Carla Bley wird 80: Eine Jazzerin, die einfach anders klingt

Carla Bley war schon immer eine auffällige Erscheinung, in jeder Hinsicht. Eine zierliche Frau mit einer enormen Helmfrisur am Klavier oder vor ihrem Orchester-Männerhaufen. Ihre Musik ist wie von einem fremden Stern – und wurde zum Glück entdeckt.

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Bildlegende: Carla Bley wollte die Jazzwelt kennenlernen und entwickelte dann Klänge, die man so noch nicht kannte. Imago/CTK

Mitte der 1950er-Jahre taucht eine junge Frau aus Portland, Oregon in New York auf. Die kaum 18-jährige Carla Bley hiess damals noch Carla Borg. Sie hat sich in den Kopf gesetzt, die Jazzwelt kennen zu lernen. Der Weg, den sie dazu findet, ist ebenso originell wie richtig.

Anfang als Mädchen für alles

Carla Borg heuert in den wichtigen Jazzclubs als Mädchen für alles an. Das heisst, sie verkauft Zigaretten und Stofftiere aus ihrem Bauchladen: «Would you like to buy a rabbit?» Oder sie fotografiert Paare am Tisch mit der Polaroid und verkauft die Fotos. An der Garderobe gibt sie Mäntel heraus.

Das alles, um die Musiker auf der Bühne zu sehen und zu hören. Sie habe alle gesehen damals, sagt Carla Bley, mit Ausnahme von Charlie Parker, der eben gestorben war. Das Interesse ist wechselseitig. Auch die Musiker schauen auf die junge Frau.

Schreiberin fremder Melodien

Das verwundert nicht, und so wird aus Carla Borg bald Carla Bley. Paul Bley, ihr frischgebackener Ehemann ist nicht irgendeiner, sondern einer der «Young Lions» der damaligen Zeit. Der Pianist zeigt ihr neue Wege in die musikalische Freiheit.

Carla hat zu dieser Zeit angefangen zu komponieren, sie schreibt musikalische Aperçus, Miniaturen mit einem ganz eigenen Geschmack: fremdartige und doch völlig logische Melodien zu Akkorden, wie sie in üblichen Jazzstandards nicht vorkommen. Paul Bley spielt sie und nimmt sie auf.

Sie entwickelt ihr eigenes Ding

Selber ans Klavier setzt sich Carla Bley erst, nachdem die Ehe 1965 in Brüche geht. Sie ist zwar keine Virtuosin vom Format ihres Ex-Mannes, aber ihre Jugend in der Familie eines Kirchenorganisten hat ihr eine solide Grundlage gegeben. Ausserdem, das betont Carla Bley immer wieder, habe sie keine Jazzausbildung genossen.

Sie sei zu schlecht um die grossen Pianisten zu kopieren. Deshalb sei sie gezwungen, ihr eigenes Ding zu entwickeln. Auch als Komponistin. Beim Anhören ihrer ersten Stücke, «Jesus Maria» etwa oder «Ida Lupino», kommt einem eher Erik Satie in den Sinn als John Coltrane.

Was auch immer «Chronotransduction» ist

Zwischen 1969 und 1972 arbeitet Carla Bley, nun mit ihrem zweiten Mann, dem österreichischen Trompeter und Komponisten Michael Mantler liiert, an ihrem Opus Magnum «Escalator Over the Hill». Drei LPs füllt diese «Oper».

«Chronotransduction» ist Carlas Bezeichnung dafür, was immer das auch ist. Das Werk wird zum Klassiker. Die halbe New Yorker Avantgarde spielt mit: von Don Cherry über Charlie Haden bis zu Gato Barbieri. Carla Bley ist auf einen Schlag ein Star.

Einfach anders klingen

Seit fünfzig Jahren also ist Carla Bley nun mit ihrer merkwürdigen Musik unterwegs. Eine Musik die fast immer einfach klingt und alles andere als einfach ist. Heute am liebsten mit ihrem dritten (und wohl letzten) Ehegatten, dem Bassisten Steve Swallow. Er war schon Anfangs der 1960er-Jahre mit von der Partie im Trio von Paul Bley.

Vergangenen Mittwoch wurde sie 80 Jahre alt. Sie ist noch schmaler geworden, ein Schatten fast nur noch, aber ihre Helmfrisur ist geblieben. Ihre Musik hat die gleiche Kraft wie eh und je. Carla Bley klingt immer noch wie aus einer fremden Welt. Und ist immer noch wunderschön anzuhören.

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