Ein Komponist zwischen Turntables und High-Tech-Klarinette

Dieser Mann sprengt alle Grenzen: Jorge Sánchez-Chiong komponiert Musik, die in kein Genre passt. Ist es Klassik oder Hardrock? Oder ist es gar ein Videogame? Der Venezolaner tritt als DJ auf – und sein aktuellstes Stück hat er für eine neuartige High-Tech-Klarinette komponiert.

Ein Porträt von Jorge Sánchez-Chiong. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Jorge Sánchez-Chiong lebt seit 1988 als freischaffender Künstler in Wien. Jana Wilfing

Sein Instrument sind Turntables, also Schallplatten. Und wenn er spielt, sieht es aus, als tanze er: Jorge Sánchez-Chiong. Ab und zu legt er als DJ in Clubs auf, die meiste Zeit aber experimentiert er mit seinen Schallplatten und kreiert damit völlig neue Klangwelten.

Jenseits der Richtlinien

Sein Name sagt schon fast alles: Jorge Sánchez-Chiong. Er wurde 1969 geboren, ist in Venezuela aufgewachsen und hat Wurzeln, die nach Kuba und China reichen. Ein familiärer Hintergrund, der Türen zu vielen Kulturen öffnet.

Angefangen hat alles im Plattenladen seiner Eltern mitten in Venezuelas Hauptstadt Caracas. Da gingen die Musiker ein und aus und Sánchez-Chiong kam mit ganz unterschiedlichen Musikstilen in Berührung.

Sein Musiklehrer war ein Österreicher – so kam es, dass Sánchez-Chiong in jungen Jahren nach Wien reiste und dort klassische Komposition und Musiktheorie studierte. In einem damals kulturell konservativen Wiener Umfeld suchte er sich aber schon bald seine eigenen Zugänge zur Musik, jenseits der akademischen «Richtlinien».

Zwischen Hardrock und Konzeptkunst

Jorge Sánchez-Chiong als Musiker und Komponisten einordnen zu wollen, ist schwierig – und das ist gut so. Denn er selbst mag die kleinen Schubladen nicht, in die man die Musik einteilt: Ist es Klassik oder Rock? Ist es komponiert oder improvisiert?

Sánchez-Chiong gehört irgendwie überall hin und verweigert sich doch den jeweiligen ästhetischen Schulen. Er bewegt sich zwischen Noise, Elektronik, freier Improvisation, Freejazz, Hardrock und Konzeptkunst. Und vor allem ist ihm dabei eines wichtig: Seine Musik soll mit dem Leben zu tun haben, mit unserer Gesellschaft, sie reflektieren und kritisieren.

Eine elekrtronisch gesteuerte Klarinette

Besonders inspirierend sind Jorge Sánchez-Chiongs interdisziplinären Arbeiten, die er zusammen mit Choreographinnen und Videokünstlern entwickelt. Dabei entstehen Werke, in denen Ton und Bild verschmelzen oder sich in kontrastierenden Akzenten ergänzen.

Ein Mann spielt an einer speziellen Klarinette. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Mit Ernesto Molinari hat Jorge Sánchez-Chiong die CLEX entwickelt. Hochschule der Künste Bern

Der neuste Clou ist seine Komposition «Zyt» für eine elektronisch gesteuerte Kontrabassklarinette. Die sogenannte CLEX wurde in vierjähriger Forschungsarbeit an der Hochschule der Künste Bern (HKB) entwickelt.

Eine treibende Kraft hinter diesem Projekt ist der Schweizer Klarinettist und Professor an der HKB Ernesto Molinari. Molinari und Sánchez-Chiong sind seit vielen Jahren eng befreundet. So kam es, dass Sánchez-Chiong für die CLEX eine Komposition schrieb, die im Juni dieses Jahr in Basel uraufgeführt wurde.

Es ist eine Art Videogame, bei dem der Interpret nicht nur von seiner Klarinette aus ins Spiel eingreifen, sondern gleichzeitig auch das Lichtdesign steuern kann. Hier eröffnen sich völlig neue Möglichkeiten des Musikmachens, des Instrumentalspiels und der im wahrsten Sinn des Wortes spielerischen Zusammenarbeit zwischen Komponist und Interpret.

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