Der Pianist ist eine Geisterhand

Das System «Ceus» könnte die Klavierszene verändern: Das Spiel auf den 88 Tasten soll damit exakt messbar und reproduzierbar werden. Das bietet vor allem für den Klavierunterricht und den Konzertbetrieb völlig neue Möglichkeiten.

Blick auf die Tasten eines Klaviers, die gespielt werden, allerdings nur von einer linken Hand. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Technik macht's möglich: Hier wird das Klavier real gespielt – anderswo bewegen sich die Tasten wie von Geisterhand. Keystone

Verheissungsvoll klingt der Name «Ceus», und verheissungsvoll ist auch die Idee dieses Systems der Klavierfirma Bösendorfer: Es erweitert akustische Klaviere mit Digitaltechnik. Soweit noch nichts Neues, aber mit «Ceus» wird etwa Fernspielen in Echtzeit möglich. Das heisst: Jemand schlägt die Tasten eines Klaviers in Salzburg an – und mit nur ein paar Sekunden Verzögerung erklingen die entsprechenden Töne auf einem damit verbundenen Klavier, das sich zum Beispiel in Peking befindet.

Physische Abwesenheit des Künstlers

Wenn man Klavier spielt, bewegen sich Tasten und Hämmer nur wenige Millimeter. Das neue System unterteilt diese Distanz in 250 Stufen. In ein sehr feines Raster also, das die Bewegung mit Lichtsensoren höchst genau misst, und das alle 2 Millisekunden. Das ist deutlich präziser als bei ähnlichen Systemen anderer Marken. Natürlich wird auch das Auf und Ab der drei Pedale registriert.

Mittels dieser Daten kann das Gespielte gespeichert und wiedergegeben werden. Oder man überträgt es über das Internet auf ein anderes «Ceus»-Instrument. Die Entwickler versprechen eine identische Klangqualität auf beiden Instrumenten. Das würde allerdings voraussetzen, dass zwei akustisch identische Klaviere existierten – was faktisch kaum möglich ist: Eine Pianistin passt entsprechend ihren Anschlag und ihr Spiel jeweils dem Klang eines Klaviers an.

Aufnahmeprüfungen aus der Ferne

Mit solchen technischen Möglichkeiten verschwinden Distanzen. Lange Reisen zum Unterricht und teure Reisetickets braucht es nicht mehr. Das kann in besonderen Situationen sicher hilfreich sein, etwa für einen Zwischen-Unterricht während der Semesterferien.

Erstaunlich ist: Das Mozarteum Salzburg – eine der renommiertesten Musikhochschulen Europas – bewegt sich bereits auf viel sensiblerem Terrain: Dort müssen auch für die Aufnahmeprüfung einige Talente nicht mehr physisch präsent sein. Sie spielen in Peking, während die Mehrheit der Jury das gespielte Prüfungsprogramm in Salzburg beurteilt. Übertragen wird es per «Ceus» direkt auf den Flügel im Prüfungssaal, wo sich die Tasten ferngesteuert bewegen. Angereichert wird das Ganze mit dem bewegten Bild des Interpreten als Videokonferenz.

Auch die Forschung zeigt Interesse

Ob die jungen Talente über künstlerisch wichtiges Potential wie Suggestionskraft oder Charisma verfügen, lässt sich mit der «Ceus»-Reproduktion kaum erspüren oder erfahren. Das bestätigt auch Klaus Kaufmann, Dozent und Leiter der Abteilung Tasteninstrumente am Mozarteum. Bei ihrer Aufnahmeprüfung stehe das allerdings nicht unbedingt im Vordergrund.

Auch im Konzertsaal hat das Mozarteum das neue System schon angewendet: Zum Beispiel mit den Goldberg-Variationen von Bach, abwechselnd gespielt in verschiedenen Städten und übertragen auf ein- und denselben Flügel. Andere Musikhochschulen zeigen ebenfalls Interesse an diesem System, und natürlich interessiert sich die Forschung brennend für genau vermessene Bewegungen von Klavierspielenden. Und wie bei allem, was mit dem Internet verbunden ist, bietet auch «Ceus» eine Angriffsfläche für Hacker. Klaus Kaufmann ist sich dieser Möglichkeit bewusst, sieht darin aber kein Problem.