Dirigent Alan Curtis ist tot: «Seine Begeisterung war ansteckend»

In seiner Wahlheimat Florenz ist der US-amerikanische Dirigent und Musikforscher Alan Curtis überraschend im Alter von 80 Jahren gestorben. Er habe sich wie kaum jemand mit Haut und Haaren der Barockoper gewidmet, sagen Donna Leon und Simone Kermes, zwei seiner Weggefährtinnen.

Portrait von Alan Curtis. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Beim Fagott-Studium stiess er auf die alte Musik, die ihn ein Leben lang nicht mehr losliess: Alan Curtis. Press handout

Als Sohn eines Farmers aus Michigan musste er mit ziemlich viel Hartnäckigkeit seine Eltern von seinem Berufswunsch überzeugen: Er wollte Musiker werden. Beim Fagott-Studium stiess er auf die Sonaten von Domenico Scarlatti, eigentlich nur «Essercizi» («Übungsstücke») – die ihn aber so begeisterten, dass er davon nicht lassen konnte.

Nicht vor dem Orchester, sondern mittendrin

So entdeckte er den Klang des Cembalos, eines Instruments, dem er bis zum Ende treu blieb – und das ihn nach Europa führte, nach Amsterdam zu Gustav Leonhardt. Dort gründete er dann 1977 sein eigenes Ensemble: «Il Complesso Barocco».

Über 30 Jahre ist er mit den Musikerinnen und Musikern aus Italien und der ganzen Welt unterwegs, und seit über 30 Jahren ist sein Platz nicht vor dem Orchester, sondern mittendrin: Als «Maestro al Cembalo» koordiniert er mit sparsamen, aber präzisen Bewegungen Bühne und Ensemble, begleitet oft improvisierend den Gesang und treibt seine Leute an, immer auf der Suche nach dem Tänzerischen, dem Bewegten – und dem Bewegenden in der Musik.

Seine Monteverdi-Oper löst ein Erdbeben aus

Italien, die Toskana wählt er zu seiner neuen Heimat: «Ich liebe Italien. Mir gefallen die Leute und ihre Art zu leben. Es ist fast ideal hier», sagt Alan Curtis. Als einer der Ersten führt er in den frühen 70er-Jahren eine Monteverdi-Oper in der originalen Orchestrierung auf. Damit beginnt auch die Wiedergeburt der Arciliuto, der Erzlaute, einem Bass-Instrument, das fortan aus der Continuo-Gruppe nicht mehr wegzudenken ist.

Die «Incoronazione die Poppea», damals mit den Original-Instrumenten gespielt, löst ein ziemliches Erdbeben aus. Die Scala von Mailand lädt ihn ein, eine Händel-Oper seiner Wahl zu dirigieren. Curtis wählt «Ariodante», für ihn die stärkste aller Händel-Opern.

Schlüsselhafte Begegnung mit Donna Leon

Bei einem Abendessen in Venedig lernt Alan Curtis die Krimiautorin und Händel-Fanatikerin Donna Leon kennen. Sie beginnen über Händel zu sprechen, und wie sehr sie ihn beide lieben. Es ist der Anfang einer wunderbaren Freundschaft.

Als Donna Leon nun vom Tod von Alan Curtis erfährt, sagt sie: «Er war einer der Ersten, neben Cavalli und Cesti, der die Grösse von Monteverdi und Händel erkannt hat. Als Musikwissenschaftler widmete er sich ganz der Aufgabe, uns dies bewusst zu machen – was ihm nicht zuletzt durch seine hervorragenden Aufnahmen gelungen ist.» Sie werde seine Stimme vermissen, auch seine tiefe Überzeugung, dass Händel der grösste aller Komponisten gewesen sei.

Donna Leon, seitlich auf einem Stuhl sitzend, lachend. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Krimiautorin und Händelfanatikerin: Donna Leon in Madrid, Juni 2015. Keystone

Der Spezialist für Händel

Der Beginn der Freundschaft mit Donna Leon ist auch der Anfang des Siegeszuges von Händels Opern mit Alan Curtis. Nach ihrer ersten Begegnung ruft Leon ihren Bekannten Dino Arici in Solothurn an, der die dortigen Festspiele leitet. «Möchtest du nicht Alan Curtis mit Händels ‹Arminio› zu dir holen?», fragt sie. «Es ist eine Oper, die ich noch nie gehört habe und die Alan Curtis liebt.»

Alan Curtis ist in den Jahren zum wahren Händel-Spezialisten geworden. Zahlreich sind seine Einspielungen, stets ist sein Orchester «Il Complesso Barocco» dabei. Die Stimmen der Sänger und Sängerinnen stimmt er akribisch genau auf die verschiedenen Rollen ab: Mal wählt er den warmen Mezzo von Maite Beaumont für die Hosenrolle, mal will er mehr Strahlkraft für eine Partie, und so kommt der Countertenor Max Emanuel Cencic zum Zug. Für mehrere Händel-Opern tut er sich mit der Sopranistin Simone Kermes zusammen, der Spezialistin für rasende Koloraturen und überraschende Stimmfarben.

Liebe zur Barockmusik

Simone Kermes, den Kopf auf die Hand gestützt, zur Seite schauend. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Sopranistin Simone Kermes in einer Talkshow, Februar 2011. Imago

Simone Kermes begegnete Alan Curtis – damals in Gesellschaft von Donna Leon – als noch junge und unerfahrene Sängerin bei den Händel-Festspielen in Göttingen. Aus dieser Begegnung wurde eine langjährige Zusammenarbeit, vor allem für Händel-Opern. «Er war einer der Ersten, der an mich als Sängerin geglaubt hat und mich gefördert hat», sagt Simone Kermes.

«Er zeigte mir seine Auffassung von Barockmusik, seine Liebe zu dieser. Und als glühender Verehrer war er besonders fleissig beim Schreiben von Variationen und Kadenzen», so Simone Kermes weiter. Sie hätten aber nicht nur zusammen gearbeitet, sondern sie sei auch viel bei ihm in Florenz zu Gast gewesen: «Er hat mir Italien so nahe gebracht, dass ich es jetzt so liebe.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kulturnachrichten, 16.7.2015, 6:00 Uhr