Der Produzent, der Miles Davis neu erfand

Der Produzent und Bassist Bill Laswell ist nur wenigen ein Begriff. Dabei hat er so viel verschiedene Musik gespielt und produziert wie kaum jemand. Mit «Panthalassa» hat er 1998 aus Originalaufnahmen von Miles Davis ein neues Album produziert – sieben Jahre nach dessen Tod.

Ein Mann spielt eine Bassgitarre. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Bassist und Produzent Bill Laswell setzte die Originalaufnahmen von Miles Davis neu zusammen. Frank Schindelbeck

Auf der einen Seite ist Miles. Miles Davis. Der Jahrhundert-Trompeter, der sich ein Leben lang immer wieder neu erfunden hat. Der in seiner so genannten elektrischen Phase Meilensteine schuf wie «In a Silent Way» oder «Bitches Brew». Das eine gilt als eines seiner wichtigsten Alben. Das andere erreichte als erstes Album von Miles Goldstatus.

Zusatzinhalt überspringen

Bill Laswell

Laswell war Produzent des US-Punk-Rockers Iggy Pop und vom damaligen Genesis-Frontmann Peter Gabriel. Ausserdem produzierte er Musik für Herbie Hancock. Yoko Ono, die japanische Künstlerin. Henry Threadgill, den grossen Jazz-Komponisten. Die Rocktruppe Motörhead – und Mick Jagger. Die Liste von Bill-Laswell-Kollaborationen ist schier endlos.

Auf der anderen Seite: ein Bassist namens Bill. Bill Laswell. Nie gehört? Kein Wunder. Er ist nicht weniger fleissig als Miles Davis es war, aber er hält sich gerne im Hintergrund. Und er hat ein unerbittliches musikalisches Credo: «Nothing is true, everything is permitted» – nichts ist wahr, alles ist erlaubt.

Bill Laswell wagt das Unvorstellbare

Der Name Bill Laswell ist zwar nur wenigen ein Begriff, innerhalb der Musikszene ist er aber ausgezeichnet vernetzt. So gelangte er an die Original-Bänder von Miles Davis‘ Aufnahmen aus den 70er-Jahren. Und weil er der Ansicht ist, dass diese Aufnahmen zwar bahnbrechend seien, aber nicht so produziert, wie es Miles Davis wirklich vorschwebte, wagte er das Unvorstellbare: Er nahm die Bänder – und setzte sie neu zusammen.

Dazu muss man wissen: Miles Davis hatte in den 70er-Jahren eine ganz spezielle Arbeitsweise. Er komponierte seine Musik, indem er eine Band zusammenstellte – das heisst: Er holte Musiker ins Studio und liess die Musik geschehen. Bei laufender Aufnahme. So wollte er das Wesen der Musik und die Persönlichkeiten der Musiker ganz unverfälscht erfassen. Die komplexe Arbeit, aus diesen Bändern dann eine LP zusammenzuschneiden, die sich verkaufen liess – diese Arbeit interessierte den Maestro Miles Davis wenig. Es war Teo Macero, sein damaliger Produzent, der ab hier übernahm, und aus den Aufnahmen ein Album zusammenbastelte.

Das Album Cover von Bill Laswells Werk «Panthalassa» Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Eine Neuinterpretation von Miles Davis: Bill Laswells «Panthalassa: The Music of Miles Davis 1969-1974» (1998). Sony Records

Neue Tiefenschärfe

Bill Laswell findet jedoch, Produzent Teo Macero wird der Musik nicht gerecht – und er geht mit seinem Vorgänger hart ins Gericht: Macero habe einen Jazz- und einen klassischen Background gehabt. Und schliesst daraus: «I can’t imagine someone with a background like that having a clue what to do with the kind of stuff Miles was producing» – jemand mit diesem Background habe keine Ahnung, was mit Miles‘ Musik aus dieser Zeit anzufangen wäre.

Laswell benutzte alle Bänder der Aufnahmen von 1969 bis 1974 als Rohmaterial, stellte die Musik zum Teil neu zusammen und brachte vor allem Schlagzeug und Bass durch Mix und Effekte viel klarer zur Geltung, so dass bewusst wird, wie aktuell diese Musik ist, wie frisch.

Teo Macero hat trotzdem keinen schlechten Job gemacht – da muss man Bill Laswell ein wenig relativieren. Macero hatte anfangs der 70-er Jahre ganz einfach die Hörerfahrung noch nicht, die ein Bill Laswell zwanzig Jahre später mitbringt. Und die Miles Davis, der Visionär, voraushörte.

Sendung zu diesem Artikel