Die Klarinette – für Giora Feidman ist sie das Mikrofon seiner Seele, sagt er. Ein Medium, durch das er seine Gefühle mit dem Publikum teilen kann. Wenn er spielt, soll etwas von innen nach aussen kommen. Nicht nur Musik, sondern eine Haltung.
Legende:
90 Jahre jung und kein bisschen leise: Am 22. März gastierte der «König des Klezmer», Giora Feidmann, im Rahmen seiner Tour «For a Better World» in der Lutherkirche Chemnitz.
IMAGO / Sven Gleisberg
«Gott hat einen Plan für mich – für uns alle», sagt Feidman. «Ich bin ein Diener der Gesellschaft. Und ich werde weitermachen. Und überall spielen, wo man mir zuhören möchte.» Und tatsächlich: Noch immer steht er auf der Bühne, noch immer spricht er von Freundschaft, Liebe, Menschlichkeit – und erreicht nach wie vor viele Menschen.
Klezmer für die Welt
Giora Feidman gilt als der «King of Klezmer». Dabei ist er weniger Bewahrer als Erneuerer. Der Klarinettist hat den Klezmer aus seinem ursprünglich familiären, jüdisch geprägten Kontext herausgeholt und ihn in die grossen Konzertsäle gebracht – und weit darüber hinaus, sogar bis nach Hollywood.
Was ist Klezmermusik?
Box aufklappenBox zuklappen
Klezmermusik ist die traditionelle instrumentale Hochzeits- und Festmusik der jiddisch sprechenden Juden Osteuropas.
Die Wurzeln reichen bis ins 16. Jahrhundert zurück. Ihre Blütezeit erlebte die Musik Ende des 19. Jahrhunderts. Sie kommt aus dem Gebiet, das das heutige Polen, die Ukraine, Weissrussland, Rumänien, Moldawien und Ungarn umfasst.
Jüdische Auswanderer brachten die Musik in die USA, wo sie weiterentwickelt wurde. Mitte der 1950er-Jahre verlor sie an Popularität und verschwand fast. Ab Ende der 1970er-Jahre erlebte die Musik ein Revival.
Heute gibt es eine international lebendige Klezmer-Szene, die bei Festivals, Partys, Hochzeiten, Jam-Sessions und Workshops spielt.
Sein Zugang ist dabei bewusst offen. Feidman denkt nicht in Genres oder musikalischen Schubladen. Entscheidend ist für ihn, ob ein Musikstück etwas transportieren kann.
«Ich habe Musik von Mozart aufgenommen, Stücke von Piazzolla, Schubert, den Beatles oder Gershwin gespielt. Alles, was aus Noten besteht, ist Musik. Ich mache da keine Unterschiede. Wenn die Leute das nicht verstehen, ist das nicht mein Problem.»
Entsprechend verbindet er Klezmer mit Einflüssen aus Klassik, Jazz, Tango oder Filmmusik. Traditionelle Melodien bleiben oft erhalten – doch Klang, Dynamik und Ausdruck verändern sich. So entsteht ein Stil, der sich nicht eindeutig einordnen lässt – und gerade dadurch ein grosses Publikum erreicht.
Zwischen Wirkung und Projektion
Mit seiner Musik verbindet Feidman eine Botschaft, die er seit Jahrzehnten wiederholt: «Frieden durch Musik». Das klingt gross, vielleicht auch kompromisslos oder sogar naiv. Doch seine Haltung ist auch biografisch geprägt.
Über das Leben Giora Feidmans
Box aufklappenBox zuklappen
Giora Feidman wird am 25. März 1936 in Buenos Aires in eine jüdische Musikerfamilie geboren. Seine Familie stammt aus Osteuropa und bringt die Klezmertradition nach Argentinien mit.
Früh lernt er Klarinette – trotz starker Sehbehinderung – weitgehend autodidaktisch. Mit 18 wird er Klarinettist am Teatro Colón in Buenos Aires. 1956 wandert er nach Israel aus und spielt fast 20 Jahre im Israel Philharmonic Orchestra.
Ab den 1970er-Jahren startet er seine internationale Solokarriere. Feidman verbindet Klezmer mit anderen Musikstilen und wird weltweit bekannt. Er arbeitet für Theater und Film, spielt unter anderem die Melodien für «Schindlers Liste» ein, und prägt die Wahrnehmung jüdischer Musik bis heute.
Feidmans Vater flieht Anfang des 20. Jahrhunderts vor Judenpogromen in Europa nach Südamerika. In seiner Kindheit hört der junge Feidman viele negative Geschichten über Deutschland. Heute bezeichnet er das Land dennoch als eine Art Heimat. «Die heutige Beziehung zwischen den Juden und den Deutschen ist eines der schönsten Beispiele für Menschlichkeit und Völkerfreundschaft überhaupt.»
Legende:
Brückenbauer Feidman beim Bankett des deutschen Bundespräsidenten zu Ehren des israelischen Präsidenten im Jahr 2022. Die Veranstaltung sollte die engen diplomatischen und kulturellen Verbindungen zwischen Deutschland und Israel unterstreichen.
IMAGO / Bernd Elmenthaler
Diese Sicht wird nicht von allen geteilt, angesichts des Antisemitismus – gerade in Deutschland. Feidmans Optimismus steht damit in einem Spannungsfeld zur Realität. Seine Konzerte sind Orte der Begegnung – und zugleich eine Projektionsfläche: für Sehnsucht, Versöhnung und die Hoffnung, dass sich Geschichte vielleicht harmonischer erzählen lässt, als sie gewesen ist.
Die Idee vom «Frieden durch Musik»
Doch inzwischen geht es um mehr als nur Erinnerung. Feidman versteht seine Musik als Botschaft für die Gegenwart. «Frieden durch Musik» – damit meint er nicht, dass Musik politische Konflikte lösen kann. Sondern dass sie Räume schafft, in denen Menschen einander anders begegnen.
Symbolhafte Zusammenarbeit
Box aufklappenBox zuklappen
Legende:
Giora Feidman mit dem iranischen Musiker Majid Montazer – während Feidmans «Revolution of Love»-Tour. (2025)
IMAGO / Fotostand
Giora Feidman arbeitet bewusst mit Musikerinnen und Musikern aus Ländern zusammen, die politisch im Konflikt stehen.
Majid Montazer, Komponist und enger Weggefährte Feidmans, sagt: «Gerade die Länder – USA, Iran, Palästina und Israel –, die sich gerade bekämpfen, da sind wir kleine Vertreter, die unsere Länder auch anders präsentieren. Für ihn sind Nationalitäten und Religion kein Hindernis. Es geht ihm immer um die Seele und die Menschen.»
Ihre Zusammenarbeit ist selbst ein Symbol: Montazer ist im Iran geboren, Muslim. Feidman ist Israeli, Jude. Politisch trennen sie Welten – musikalisch arbeiten sie seit Jahren zusammen.
Vielleicht zeigt sich gerade darin, wie Feidman heute wahrgenommen wird: Für viele ist er mehr als ein Musiker. Seine Botschaft wirkt nicht, weil sie die Welt verändert. Sondern weil sie Menschen erreicht – immer wieder, Abend für Abend.