Die Band Warpaint – eine «Demokratie von Diktatorinnen»

Die vier Frauen von Warpaint sind mit ihrem aktuellen Album die Band der Stunde: Sie schafften den Schritt vom Geheimtipp zum Lieblingskind der Feuilletons. Eine Führungsfigur hat das Kollektiv nicht – und dass sie eine reine Frauenband sind, soll nicht im Vordergrund stehen.

Vier Frauen der Band Warpaint sitzen und schauen ins Bild. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Warpaint: Jenny Lee Lindberg, Stella Mozgawa, Emily Kokal und Theresa Wayman (von links). Getty Images

Ein Sonntagnachmittag in Köln. Die vier Frauen von Warpaint stimmen auf der Bühne der Live Music Hall ihre Instrumente, später werden ihnen 1200 begeisterte Fans entgegenblicken. Bassistin Jenny Lee Lindberg ist schon seit Tagen angeschlagen, Strapazen einer Tour, die die Band bereits durch Asien führte. Sie wird heute von Interviewarbeit befreit, die Sängerin und Gitarristin Emily Kokal erscheint wie geplant zum Gespräch.

Alles kein Problem, denn jede der vier kann jederzeit jeden Part übernehmen, eine starre Aufgabenteilung gibt es in der Band nicht: «Ich sehe uns als Demokratie von Diktatorinnen! Wir verhandeln eigentlich so ziemlich alles zusammen. Keine übernimmt die alleinige Führungsrolle, was es uns wahrscheinlich leichter machen würde, aber das Verständnis als Kollektiv ist genau das, was unsere Band ausmacht.»

Emily Kokal: «Da kommt etwas Frisches rein.»

0:55 min, aus Kulturplatz vom 5.3.2014

Baby einer Frauenfreundschaft

Überall sind Warpaint aus Los Angeles derzeit mit ihrem zweiten, selbstbetitelten Album schwer gefragt, umso mehr als sich die vier Frauen ganze drei Jahre Zeit liessen nach der letzten Veröffentlichung. Mittlerweile haben sie den Schritt vom Geheimtipp zum Lieblingskind der Feuilletons geschafft.

Die beiden Schulfreundinnen Emily Kokal und Theresa Wayman gründeten Warpaint schon vor zehn Jahren mit Jenny Lee Lindberg. 2009 kam Stella Mozgawa dazu, nachdem drei männliche Schlagzeuger ihren Dienst getan hatten.

Schnell einmal galten Warpaint als hip, nur schon durch ihre amourösen Verbindungen in der Szene: Sängerin Emily Kokal war mit John Frusciante liiert, dem ehemaligen Gitarristen der Red Hot Chilli Peppers. Gitarristin Theresa Wayman lebt heute mit dem Dubstep-Genie James Blake eine Fernbeziehung. Jenny Lee Lindberg schliesslich ist mit dem gefragten Videoclipregisseur Chris Cunningham verheiratet.

Knack die Männerbastion

Ihr Sound ist eine Kreuzung aus düster-melancholischem Gitarrensound, sphärischem Gesang und einem präzisen Bass-Schlagzeug-Gerüst. The Cure klingen da genauso an wie The Cocteau Twins oder Nirvana. Wer sie live gesehen hat, weiss: Warpaint rockt!

Die vier Frauen besetzen damit ein Feld im Rockbusiness, auf dem sich mehrheitlich Männer tummeln. Emily Kokal sagt dazu ganz pointiert: «Klar, es gibt ganz viele tolle Männerbands, aber diese Herrschaft dauert nun schon zu lang an. Da kommt einfach etwas Frisches rein, wenn Frauen zusammen sind. Wir kommunizieren anders, und ich glaube, Frauen sind heute eher bereit, zusammenzuarbeiten.»

Warpaint – Kriegsbemalung – steht auch für Schminke im feministischen Sprachgebrauch. Auf das Label «feministische Band» will sich Kokal aber nicht festmachen lassen: «Wir betonen nicht ständig, dass wir lauter Frauen in der Band sind. Wichtig ist, dass wir uns selbst sein können, so handeln, sprechen, uns anziehen und miteinander umgehen können, wie es uns passt.»

So sind die vier ein genaues Abbild unserer Zeit, in der Musikstile frei kombiniert werden und es keine Rolle mehr spielt, ob da Männer auf der Bühne stehen oder eben allesamt Frauen. Hauptsache Präsenz und Handwerk stimmen.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • «Warpaint» – Frauenfreundschaft als Schlüssel zum Erfolg

    Aus Kulturplatz vom 5.3.2014

    Ihr neues zweites Album wird von der Kritik als erstes Meisterwerk des noch jungen Jahres gefeiert: das Frauen-Rock-Quartett «Warpaint» aus Los Angeles überzeugt durch sinnlich-groovigen Gitarrensound. Reine Frauenbands sind im Pop-Business noch immer ein seltenes Phänomen, insbesondere wenn sie keine von der Musikindustrie gecastete Kunstprodukte sind. «Warpaint» leben vor, wie Frauen heute in der Musik als Kollektiv erfolgreich sein können, ohne auf nackte Haut zu setzen.

    Richard Herold