Drei Altherren auf musikalischer Winterreise

Alle Jahre wieder im Dezember: Dann touren Alexander von Schlippenbach, Evan Parker und Paul Lovens durch deutsche Jazzclubs. Gemächliche Routine? Keineswegs! Die jungen Wilden von einst sind zwar älter geworden, fordern sich aber stets aufs Neue heraus.

Drei alte Männer stehen nebeneinander und tragen alle einen Mantel. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein bisschen jugendlicher Zorn scheint den älteren Herren geblieben zu sein: Das Schlippenbach Trio. Caroline Forbes

Seit rund 45 Jahren spielen die drei Freejazzer Alexander von Schlippenbach, Pianist aus Berlin, Evan Parker, Saxophonist aus London, und Paul Lovens, Schlagwerker aus Aachen, zusammen. Was anfangs der 1970er-Jahre eine Band von jungen Wilden war, drei zornigen jungen Männern mit struppigen Bärten und langen Haaren, hat sich mittlerweile zur Altherrenband entwickelt. Da geht zwar alles etwas gesitteter zu. Die Musik allerdings hat nach wie vor aufrührerisches Potenzial.

Musikalisches Gespräch fern von Langweile

Schlippenbach, Parker und Lovens improvisieren frei. Seit jeher entsteht ihre Musik aus dem Moment heraus. Nur, «frei» ist im Zusammenhang mit Musik ein relativer Begriff. Denn improvisieren zu dritt ist wie ein Gespräch: Man erzählt sich zwar vielleicht neue Dinge, tut dies allerdings in einer Sprache, die man gelernt hat – mit Wörtern und Sätzen, die man schon 100 Mal verwendet hat.

Und so sprechen auch die drei Spieler des Schlippenbach Trios musikalisch miteinander. Jeder mit seinem Vokabular, das er sich erarbeitet hat, das seine Kollegen kennen und auf das sie reagieren können.

Wie es auch im alltäglichen Gespräch schnell langweilt, wenn einer immer dieselben Geschichten erzählt, soll das auch musikalisch nicht passieren. Schlippenbach und Parker und Lovens versuchen sich gegenseitig zu überraschen, herauszufordern, vielleicht sogar aufs Glatteis zu führen, so dass die Zuhörerinnen und Zuhörer ebenfalls ihre Freude an spannender Musik haben.

Mitteklassewagen statt VW-Bus

Ja, und dies geschieht eben alljährlich in deutschen Jazzclubs, die das Schlippenbach Trio jeweils Ende des Jahres auf seiner Winterreise abklappert. Und genau so, wie sich im Laufe der Jahre gewisse Gewohnheiten in musikalischer Hinsicht etabliert haben, ist es auch im Alltag. Es ist natürlich nicht ein Wanderstab, mit dessen Hilfe die Winterreise in Angriff genommen wird. Nicht einmal mehr der klapprige VW-Bus, mit dem früher Jazzer und Rocker auf Tournee gingen. Sondern ein komfortabler Mittelklassewagen, der genug Platz für drei Personen plus Schlagzeug und Saxophon bietet.

Die Aufgaben auf Reise sind genau organisiert und verteilt: Alexander von Schlippenbach, mit 78 Jahren der Senior des Trios, fährt den Wagen. Neben ihm sitzt Evan Parker, der zwar Engländer ist, nach unzähligen Konzertreisen allerdings Deutschland fast wie seine Hosentasche kennt, und deshalb den Navigator macht. Ein elektronisches Navigationsgerät wäre zwar vorhanden, aber was ist so eines gegen einen gescheiten Kopf, der Karte lesen kann? Auf der Rückbank sitzt Paul Lovens. Er ist der Sicherheitsmanager, der auf den Tacho schaut und kontrolliert, ob die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit nicht überschritten wird.

Alles anders also als bei Schubert damals! Und auch die Musik natürlich. Allerdings bietet auch das Schlippenbach Trio musikalisches Futter für Kopf, Herz und Bauch, zu hören auf einer soeben erschienenen CD. Oder nächsten Dezember, wenn sich die drei fahrenden Gesellen zur nächsten Winterreise aufmachen.

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