Zum Inhalt springen

Musik Anoushka Shankar: Wie der Vater – und doch ganz anders

Anoushka Shankar war neun, als ihr Vater Ravi Shankar sie in die Kunst der Sitar einweihte. Von ihm hat sie die Offenheit anderen Stilen gegenüber: Nach Jazz und Elektronik suchte und fand sie Gemeinsamkeiten zwischen Flamenco und klassisch indischer Musik. Am 24. April ist sie zu Gast im KKL.

Anoushka Shankar auf einem Sofa mit ihrer Sitar
Legende: Die Musikerin Anoushkar Shankar kämpft gegen Gewalt an Frauen in dem sie ihre eigene Geschichte offenbart. Harper Smith/ Deutsche Grammophon

Sie wünschte sich eine Sitar, und der Papa liess ihr ein Kinder-Modell bauen. Anoushka Shankar war neun, als der Vater, Ravi Shankar, sie systematisch in die hochkomplexe Musik der Ragas einweihte. Zuerst nur mündlich, dann auch in der Praxis.

Flamenco und klassisch indische Musik passen zusammen

Ein Foto erzählt, wie gross der Eifer des kleinen Mädchens war, das sich mit dem langen Hals, der unbequemen Armstellung und den scharfen Stahlsaiten seines Instrumentes abmüht. Zu ihr hinabgebeugt der grosse Ravi Shankar, der die kleinen Finger in die richtige Position bringt. Er war wunderbar, sagt Anouhska Shankar, 25 Jahre später. Süss und geduldig. Und alles was sie kann, hat sie von ihm gelernt. Auch die Offenheit gegenüber andern Musiken und Stilen.

Mit Jazz und Elektronik hat sie sich bereits beschäftigt. Auf ihrer letzten CD tat sie nun etwas, was sie schon lange wollte und faszinierte: Sie erforscht die Gemeinsamkeiten zwischen Flamenco und der klassischen indischen Musik. Beim Rhythmus ist sie fündig geworden, und «bei einer Art ungezügelter Musikalität sei es im Gesang oder in der Sitar oder der Gitarre.»

Schmerz, Schweiss und Pein

Eigentlich war sie am Anfang mehr vom Klavier angezogen, damals, als sie noch mit ihrer Mutter in London lebte. Doch dann zogen die beiden zu Ravi Shankar nach Kalifornien, die Eltern heirateten und wenn der Vater zuhause war, sog sie den Sitar-Klang in sich auf.

Sie beschreibt ihn als vielschichtig: «mal unschuldig wie ein Kind, dann wie eine kichernde Girl-Group», oder singend, romantisch und zärtlich. Und am allermeisten mag sie die tiefen Klänge, wenn die Bordun-Saiten so heftig mitschwingen, dass sich die Vibrationen gar auf den Körper übertragen.

Bei aller Sanftheit und Schönheit des Klanges – «zum Lernen», sagt Anoushka Shankar, «ist die Sitar grauenhaft. Bis man ihr nur den ersten halbwegs klingenden Ton entlockt hat!» Zudem fordert sie körperlich einen hohen Preis: der lange Hals bringt die Arme in unbequeme Stellungen, der Sitz am Boden mit gekreuzten Beinen ist nicht für jedermann, aber am allerschlimmsten sind die feinen Stahlsaiten, die sich erbarmungslos in die Fingerkuppen eingraben.

Schmerz, Schweiss, Pein – denkt man daran im Augenblick des Spiels und des musikalischen Höhenfluges? «Ich schon», sagt Anouhska Shankar, «vor allem, wenn ich eine Zeit nicht gespielt habe.»

Auch auf die Frage, warum man sich zum Sitar-Spielen auf den Boden setzen muss, gibt es eigentlich keine vernünftige Antwort. Ausser: Man hat es halt schon immer so gemacht. Und vielleicht noch: es sieht ziemlich gut aus und niemand sonst macht so etwas. Gründe genug, dass Anoushka Shankar die Tradition respektiert, aber auch über Neues nachdenkt.

In der Tradition des Vaters

Im letzten Dezember ist ihr berühmter Vater gestorben, 92jährig. Seither reist die Tochter mit seinem Nachlass durch die Welt, gibt Rezitals mit den von ihm komponierten Ragas oder spielt seine Sitar-Konzerte zusammen mit klassisch westlichen Sinfonieorchestern. Die Unterschiede der beiden Musiken hat Ravi Shankar auf den Punkt gebracht: indische Musik lebt von der Melodie und vom Rhythmus, und ihr fehlt so gut wie alles, was die klassische europäische ausmacht: Harmonie, Polyphonie, Kontrapunkt.

Trotzdem hat er es irgendwie geschafft, die beiden Musikstile zusammenzubringen – indem er ihnen die Eigenheit beliess. Kein Cross-Over, eher ein side-to-side. «Seine Wurzeln hat er auf jeden Fall immer in der klassisch-indischen Musik», sagt die Tochter.

«Rise up!» - Shankar weiss was Gewalt an Frauen bedeuten kann

Vor drei Monaten, als eine junge Frau in Indien vergewaltigt und getötet wurde, schloss sich Anoushka Shankar einer weltweiten Bewegung an und stellte eine Botschaft ins Netz. I am rising – ich erhebe mich. Schluss mit Gewalt an Mädchen und Frauen, Schluss mit Vergewaltigung und Unterdrückung.

«Was heute auf der Titelseite der Zeitung steht, ist morgen bereits vergessen.» Deswegen beschloss sie, dieser gnadenlos drehenden Info-Maschine etwas entgegenzusetzen – ihre eigene Geschichte.

«Gewalt an Frauen und Mädchen» – so ihre Message – «ist nicht nur in Indien ein grosses Problem, und es trifft auch nicht nur die Unterschicht. Ich bin in einer gut bürgerlichen, relativ bekannten Künstler-Familie aufgewachsen, die meiste Zeit ausserhalb von Indien - und trotzdem wurde ich zum Opfer. Was so viel heisst, dass jede zum Opfer werden kann. Was so viel heisst, es ist ein Problem, das uns alle angeht und wir gemeinsam lösen müssen. So: Rise up!»