Ausgezeichnet! Der Eurovision Song Contest verbindet Völker

Er ist schräg, kitschig – und erhält nun die Karlsmedaille für seine Verdienste um Integration und Identitätsbildung in Europa: der Eurovision Song Contest. Eine schöne Meldung für die Fans. Doch fragt man sich unwillkürlich: Wie integrativ ist der Sängerwettbewerb wirklich?

Sängerin steht am Bühnenrand. Zuschauer schwenken verschiedene Fahnen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der ESC zeigt uns einmal im Jahr sehr deutlich: Europa ist mehr als die unmittelbaren Nachbarländer. Reuters

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Die Karlsmedaille

Die Karlsmedaille ist eine Auszeichnung für Menschen oder Institutionen, die zur europäischen Einigung und zur europäischen Identitätsstiftung beitragen. Die Auszeichnung wird für Verdienste aus den Bereichen Print, Fernsehen, Film, Radio und Internet verliehen. Die Medaille wird in Aachen vergeben. Die Stadt ist Mitglied des Trägervereins.

Der Eurovision Song Contest (ESC) ist eine leichte, wenn auch international aufwendige Unterhaltungsshow. Die Karlsmedaille würdigt nun den völkerverbindenden Charakter, der ein Teil des Ereignisses ist.

Der ESC fördere das «Wir-Gefühl» der Europäer, weil er neben der Musik die einzelnen Länder und ihre Bürger in den Fokus rücke, begründet die Jury die Vergabe. Das sei auch angesichts der Gefahr eines Auseinanderbrechens der Europäischen Union wichtig.

Gemeinsam gegeneinander?

Die Fans feiern dieses «Wir-Gefühl» vor Ort, an öffentlichen Übertragungen oder an Partys in der heimischen Stube. Der ESC ist jedoch ein Wettbewerb und spätestens bei der Punktvergabe zeigt sich: Es gibt ein «Wir» – ein «Wir gegen die anderen».

Denn es bilden sich gerne und oft Allianzen. Häufig stimmen skandinavische Länder für einander. Das gleiche Phänomen sieht man auch bei Ostblock- und anderen Staaten. Der integrative – und nun ausgezeichnete – Charakter des ESC erschliesst sich da nicht unbedingt.

Europäisches Aserbaidschan

Irving Wolther, Kulturwissenschaftler und bekennender ESC-Fan, sieht bei dem internationalen Wettstreit, bei dem auch Länder wie San Marino teilnehmen, durchaus eine integrative Leistung: «Der Contest ruft den Zuschauern in Erinnerung, wie gross und vielfältig Europa ist.» Er zeige, dass sich zum Beispiel die Bevölkerung Aserbaidschans mehr europäisch als asiatisch fühle.

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Zur Person

Irving Wolther

NDR/Christian Spielmann

Dr. Irving Wolther ist Sprach- und Kulturwissenschaftler und Journalist beim NDR. 2006 schrieb er die Dissertation «Kampf der Kulturen – Der Eurovision Song Contest als Mittel national-kultureller Repräsentation». Seitdem nennt er sich im Internet auch Dr. Eurovision.

«Es ist auch für die Leute, die sich am Contest begegnen eine wichtige Erfahrung, gemeinsam an einer Show zu arbeiten und zu feieren. Das ist auch unter den Fans völkerverbindend», sagt Wolther. Die teilweise einseitige Punktvergabe erklärt er damit, dass sich die Nachbarländer jeweils kulturell und historisch nahestehen.

«Switzerland, zero points»

Die Schweiz – wenn sie es denn mal ins Final schafft – erhält traditionell wenig Punkte. Hat sie denn keine Freunde in Europa? «Die Schweiz hat zu wenig Mut sich selbst zu sein», diagnostiziert Wolther. Im Kontext des ESC brauche man ein wiedererkennbares Profil. Stromlinienförmige Beiträge würden nicht funktionieren. Die könnten auch aus jedem anderen Land stammen.

Der ESC ist ein europäisches TV-Grossereignis. Geschätzte 180 Millionen Zuschauer versammelt das Finale europaweit vor der Mattscheibe – Fahnenmeere, freudentaumelnde Fans und viel Kitsch ist Programm. Es ist ein stark idealisiertes Bild, das der ESC von Europa zeigt. Wolther stört das nicht: «Ein einiges Europa ist immer ein Ideal. Ideale sind dazu da angestrebt zu werden.»