Die Klarinette – für Giora Feidman ist sie das Mikrofon seiner Seele, sagt er. Ein Medium, durch das er seine Gefühle mit dem Publikum teilen kann. Wenn er spielt, soll etwas von innen nach aussen kommen. Nicht nur Musik, sondern eine Haltung.
«Gott hat einen Plan für mich – für uns alle», sagt Feidman. «Ich bin ein Diener der Gesellschaft. Und ich werde weitermachen. Und überall spielen, wo man mir zuhören möchte.» Und tatsächlich: Noch immer steht er auf der Bühne, noch immer spricht er von Freundschaft, Liebe, Menschlichkeit – und erreicht nach wie vor viele Menschen.
Klezmer für die Welt
Giora Feidman gilt als der «King of Klezmer». Dabei ist er weniger Bewahrer als Erneuerer. Der Klarinettist hat den Klezmer aus seinem ursprünglich familiären, jüdisch geprägten Kontext herausgeholt und ihn in die grossen Konzertsäle gebracht – und weit darüber hinaus, sogar bis nach Hollywood.
Sein Zugang ist dabei bewusst offen. Feidman denkt nicht in Genres oder musikalischen Schubladen. Entscheidend ist für ihn, ob ein Musikstück etwas transportieren kann.
«Ich habe Musik von Mozart aufgenommen, Stücke von Piazzolla, Schubert, den Beatles oder Gershwin gespielt. Alles, was aus Noten besteht, ist Musik. Ich mache da keine Unterschiede. Wenn die Leute das nicht verstehen, ist das nicht mein Problem.»
Entsprechend verbindet er Klezmer mit Einflüssen aus Klassik, Jazz, Tango oder Filmmusik. Traditionelle Melodien bleiben oft erhalten – doch Klang, Dynamik und Ausdruck verändern sich. So entsteht ein Stil, der sich nicht eindeutig einordnen lässt – und gerade dadurch ein grosses Publikum erreicht.
Zwischen Wirkung und Projektion
Mit seiner Musik verbindet Feidman eine Botschaft, die er seit Jahrzehnten wiederholt: «Frieden durch Musik». Das klingt gross, vielleicht auch kompromisslos oder sogar naiv. Doch seine Haltung ist auch biografisch geprägt.
Feidmans Vater flieht Anfang des 20. Jahrhunderts vor Judenpogromen in Europa nach Südamerika. In seiner Kindheit hört der junge Feidman viele negative Geschichten über Deutschland. Heute bezeichnet er das Land dennoch als eine Art Heimat. «Die heutige Beziehung zwischen den Juden und den Deutschen ist eines der schönsten Beispiele für Menschlichkeit und Völkerfreundschaft überhaupt.»
Diese Sicht wird nicht von allen geteilt, angesichts des Antisemitismus – gerade in Deutschland. Feidmans Optimismus steht damit in einem Spannungsfeld zur Realität. Seine Konzerte sind Orte der Begegnung – und zugleich eine Projektionsfläche: für Sehnsucht, Versöhnung und die Hoffnung, dass sich Geschichte vielleicht harmonischer erzählen lässt, als sie gewesen ist.
Die Idee vom «Frieden durch Musik»
Doch inzwischen geht es um mehr als nur Erinnerung. Feidman versteht seine Musik als Botschaft für die Gegenwart. «Frieden durch Musik» – damit meint er nicht, dass Musik politische Konflikte lösen kann. Sondern dass sie Räume schafft, in denen Menschen einander anders begegnen.
Vielleicht zeigt sich gerade darin, wie Feidman heute wahrgenommen wird: Für viele ist er mehr als ein Musiker. Seine Botschaft wirkt nicht, weil sie die Welt verändert. Sondern weil sie Menschen erreicht – immer wieder, Abend für Abend.