Die leise Symphonie der Bäume

Sind Pflanzen einfach stumme, grüne Materie? Ganz und gar nicht: Je nach Wetter und Tageszeit rauscht, wispert und knirscht es gehörig in ihrem Inneren. Diese akustischen Fingerabdrücke interessieren nicht nur Biologen, sondern auch Klangkünstler wie Marcus Maeder.

Ein grosser, knorriger Baum von unten fotografiert. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Team von «Trees» erforscht, wie es im Innern der Bäume klingt. Flickr/Dirk Ehlen

Mitte der 60er-Jahre steckte der englische Forscher John Milburn die Nadel eines Plattenspielers in den Stiel eines Rhizinusblattes. Über die Kopfhörer nahm er ganz leise wahr, dass es in dessen Innersten geheimnisvoll rauscht, flüstert und knackt.

Diese Klänge untersucht auch ein heutiges Forschungsprojekt. Es heisst «Trees: Ökophysiologische Prozesse hörbar machen». Zwei ganz unterschiedliche Institutionen untersuchen das akustische Innenleben der Bäume: die Zürcher Hochschule der Künste und die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft.

Eine verkabelte Föhre

Eine Föhre, an der verschiedene Kabel und eine Silberfolie angebracht sind. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Sensoren messen unter anderem Ultraschallemissionen des Baumes. Roman Zweifel

Heute fahren die Forscher allerdings schwerere Geschütze auf als Milburn vor 50 Jahren: Am Stamm ihres Probanden – es ist eine Waldföhre im Wallis – wimmelt es nur so von Geräten: Von Akustiksensoren über Saftflusssensoren bis zu Dendrometern, welche die Veränderungen im Stammdurchmesser ermitteln.

Dem Projektleiter Marcus Maeder und seinem Team genügt es nicht, der Föhre einfach nur zu lauschen: «Ich will die akustische Signatur der Föhre erkunden und zeigen, wie sich die Geräusche durch das Wetter, durch den Tag und über das Jahr verändern. Vielleicht kann ich so auch zeigen, wie sich der Klimawandel akustisch in den Bäumen bemerkbar macht.»

Bei Trockenheit gibt es einen akustischen Aufruhr

Erste Forschungsergebnisse zeigen: An einem sonnigen Sommertag zur Mittagszeit ist die Symphonie des Baumes lauter und rhythmischer als sonst. Dann nämlich leidet die Pflanze unter Trockenstress, erzählt Marcus Maeder: «Bei Trockenheit unterbrechen Lufteinschlüsse den Saftfluss in der Pflanze. Dabei entstehen markante Knackser, die wir Kavitationspulse nennen.»

Die Forscher haben aber auch noch andere Klänge im Baum entdeckt, etwa ein leises Flüstern während der Nacht. Woher dieses feine Geräusch kommt, ist noch ein Rätsel. Eine Theorie: Millionen von winzigen Gasbläschen steigen im Innersten des Stamms auf und klingen ungefähr wie blubberndes Mineralwasser.

Über Umwege ans menschliche Ohr

Selbst wenn wir in den Baum hineinkriechen würden, könnten wir seine Geräusche mit blossen Ohr nicht wahrnehmen – zu leise sind sie und zu hoch ihre Frequenzen. Marcus Maeder erklärt, dass deswegen die hochempfindlichen Interfaces und Verstärker ins Spiel kommen. Diese Messinstrumente aus der Bioakustik nehmen sonst Fischlaute oder Fledermausrufe auf und verstärken die Geräusche um ein Tausendfaches.

Die Biologen wollen über die Aufnahmen die Physik im Baum erforschen. Allerdings ist das nicht ganz einfach. Ein durchgehend authentisches Abbild der Baumklänge liefern auch die Spezialgeräte nicht. Denn die Sensoren nehmen nicht alle Frequenzen gleich auf. Und auch die Bewohner des Baumes lassen von sich hören, erzählt Maeder: «Wespen, die um die Pflanze herumfliegen, berühren punktartig die Sensoren und wenn Blattläuse darüber laufen, klingt das wie trampelnde Elefanten.»

Auch Pflanzen haben Würde

Für Marcus Maeder müssen die Baumgeräusche auch gar nicht pur daherkommen. Denn als Soundkünstler geht es ihm um die ästhetische Erfahrung der Messungen. In seinen Soundinstallationen mischt er sie mit stummen Datenreihen der Wetterstation und ökophysiologischen Messungen, die er sonifiziert, also in Klänge umwandelt. Oder er setzt uns imaginär in den Stamm des Baumes: Mit vielen Lautsprecherkugeln, die die Baumgeräusche imitieren, und einer Videoprojektion der Baumkuppel erleben wir einen Tag im Leben einer Waldföhre.

Mit seiner Kunst will Marcus Maeder sensibilisieren: «Pflanzen sind nicht nur Material- und Nahrungslieferanten für uns. Sie sind sensible Organismen, die auf ihre Umwelt reagieren und mit uns die Erde bevölkern.» John Milburn hätte da wohl zugestimmt.