Das Rauschen des Nichts: Der Saxophonist Christian Kobi

In ein Saxophon bläst man oben hinein und unten kommt Musik heraus. Christian Kobi bläst nicht in sein Saxophon hinein – trotzdem aber tönt es. Wie das geht? Ganz einfach: Auch die Stille klingt. Und das hat nichts mit Esoterik zu tun.

Porträtbild von Christian Kobi (Farbe), im Halbschatten. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Christian Kobis liebstes musikalisches Feld ist das zwischen Musik und Geräusch, zwischen Klang und Stille. Mihály Borbély

Christian Kobi ist ein Tüftler. Der herkömmliche Saxophonklang interessiert ihn wenig. Den haben sowieso alle im Ohr, manche lieben ihn, manche hassen ihn. Vielmehr möchte Kobi wissen, wie es im Innern eines Saxophons klingt, in der Röhre, also dort, wo der Klang entsteht – quasi im Resonanzraum des Instrumentes.

Um das herauszufinden, montiert er Mikrophone ganz dicht am Blasrohr und nimmt die Resonanz im Innern des Instrumentes auf. Er tut dies ohne hineinzublasen, nimmt also quasi die Stille im Saxophon auf. Diese verstärkt er solange, bis es eine Rückkopplung gibt. Die Mikrophone wirken hier also wie Mikroskope, sie vergrössern die Stille, das leise Rauschen des Nichts. Und tatsächlich: Die Stille klingt!

Der stille Beweger

Beim ersten Hinhören allerdings tönt es einfach nach nichts. Aufmerksame Ohren sind hier gefragt, ein konzentriertes Lauschen, ein richtiggehendes Eintauchen in den Klang. Unsere Ohren müssen bei Kobi das tun, was unsere Augen üben, wenn wir uns nach einem plötzlichen Löschen des Lichtes langsam an die Dunkelheit gewöhnen und wir wieder Konturen und Schatten erkennen: Erst, wenn unsere Ohren sich auf den leisen Klang einstellen, können sie wahrnehmen, wie differenziert dieses Nichts tönt; wie facettenreich, und wie viel sich doch ständig verändert in einem scheinbar ereignislosen Klang.

Christian Kobi, geboren 1976, ist freischaffender Musiker in den Bereichen Improvisation und zeitgenössischer Komposition. Er lebt mit seiner Familie in Bern. Kobi macht nicht viel Aufhebens um seine Person, arbeitet im Stillen und bringt doch als Kulturschaffender vieles in Bewegung. Er betreibt sein eigenes CD-Label, Cubus Records, und ist seit Jahren mit seinem Saxophon-Quartett unterwegs, dem Konus Quartett, das regelmässig eng mit Komponisten zusammenarbeitet.

Kaleidoskopische Klangsplitter

Und dann ist da sein Festival «zoom in» für improvisierte Musik, das im Oktober 2013 zum zehnten Mal stattgefunden hat. Mit seinen konsequent gestalteten Programmen und mit Improvisations-Gästen von Rang und Namen (dieses Jahr u.a. John Butcher, Dorothea Schürch, Antoine Chessex oder Peter Brötzmann) hat Kobi internationales Ansehen erlangt: Das Festival, das jeweils im Berner Münster stattfindet, gehört mittlerweile zu den wichtigsten in der europäischen Szene der improvisierten Musik.

Gratwanderung zwischen Musik und Geräusch

Zusatzinhalt überspringen

CD-Hinweis

«raw lines», Saxophon Solo. Erscheint im November 2013 bei bdta.

Christian Kobis Handschrift spürt man auch bei den «zoom in»-Konzerten. Auch wenn die Musiker aus ganz unterschiedlichen Richtungen kommen, geht es doch immer um das feine Aushorchen von Klängen. Das muss nicht immer leise sein, und doch ist die Stille ein wesentlicher Teil der Improvisationen. Denn der lange Nachhall im riesigen Kirchenraum zwingt zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Echo, zwingt zum Nachdenken über Anfang und Ende eines Tones.

Was für den Improvisator eine Herausforderung darstellt, wird für den Zuhörer zum besonderen Erlebnis: Der Kirchenraum verstärkt alle Effekte und macht spannende akustische Erfahrungen möglich. Ein leises Flüstern kann zur klanglichen Endlosschlaufe werden, oder der Schrei einer elektrischen Gitarre zersplittert in tausend kaleidoskopische Klangpartikel.

Ob am Festival oder auf der neuen Solo-CD: Immer geht es um neue, unverbrauchte, noch nicht gehörte Klänge. Eine aufregende Gratwanderung zwischen Musik und Geräusch, zwischen Klang und Stille.

Sendung zu diesem Artikel