Bye-bye, USA! Wie sich Schweizer Jazzer emanzipierten

Jazz ist amerikanische Musik, keine Frage. In den USA wurde der Jazz erfunden, und dort entwickelte er sich weiter. Europäische Musiker spielten dabei keine Rolle: Sie kupferten bei ihren amerikanischen Kollegen ab, manchmal besser, manchmal schlechter. Ab 1960 änderte sich das.

Ein Schlagzeuger, eine Frau am Piano und ein Mann am Kontrabass in einem Raum. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Protagonisten des europäischen Free Jazz: Das Pierre Favre Trio 1968 in Willisau. Mit Irène Schweizer am Klavier. Josef Schaller

Die frühesten Versuche, in der Schweiz Jazz zu spielen datieren in den späten 1920er-Jahren. «Jazz» in Anführungszeichen war das allerdings. Mit wirklichem Jazz, wie er zu jener Zeit in New York oder Chicago gespielt wurde, hatte das wenig zu tun.

Alles nur kopiert

20 Jahre später war vieles anders. Musiker wie der Trompeter Hazy Osterwald und der Klarinettist Ernst Höllerhagen spielten wirklichen Jazz – ohne Anführungszeichen. Sie swingten und improvisierten, und zuweilen klang es wie Bebop, damals der neuste Trend. Selbst erfunden allerdings war gar nichts. Jeder Ton war von amerikanischen Vorbildern kopiert.

1959 erschien die LP «Free Jazz» des amerikanischen Saxofonisten Ornette Coleman. Sie war revolutionär. Da traute sich einer, einen Jazz zu spielen, der – so schien das damals – nicht die Tradition fortschrieb, sondern losgelöst von allem schon Dagewesenen schien. Etwa zur gleichen Zeit gerieten die Dinge nicht nur künstlerisch, sondern auch gesellschaftlich in Bewegung. Die schwarze Bürgerrechtsbewegung formierte sich. In Europa radikalisierte sich die Jugend.

Selbstbewusst zur eigenen Musik

Irène Schweizer mit einer Improvisation von 1987

1:07 min, vom 30.4.2013

Kunst war immer wieder der Seismograf für gesellschaftliche Prozesse. Künstlerinnen und Künstler nahmen Entwicklungen voraus, die erst später spürbar wurden. Junge Jazzmusikerinnen und -musiker in Europa und in der Schweiz besannen sich auf sich selber, wurden selbstbewusst, und begannen, ihre eigene Musik zu suchen.

In der Schweiz brachen vor allem zwei Musikerpersönlichkeiten zu neuen Horizonten auf: die junge Schaffhauser Pianistin Irène Schweizer und der Schlagzeuger Pierre Favre aus Le Locle. Zuerst geschah dies ganz sachte. Die grosse Freiheit, die da winkte, konnte auch Angst machen. Der Austausch mit Kollegen in Deutschland und England aber gab Mut, diesen eigenen Weg weiter zu verfolgen.

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An der Hochschule Luzern fand vom 6. bis zum 8.11.2014 ein Symposium mit dem Titel «Growing Up: Jazz in Europa 1960–1980» statt.

Mehr zur Schweizer Jazzgeschichte gibt's auch in unserem umfassenden Special «Jazz in der Schweiz».

Irène Schweizer: Mutmacherin und Identifikationsfigur

Bei Irène Schweizer war die Emanzipation nicht nur eine musikalische, sondern auch eine persönliche: Ihre Musik befreite sich, und sie setzte sich als Frau in dieser Männermusik Jazz durch. Irène Schweizer wurde zur Mutmacherin und Identifikationsfigur für viele. Linke politische Gesinnung, Frauenrechte und freie Musik bildeten eine Einheit.

Und heute? Jazz ist immer noch eine amerikanische Musik. Die einflussreichsten Musiker arbeiten nach wie vor in New York und neue Tendenzen kommen immer noch aus den USA. Aber seit den 1960er-Jahren gibt es auch einen europäischen Jazz. Der unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht vom amerikanischen.

Und es gibt europäische Musiker, die in einem Atemzug mit ihren amerikanischen Kollegen genannt werden können: Enrico Pieranunzi, Daniel Humair, John Surman, Albert Mangelsdorff. Das Gefälle zwischen hüben und drüben, das vor 1960 riesig war, hat sich egalisiert.