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#DeutschRapMeToo: Aufschrei in der Rapszene
Aus Bounce vom 25.06.2021.
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#DeutschRapMeToo Schluss mit Sexismus: Hip-Hop muss sich verändern

Vergewaltigungsvorwürfe innerhalb der deutschen Rap-Szene lassen die Debatte um Sexismus im Hip-Hop neu aufflammen. Drei Schweizer Rapper reden selbstkritisch über ihren Umgang mit sexistischen Rap-Texten. Sie glauben an einen Wandel der Kultur.

Die Kritik, dass Hip-Hop ein Sexismus-Problem hat, ist so alt wie die Kultur selbst. Wirklich bewirkt hat diese Kritik jedoch nie viel. Besonders Texten aus der deutschen Rapszene wurde in den letzten Jahren immer wieder vorgeworfen, gewaltverherrlichender und frauenverachtender denn je zu sein. Mit dem Argument der Kunst- und Redefreiheit wurde vieles legitimiert. Bis jetzt.

Die Vergewaltigungsvorwürfe gegen mehrere deutsche Rapper erscheinen nun wie ein Beweis dafür, dass Worte manchmal eben doch nicht nur Worte sind. 

Was steckt hinter #DeutschRapMeToo?

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Am 15. Juni postete die Influencerin Nika Irani ein Video auf Instagram, in dem sie den Rapper Samra beschuldigt, sie vergewaltigt zu haben (der Post wurde mittlerweile gelöscht). Auch Mitglieder der Rap-Truppe Strassenbande 187 bezichtigte sie sexueller Übergriffe. Mehrere junge Frauen wandten sich darauf an Irani und schilderten ähnliche Erlebnisse innerhalb der Szene.

Anonyme Aktivistinnen haben nun unter dem Namen #deutschrapmetoo einen Instagram-Account erstellt. Dort werden Geschichten von Frauen gesammelt, die innerhalb der deutschen Rap-Szene sexualisierte Gewalt erfahren haben. Auch auf Twitter werden unter dem Hashtag Erfahrungen geteilt.

Werte einer Parallelwelt bröckeln

Gewaltvolle, sexistische Rap-Texte normalisieren übergriffiges und frauenfeindliches Verhalten, meint der Rapper Didi. «Im Rap werden natürlich auch Machtfantasien widerspiegelt», sagt Journalist und Rapper Uğur Gültekin aka Urabi. Er arbeitete lange auch als Hip-Hop Journalist und beobachtet die Szene seit über 20 Jahren.

Urabi

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Legende: Jojo Schulmeister

Uğur Gültekin aka Urabi ist Journalist, Moderator und Rapper. Von 2013 bis 2016 moderierte er die Hip-Hop-Sendung JOIZ IN THE HOOD auf Joiz TV. Als Journalist schreibt er u.a. für Vice und die WoZ und ist Institutsleiter des Think&Act Tank INES.

Bewirkt #DeutschRapMeToo nun wirklich ein Umdenken in der Szene oder bleibt er ein Hashtag unter vielen? Mimiks sagt überzeugt: «Der Zenit ist jetzt überschritten.»

Mimiks

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Legende: Cedric Zellweger

Mimiks (bürgerlicher Name Angel Egli) ist einer der erfolgreichsten Schweizer Rapper. 2014 erreichte er mit seinem Debütalbum «VodkaZombieRambogang» Platz 1 in den Schweizer Albumcharts. Der Luzerner ist bei Sony Musik unter Vertrag.

Lange habe die Hip-Hop-Kultur wie in einer Parallelwelt neben der Gesamtgesellschaft existiert. In einer Welt, in der andere Regeln und andere Werte zu herrschen schienen, sagt er. Dass dieser Wertekonflikt irgendwann aufflammt, sei nur eine Frage der Zeit gewesen. 

Gesellschaftliche Bewegungen erreichen Hip-Hop-Szene

Hip-Hop könne sich gesellschaftlichen Veränderungen nicht mehr entziehen, meint auch Didi. Uğur glaubt fest an einen Wandel innerhalb der Kultur – die aktuelle Debatte sei der letzte Anstoss dazu.

Er ist überzeugt, dass sich Rapper in Zukunft nicht mehr erlauben könnten, gewaltverherrlichende und frauenverachtende Texte zu schreiben. Musiklabels würden zudem vorsichtiger werden. Und durch Social Media haben Opfer von sexueller Gewalt heute eine Plattform: «Der Druck von aussen ist jetzt zu gross.»

Zwingende Veränderung

Auch Mimiks glaubt fest daran, dass die Vorfälle eine tiefgreifende Wirkung auf die deutsche Musikbranche haben werden. Er befürchtet, dass dabei allerdings auch wirtschaftliches Kalkül eine Rolle spielen wird.

Mimiks unterstreicht: «Aber: Wenn sich jetzt nichts ändert, ist Hip-Hop tot. Die Musik hat sonst bald nur noch den Gehalt von Schlager», seicht und belanglos. Gleicher Meinung ist Rapper Didi: «Wenn Hip-Hop relevant bleiben will, muss er sich verändern.»

Didi

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Legende: Hoodscapes (Lino Kalt)

Didi (bürgerlicher Name Didi Karaman) studierte soziokulturelle Animation und arbeitet neben seiner Tätigkeit als Rapper als Sozialarbeiter in einem Jugendheim und leitet regelmässig Rap-Workshops mit Jugendlichen. Mit seiner Debütsingle «Frisch und Suber» gewann der Rapper den LYRICS-Award für den besten Song des Jahres.

