Ein Kraftwerk-Mitglied erzählt Schöne neue Computerwelt: Als Maschinen nach Zukunft klangen

Fast 16 Jahre spielte der Schlagzeuger Karl Bartos bei «Kraftwerk» – und prägte Klang und Habitus der legendären Roboter-Musiker. Nun blickt er zurück.

Karl Bartos blickt vor einem schwarzen Hintergrund ernst in die Kamera. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ab 1975 war er dabei: Karl Bartos kennt den innersten Kern von Kraftwerk. Katja Ruge

Sie waren die Roboter, trugen roten Hemden, schwarze Krawatten. Androgyn geschminkt, besangen sie das unbekannte schöne Modell, die Autobahn, den Trans-Europa-Express.

Karl Bartos war einer von ihnen. Von 1975 bis 1990 war der Schlagzeuger Mitglied der Elektropop-Gruppe «Kraftwerk», die bis heute als stilprägend gilt. Zwischen Avantgarde, Kunst und Jazzmusik bespielte Kraftwerk seit 1970 das popkulturelle Grenzland zwischen Kunst und Pop.

Gelbes Album-Cover: Vier roboterhaft aufgemachte Männer hinter Retro-Computern. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Als Roboter-Techies wurden Kraftwerk bekannt. Imago/Schöning

Der Sound war von Hand gemacht

In seiner Autobiografie «Der Klang der Maschine» zieht Karl Bartos Bilanz. Etwas wehmütig erzählt er von den Jahren im Düsseldorfer Kling-Klang-Studio.

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Buchhinweis

Karl Bartos: «Der Klang der Maschine», Eichborn Verlag, 2017.

Dieses hatten Ralf Hütter und Florian Schneider, die Kraftwerk-Gründer, als Produktionswerkstatt eingerichtet: Hier entstand der Kraftwerk-Sound als Mischung aus handgemachter Musik und ausgeklügeltem Instrumentarium.

Man stand sich im Halbkreis gegenüber, musizierte wie eine Jazzformation im Dunstkreis von «Krautrock» und Avantgarde. Karl Bartos lernte das elektronische Schlagzeug mit stricknadelähnlichen Schlägeln zu spielen, ein Markenzeichen des Kraftwerk-Sounds, das viel Fingerspitzengefühl erforderte.

Die vier Kraftwerk-Musiker in Anzug und mit weiss geschminkten Gesichtern. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Kraftwerk bestand aus (v.l.n.r.): Karl Bartos, Rolf Hütter, Florian Schneider and Wolfgang Flur. Getty Images

Ein visuelles Erlebnis

Von Anfang an spielte die visuelle Ebene eine Rolle. Allmählich wurde aus dem experimentellen Projekt «Kraftwerk» eine Bühnen-Performance der besonderen Art.

Ganz im Charme der 1960er-Jahre wurden zunächst noch eigene Plattencover und verschrobene Slogans wie «Unterstützt die Wirtschaft – öfter mal Weihnachten» an die Wand projiziert.

Ganz anders dann das Bild beim legendären «Computerwelt»-Konzert im Berliner Metropol-Theater, das 1981 den Höhepunkt von Kraftwerk markierte. Es war gleichzeitig eine Reminiszenz an den Maschinenkult der 1920er-Jahre und – aus Bartos' Sicht – Ausdruck naiver Technikbegeisterung.

Visuals eines dreifach abgebildeten Mannes mit gegeeltem Haar und wie eine Puppe geschminkt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Bartos als «Mensch-Maschine» – so auch der Titel eines Kraftwerk-Albums. Patrick Beerhorst

Fritz Langs Filmklassiker «Metropolis» diente als Folie für eine Retrokunst, die euphorisch auf die Technisierung der Gesellschaft blickte. Bereits kurz nach dem Konzert waren die Musiker mit ausdruckslosem Gesicht Kunst- und Kultfiguren.

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Maschinen und Musik

Spiel mit dem Zeitgeist

Hinter dem Geist der Unnahbarkeit, der sich hinter Computerbildschirmen, Videoprojektionen und Klangmaschinen verbarg, lebte die Lust am Experiment: Mit neuen musikalischen Ideen, Formen und dem ironischen Vexierbild androider, designter Musiker, die sich einfach nicht vermarkten konnten.

Aus ihren in nächtlichen Sessions aufgenommen Bändern montierten sie ihre grossen Hits: «Trans-Europa-Express», «Autobahn», «Das Modell» und «Computerwelt».

Lapidares Ende

Heute ist Kraftwerk ein Multimedia-Projekt, das Ralf Hütter als einziges verbliebenes Gründungsmitglied gestaltet. Erst kürzlich ist eine Edition mit DVD, Blu-Ray, CD erschienen – der ganze Kraftwerk-Katalog als pompöser Re-Mix.

Vier Männer auf der Bühne, in schwarzen Overalls, die mit grün-blauem Licht bestrahlt werden. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Computerwelt-Ästhetik hat überlebt: Kraftwerk 2003 bei einem Konzert. Getty Images

Für Karl Bartos ist das ein kleiner Verrat am Geist der frühen «Kraftwerker», die Anfang der 1980er-Jahre auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs waren und das Spiel mit der «Mensch-Maschine» auf die Bühne brachten.

Nur noch Erinnerung

Am Ende seines Buches legt Karl Bartos die Studioschlüssel aufs Pult, verlässt das berühmte Kling-Klang-Studio und die genial-hermetische Klangtüftler-Sphäre von Ralf Hütter und Florian Schneider.

Es endet also genauso lapidar wie es 1975 begonnen hat, als die Düsseldorfer Künstleratmosphäre den Weg bereitete für eine Gruppe, die später sogar um ein Haar mit Michael Jackson zusammengearbeitet hätte.

Bartos besucht keine Kraftwerk-Konzerte

Kraftwerk ist heute, in Karl Bartos' Lesart, Teil der Elektropop-Geschichte. Eine Erinnerung an eine Zeit, in der die Idee die Musik machte. Und eben nicht das Design, das später auch bei Kraftwerk zur Masche wurde.

Ein Kraftwerk-Konzert würde Karl Bartos heute nicht mehr besuchen, auch wenn er sich immer noch als Teil der Band fühlt. «Karl Bartos klingt nach Kraftwerk und Kraftwerk nach Karl Bartos», resümiert er trotzig.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 6.11.2017, 07:20 Uhr