Die Tuareg-Rebellen, die das Gewehr gegen die Gitarre tauschten

Die malische Band Tinariwen gilt als die Rolling Stones der Sahara. Ihr Name bedeutet Wüste oder leerer Ort. Sie verknüpfen die traditionelle Melodien und Rhythmen der Tuareg – wie den Ruf-und-Antwort-Gesang – mit elektrisch verstärkten Gitarren. Gerade ist mit «Emmaar» ihr siebtes Album erschienen.

EIn arabischer Mann singt auf einer Bühne. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ihre Musik wurde bis Anfang der 90er-Jahre in Mali verboten. Trotzdem kämpften sie für ihre Musik weiter. Reuters

«Emmaar bezeichnet eine Stelle im Sand oder am Feuer, wo es sehr heiss ist», erklärt Abdallah Ag Alhousseyni, der Gitarrist von Tinariwen. Mit dem Albumtitel und den Songs darauf wolle die Band die aktuell angespannte Situation im Norden Malis thematisieren. Bisher sind alle ihre gesamthaft sechs Alben in der Sahara entstanden. Diesmal aber mussten die Nomadenmusiker in die kalifornische Wüste von Joshua Tree ausweichen.

Zusatzinhalt überspringen

Die Band Tinariwen

Ibrahim Ag Alhabib gründete zusammen mit vier Mitmusikern 1982 die Band Tinariwen. Den internationalen Durchbruch schaffte sie 2001 beim «Festival au Désert» im malischen Essakane. Für viele ihrer Alben erhielten sie Auszeichnungen. Auch das sechsten Album, «Tassili», wurde mit dem Grammy in der Sparte «World Music» ausgezeichnet.

2013 war die Lage in Mali gemäss Abdallah äusserst bedrohlich für die Musiker. «Mit einem europäischen Aufnahmeteam durch die Sahra zu ziehen, wäre schier Selbstmord gewesen». Islamisten hatten den Norden Malis besetzt, es gab jede Menge Konflikte und Rebellionen verschiedener Tuareg-Stämme. «Katastrophal», so Abdallah.

Sie kämpften mit Gewehren und Gitarren

Die Tuareg in Mali sehen sich in ihrer Freiheit und ihren Rechten mehr und mehr eingeschränkt. In den 80er-Jahren forderten die Nomaden-Stämme autonome Gebiete im Norden Malis, was ihnen die malische Regierung verweigerte. Das verursachte Spannungen und Konflikte, die bis heute andauern.

Die Tuareg reagierten damals mit Rebellion, auch die Tinariwen-Mitglieder. Das brachte der Band den Ruf als Wüstenrebellen ein. 1990 schliesslich entlud sich der Unmut in einem grossen Aufstand der Tuareg – mit dabei wieder Tinariwen. Sie kämpften mit Gewehren, aber auch mit Gitarren.

Der Trommler ist weiss gekleidet. Im Hintergrund leuchtet die rote Schrift: Afrika. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Trommler Said Ag Ayad beim Benefizkonzert «Africa Live» in Dakar. Reuters

Verbotene Musik

Bis Anfang der 90er-Jahre war ihre Musik deshalb in Mali verboten. Seit dem Friedensabkommen von 1992 mit der Regierung haben Tinariwen jedoch ihre Kalaschnikows an den Nagel gehängt und setzen ihre Rebellion nur noch mit Gitarren fort. Waren die Vorgängeralben noch ein Aufruf, sei «Emmaar» ein Aufschrei, erklärt Abdallah.

Auf «Emmaar» setzt die Nomadenband wie gewohnt elektrische Gitarren ein. Endlose Wüstenlandschaften, unerbittliche Trockenheit und harte Lebensumstände spiegeln sich in ihrem rauen, rohen Wüstenrocks wider. Am Album mitgewirkt haben auch der Red-Hot-Chili-Pepper Gitarrist Josh Klinghoffer und der Poet Saul Williams.

Das verkaufte Volk

Abdallah ist einer der kreativen Köpfe der Band. Sehr viele Texte stammen aus seiner Feder. Im Song «Toumast Tincha», zu Deutsch «das verkaufte Volk», erinnert er daran, dass die französische Kolonialisierung eine willkürliche Grenzziehung sowie Aufteilung der afrikanischen Länder zur Folge hatte. Damit brachen schwierige Zeiten an für die Tuareg, die sich seitdem zusehends verschärften.

«Das Leben der Nomaden ist für viele europäische Aussenstehende immer noch unter den Dünen der Sahara verborgen», beklagt Abdallah. Und mahnt: «Heute sind die Tuareg in allen Staaten Minderheiten ohne Mitsprache, tausende Kilometer von den modernen politischen Zentren entfernt. Wir sind das verkaufte Volk.» Deshalb ruft er die verschiedenen Tuareg-Stämme auf, sich zu vereinigen. Nur gemeinsam, so sagt er, können wir etwas erreichen.