Benjamin Britten: Ein Komponist mit Abgründen

Benjamin Britten ist weltberühmt, als Komponist, Dirigent und Pianist. Und das auch durch seine Musik für Kinder. Weniger berühmt als berüchtigt sind seine pädophilen Neigungen, sie lösen bis heute Diskussionen aus. Und sie beeinflussen noch an seinem 100. Geburtstag die Rezeption seines Werks.

Benjamin Britten schwingt den Taktstock während einer Probe. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Benjamin Britten (1913-1976) probt im Jahr 1960 mit Kindern eine Szene aus dem von ihm komponierten Sommernachtstraum. Keystone

Kein Komponist der Geschichte hat so viel Musik für Kinder geschrieben wie Benjamin Britten. Und keiner so viel Musik über sie. Britten, geboren am 22. November 1913, hatte keine eigenen Kinder. Aber er war nach eigenen Aussagen verloren ohne ihre Gesellschaft. So umgab er sich zeitlebens mit ihnen und sonnte sich in ihrer Aufmerksamkeit.

Viele Filme und Fotos zeigen Britten strahlend inmitten ganzer Kinderscharen: Als Dirigent von Schulchören, als Veranstalter von Sommerpartys, als Tennisspieler und Schwimmer, am Steuer eines seiner teuren Autos mit offenem Verdeck, den Innenraum vollbeladen mit lachenden Kindern; vorwiegend mit Jungen.

Denn Britten, das ist kein Geheimnis, hatte pädophile Neigungen zu heranwachsenden Knaben – eine Tatsache, die bis heute heftige Diskussionen auslöst und auch die Rezeption seines Werks beeinflusst.

Ewiger Jüngling

Der erfolgreichste englische Opernkomponist Benjamin Britten, Schöpfer von «Peter Grimes», «Billy Budd» oder «Death in Venice», lebte 37 Jahre lang in Partnerschaft mit dem Tenor Peter Pears. Die englische Öffentlichkeit nahm es hin, schwieg es weg: Bis weit in die 1960er Jahre galten die viktorianischen Gesetze, und die verboten Homosexualität. Während Pears viele Affären hatte, kannte er auch die Schwäche seines Partners und schien sie zu tolerieren.

Britten war fasziniert von der kindlichen Unschuld und davon, wie Erwachsene sie korrumpieren und zerstören. Er selbst hatte etwas jungenhaftes: schmal gebaut, schlaksig, mir dichtem Haarschopf und langen Beinen: «boyish». Am Liebsten, so wiederholte er oft, wäre er sein Leben lang 13 Jahre alt geblieben.

Die Reinheit von Kinderstimmen

Der Komponist Benjamin Britten mit den Noten der Oper «Gloriana». Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Benjamin Britten wurde weltberühmt mit der Oper «Peter Grimes», die 1945 uraufgeführt wurde. Keystone

So verwundert es nicht, dass sich Britten musikalisch bestens in Kinder einfühlte. Er schrieb Werke nur für hohe Stimmen, ohne Tenöre und Bässe: «A Ceremony of Carols» etwa, «Children’s Crusade», «Friday Afternoon» oder die «Missa Brevis». In seinem berühmten «War Requiem» für die Opfer der beiden Weltkriege singt ein Kinderchor mit, in der grossen Spring Symphony ebenfalls, und in mehreren Opern spielen Knaben und Mädchen schwierige Hauptrollen. Zum Beispiel Flora und Miles in «The Turn Of The Screw», die vom bösen Geist eines toten Dieners namens Quint bedrängt und verführt werden.

Brittens Kinderstimmen wirken immer unschuldig, tauchen oft an Schlüsselstellen eines Werks auf und verkünden ernste oder tragische Botschaften. Süss ist das nie, auch nicht kitschig, aber bei aller Reinheit des Klangs wird einem dennoch manchmal etwas mulmig zumute. Verstehen die Kinder, was sie da singen? Ist das nicht die totale Überforderung? Stellt Britten sie nicht einfach auf den Sockel und idealisiert sie?

Anderseits, so erzählen Chordirigenten, singen Kinder gern Britten, weil er sie herausfordert, ihren sportlichen Ehrgeiz kitzelt und sie am Schluss mit Melodien belohnt, die bei aller Modernität sehr gesanglich sind.

Der Fall David Hemmings

Die grosse BBC-Dokumentation «Britten’s Children» (2004) des Filmemachers James Bridcut, auf englische Komponisten spezialisiert, geht vielen heiklen Fragen nach. Bridcut befragt zum Beispiel acht Männer, die als Jungen eine Zeit lang Brittens Favoriten waren. Unter ihnen den Sohn des Dirigenten Hermann Scherchen, Wolfgang «Wulff» Scherchen. Oder den Schauspieler David Hemmings, der nicht nur als Fotograf in Antonionis Kultfilm «Blow up» bekannt wurde, sondern schon zwölf Jahre vorher als Knabensopran in der Uraufführung von «The Turn Of The Screw».

Während der Proben lebte der junge David im Britten-Pears-Haushalt in Aldeburgh an der englischen Ostküste, mauserte sich zum Liebling der Familie und schlief in einem Bett mit Britten. Hemmings beteuert zwar im Interview, es sei zu keinen sexuellen Kontakten gekommen. Dennoch wirkt seine Geschichte heute sehr befremdlich, da viel offener über Pädophilie geredet wird, und viel mehr Missbräuche ans Licht kommen. Im Nachhinein wundert man sich auch über die Naivität der Eltern und stellt erleichtert fest, dass so etwas wohl nicht mehr ungestraft möglich wäre.

Alle schwärmen noch von Britten

Keiner der in «Britten’s Children» befragten Männer redet von Missbrauch, alle schwärmen noch heute von der Freundschaft zu Britten und wie gut er zu ihnen war. Ob sie die Beziehung im Nachhinein idealisieren, ob sie verdrängen oder ob es wirklich so war, darüber lässt sich schwer urteilen.

Es scheint, als habe sich Britten Anfang der 1940er Jahre für die Beziehung zu Peter Pears entschieden, zu einem erwachsenen Mann also, und von da an auf einem schmalen Grat balanciert; beschäftigt damit, seine verbotenen Träume zu sublimieren und nicht abzustürzen. Jedenfalls deutet seine Musik so etwas an, etwa das Duo zwischen Quint und Miles in «The Turn Of The Screw». Zwischen der Tenor- und der Knabenstimme tut sich ein Abgrund auf, und die Begleitung mit Glocken, Harfe und tiefen Schlagzeugtönen verstärkt das Bedrohliche des Moments. In einem Interview erzählte Britten einmal, wie fasziniert er von der Nacht mit ihren Träumen sei, da sie Dinge enthülle, die besser im Verborgenen blieben.

Zwischen den Zeilen

Seit seinem Durchbruch mit der Oper «Peter Grimes» war Britten ein äusserst erfolgreicher und gefragter Mann, ein arrivierter Künstler der englischen Mittelklasse, immer gut angezogen, fast immer lächelnd und mit der hellen Aura des Erfolgs gesegnet. Dieses Positive und Helle ist in vielen seiner Werke zu spüren, und die Spannung steigt dann, wenn es in einen konfliktreichen Dialog mit dem Dunklen, Verbotenen tritt.

Wie Britten das kompositorisch löst, kann uns als Publikum ebenso interessieren wie Musikwissenschaftler, Soziologinnen und Psychologen. Seine Musiksprache ist klar, scharf, aufgeklärt und kompromisslos. Was zwischen den Zeilen steht, ist eine andere Geschichte.