hauptprotagonisten.

Zwei Schicksale im Zentrum

Auch dies ist eine Parallele zu «Graben»: Erneut stellt Jones zwei Männerfiguren ins Zentrum, deren Wege sich schicksalhaft kreuzen. Im aktuellen Roman sind es zwei arme Schlucker, die für sich und ihre Nächsten von einem besseren Leben träumen.

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Buchhinweis

Cynan Jones: «Alles, was ich am Strand gefunden habe». Liebeskind, 2017.

Da ist zunächst einmal ein gewisser Hold. Er schlägt sich als Fischer und Jäger durch. Sein grösster Besitz ist ein abgehalfterter Lieferwagen.

Ähnlich trüb ist das Leben der zweiten Männerfigur, eines gewissen Grzegorz. Ein Familienvater aus Polen, der mit Frau und Kind nach Grossbritannien ausgewandert ist – in der Hoffnung auf Arbeit und Verdienst.

Leben mit der Fremdenfeindlichkeit

In Wales schuftet Grzegorz nun in einem Schlachthaus, für einen Hungerlohn und mit dem Gefühl, in der britischen Gesellschaft alles andere als willkommen zu sein. «Polen raus!» hat ein Einheimischer an die Wand der kümmerlichen Baracke der polnischen Fremdarbeiter gesprayt.

Dann aber bietet sich Grzegorz die Chance, aus seiner Armut auszubrechen: Er soll mitten in der Nacht für die örtliche Drogenmafia mit einem kleinen Boot aufs Meer hinausfahren, dort eine Lieferung Kokain entgegennehmen und diese an Land schmuggeln.

Die Übergabe auf dem Meer klappt zunächst perfekt, aber dann endet die Kurierfahrt in der Katastrophe: Grzegorz verirrt sich auf See in der Dunkelheit und erfriert. Wenig später wird das Boot an die walisische Küste gespült.

Der Traum vom Reichtum

Jetzt kommt wieder Hold, der Fischer, ins Spiel: Er entdeckt das gestrandete Boot – und wittert nun seinerseits die Chance aufs grosse Geld: Er nimmt die Pakete mit dem Kokain an sich. Grzegorz' Leiche lässt er liegen. Hold will die Drogen an den Drogenring verkaufen.

Cynan Jones steht vor einer Steinmauer. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die walische Landschaft ist Kulisse seiner Geschichte: Autor Cynan Jones. Alice Fiorilli

Vorerst läuft alles wie geschmiert – es kommt zur Übergabe. Aber dann passiert es: Hold hat die Skrupellosigkeit der Drogenhändler unterschätzt: Der Traum vom besseren Leben endet auch für ihn im Abgrund.

Der gesellschaftliche Rand

Cynan Jones' Erzählweise zeichnet sich durch eine ruhige Spannung aus, die den ganzen Roman über anhält.

Dies hängt zum einen mit der messerscharfen Sprache zusammen, die ohne jede Girlande auskommt. Zum anderen aber auch mit der Beklemmung, die der Autor auslöst.

Er leuchtet die tiefe Verzweiflung seiner Figuren schonungslos aus – die des Gelegenheitsarbeiters und die des Arbeitsmigranten, dieser vergessenen Existenzen irgendwo am Rand, die aufgrund der prekären Umstände alles wagen. Und alles verlieren.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktualität, 17.07.2017, 16:50 Uhr.