Lautes Schweigen aus der Szene

Was auffällt: Grosse Namen aus der Szene schweigen zu den Vorfällen in Deutschland. Auch in der Schweiz. Uğur kritisiert dieses Verhalten scharf: «Ich fordere von Aushängeschildern der Szene, dass sie aufhören, opportunistisch und karriereorientiert zu denken. Das ist ekelhaft.» Jetzt sei die Zeit, um für Fehler aus der Vergangenheit gerade zu stehen. 

«Es ist halt sehr unangenehm, etwas plötzlich kritisch beleuchten zu müssen, demgegenüber man so viele positive Gefühle hat», erklärt Mimiks das Schweigen der hauptsächlich männlichen Rapstars. 

Schweizer Rapper sind selbstkritisch 

Didi und sein Umfeld beschäftigt die aktuelle Debatte stark. Die Auseinandersetzung mit Sexismus fing bei ihm aber schon vorher an.  Didi wurde sich in den letzten Jahren seiner Vorbildfunktion bewusst – als Musiker und in seiner Tätigkeit als Jugendarbeiter: «Ich möchte mich insbesondere vor jungen Männern gegen sexistische Texte positionieren.» Eigene sexistische Zeilen, die er früher geschrieben hat, ändert er heute ab. 

Rapper würden sich inzwischen auch gegenseitig auf problematisches Verhalten hinweisen, sagt er. Dass sich zumindest in der Schweizer Hip-Hop Szene in den letzten Jahren einiges getan hat, bestätigt Uğur.

Auch Mimiks sagt selbstkritisch, dass er früher Lines rappte, die er heute nicht mehr sagen würde. «Ich legte in Musikvideos zum Beispiel auch eine arrogante Attitüde an den Tag, weil ich dachte, dass man das als Rapper halt so macht.» Rückblickend sei sein Verhalten eine angestrengte Anpassung an Rap-Klischees gewesen. «Der Schritt zurück zu mir selbst fühlt sich heute viel logischer an.» 

Obwohl sie unangenehm sein könne, sei die Auseinandersetzung mit sich selbst ein erstrebenswerter Prozess, so Mimiks. Uğur und Mimiks sehen im Akt der Selbstreflexion eine Chance für die gesamte Rap-Kultur. 

Neue Narrative, neue Motive, neue Männerbilder

Mimiks und seine Entourage fingen in den letzten Jahren bewusst an, starre Männlichkeitsbilder aufzubrechen. Das mache Spass, sei innovativ und beweise, dass Rap auch ohne Sexismus funktionieren könne. 

Die Debatte sei eine Chance für neue Narrative, neue Motive und neue Symbole innerhalb des Hip-Hops. Einer Kultur, der das Emanzipatorische eigentlich zugrunde liegt, wie Uğur betont.

Sendung: SRF Virus, Bounce, 25.06.2021, 18:00 Uhr

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8 Kommentare

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  • Kommentar von Emanuel Heitz  (ManuHuber)
    Sind wir doch ehrlich, die alten 68er, sind die neuen Moralapostel geworden. Sie wurden zu dem, was sie selber bekämpft haben.
    1. Antwort von Richard Meier  (meierschweiz)
      Sehr treffend gesagt!
  • Kommentar von Richard Meier  (meierschweiz)
    Ist es nicht jedermann freigestellt, was er oder sie hören will? - Jene Rapper mit Texten, die mir nicht passen (und das sind viele), höre ich einfach nicht. So wie ich nicht boxe, weil ich weder gerne Schläge austeile noch einstecke. Aber nur weil ich Schläge scheue, erwarte ich nicht, dass im Boxsport auf Streicheleinheiten mit Wattebäuschen umgestiegen wird.
    1. Antwort von Jonas Sanddorn  (Sanddorn)
      Geschmackssache ist das eine. Das andere sind charakterlich ungefestigte Jugendliche, die sich mit der propagierten sexualisierten Gewalt identifizieren.
    2. Antwort von Franziska Stäheli  (Franziska Stäheli)
      Streng genommen ist es Aufruf zur Gewalt! Und jaja künstlerische Freiheit................ Auch die hat ihre Grenzen. Es geht darum das Kinder solchen komerz konsumieren und ein solches Verhalten als cool oder gar normal abtun. Was es nicht ist! Kinder und jugendschutz lässt grüssen.
    3. Antwort von Maria Müller  (Mmueller)
      Entweder es gibt "geistige Brandstiftung" (und dann gilt sie selbstverständl. auch für Rapper) oder es gibt keine geistige Brandstiftung.

      Das Problem geht sogar noch viel weiter: Die Texte sind teilweise auch offen schwulenfeindlich und diskriminierend.
    4. Antwort von René Balli  (René Balli)
      @Richard Meier: Es geht nicht um Sie, Herr Meier! Ob Sie boxen oder nicht boxen betrifft niemand. Eine komischer Vergleich und Logik, muss ich sagen. Nach Ihnen könnten also gewisse Leute tun und sagen was sie wollen, solange es Sie nicht betrifft ist es ok?
    5. Antwort von Richard Meier  (meierschweiz)
      Herr Balli: Ja, sagen soll man alles dürfen, das ist Meinungsfreiheit. Diese hört nicht dort auf, wo die Empörung der Linken beginnt. Tun aber darf man nicht alles.