Ausgerechnet die erste Ausgabe vom Norient Film Festival (NFF) startet mit einer Panne. «Der erste Film ging schwarz-weiss los. Das sorgte für die erste Irritation», erinnert sich Norient-Gründer und Filmemacher Thomas Burkhalter. Irritieren, das wird das Festival in den kommenden Jahren immer wieder auf die eine oder andere Art. Aus heutiger Sicht war es also wohl ein passender Start.
Das NFF ist eines der frühen Musikfilmfestivals in Europa. «Die Idee haben wir aber aus Polen gestohlen», erzählt Burkhalter. 2008 werden er und der Journalist und Filmemacher Michael Spahr an das Internationale Musikfilmfestival «Muzyka i Świat» in Krakau eingeladen.
«Dort gab es eine Szene von jungen Filmemacherinnen, die wirklich ins Feld gehen und die eine Nähe zu den verrücktesten Musikszenen aufbauen», sagt Burkhalter. Genau darum geht es im Kern auch bei Norient. So beschliessen die beiden 2010 ein eigenes Musikfilmfestival zu gründen.
Bekenntnis zum Underground
Seitdem ist das Norient Film Festival einerseits gewachsen, andererseits vergleichsweise klein geblieben: Es hat das Kino in der Reitschule in Bern nie verlassen.
Als Bekenntnis zum Underground, aber auch als Kritik am kulturellen Establishment: «Wir wollen kulturelle Phänomene zeigen, die nicht gehört werden. Das NFF hat sicher eine aktivistische Seite.»
Offene Ohren für Musik aus aller Welt
Die Filme, die Thomas Burkhalter und sein Team für das Norient Film Festival aussuchen, kommen aus der ganzen Welt. Darunter sind Mainstream-Filme, die bereits auf grossen Festivals gezeigt worden sind, aber auch Underground-Produktionen.
Im Idealfall wünsche er sich Filme mit einer musikethnologischen Haltung, in denen die Regisseurinnen und Regisseure möglichst nahe an ein Phänomen heranfinden. «Aber ich entscheide oft aus dem Bauch heraus», so Burkhalter.
Immer wieder liefen am NFF auch Filme, die nur halbfertig waren. Burkhalter weiss, dass das anstrengend sein kann für das Publikum. Dennoch setzt er sich für diese Filme ein. Es sei ein Versuch sich von anderen Musikfilmfestivals zu unterscheiden, die den Fokus vor allem auf Dokumentarfilme legen und von denen es heute sehr viele gibt.
Zehn Jahre voller Höhen und Tiefen
Das NFF erlebt Höhen und Tiefen. Ab 2015 wächst das Festival, es kommen neue Veranstaltungsorte in der Schweiz hinzu. 2018 wird das Norient Film Festival plötzlich abgesagt. «Wir sind ein kleines Team mit begrenzten Ressourcen und haben eine Pause gebraucht», so Burkhalter.
Nur ein Jahr später wird unter anderem aus finanziellen Gründen die Online-Plattform vom Netz genommen, Norient lanciert ein Crowdfunding-Projekt. Sie seien in einer vierjährigen Umbruchphase gewesen, die mit der Etablierung der neuen Website zu Ende gegangen sei. Und somit gab es für die diesjährige Jubiläumsausgabe des NFF auch wieder grünes Licht.
Diese kann Corona-bedingt nur online stattfinden. «Ich dachte das wird langweilig, denn diese Filme sind nicht für den Laptop gemacht», so Burkhalter.
Aber durch das Onlineangebot konnte das Festival deutlich mehr Filme anbieten als sonst und sein Publikum vergrössern. 1500 gestreamte Filme wurden am ersten Festivalwochenende im Januar registriert, mit einem Publikum von Bangladesch über Brasilien bis Australien.
Die aussergewöhnliche Situation erlaube es, vieles auszuprobieren. So fanden die Fragerunden mit den Regisseuren erstmals über Zoom statt. «Das Gespräch zum Film ‹Silêncio: Voices of Lisbon› hat ein Musikjournalist aus Lissabon gemacht. Vor Ort, mit den beiden Regisseurinnen und einer Sängerin aus dem Film. Ich habe also plötzlich Lissabon zugeschaut. Das war ein schönes Gefühl, das hat eine eigene Welt kreiert.»