Eine neue Generation mischt die Wüstenmusik der Tuareg auf

Die Tuareg-Musik, der raue Sound aus der afrikanischen Wüste, ist im Aufwind. Gerade hat die Band Imarhan ihr gleichnamiges Debütalbum veröffentlicht. Die jungen Musiker beschreiten neue Wege: Sie fügen dem traditionellen Tuareg-Sound Blues-, Rock- und Funkelemente hinzu.

Fünf Männer in Lederjacken auf einem Sofa. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wüstenmusik, aber anders: Imarhan vermischen die Musik der Tuaregs mit anderen Einflüssen. Cityslang/Jo Bongard

Iyad Moussa Ben Abderahmane, kurz Sadam, ist Anfang 20, trägt Bart und einen dunklen Lockenschopf. Der Sänger und Gitarrist aus dem südalgerischen Ort Tamanrasset wirkt am Anfang des Gesprächs zurückhaltend. Er spricht leise, macht ab und zu Pausen. Bisher hat er nur wenige Interviews gegeben.

Der Name seiner Band Imarhan bedeutet wörtlich: «Die, die mir etwas bedeuten». Damit appellieren die Tuareg-Musiker der Band an die Solidarität. «Heute ist unser Handeln meist nur von persönlichen Interessen bestimmt», erklärt Bandleader Sadam und fügt an: «Wir dürfen aber nicht egoistisch sein, sondern müssen an das Gemeinwohl denken. Nur mit vereinten Kräften können wir etwas erreichen.»

Für die Anerkennung der Tuareg

Je mehr Sadam redet, desto sicherer wird er: «Die Musiker von Tinariwen sind unsere Vorbilder», sagt er, «wir knüpfen an ihre Klänge an». In den 1980er-Jahren waren Tinariwen eine der ersten Bands, die einen neuen Musikstil kreierte: mitreissende Rhythmen, einen rohen und rauen Sound aus der afrikanischen Wüste.

Die Mitglieder von Tinariwen gehören zum Volk der Tuareg, zu einem ursprünglich nomadischen Volk in Teilen Algeriens, Malis und des Niger. Sie machten sich einen Namen als «Wüstenrebellen» und «Rolling Stones der Sahara» und kämpften – und tun es immer noch – mit ihren elektrisch verstärkten Gitarren für die Anerkennung und ein besseres Leben der Tuareg.

Sadam und seine Bandkollegen sind mit den Klängen von Tinariwen in einer Tuareg-Gemeinschaft nordmalischer Abstammung gross geworden. «Unsere Band», betont Sadam, «gehört zu einer neuen Generation der Tuareg».

Zwischen der Band Imarhan und den Musikern von Tinariwen gibt es auch eine reale Verbindung. Sadam ist der Cousin von Tinariwen-Bassist Eyadou Ag Leche, der Imarhan bei der Realisation und der Produktion ihres Erstlingswerks unterstützt hat.

Internet als Inspirations- und Verbreitunsquelle

Auf ihrem Debüt wollen Imarhan musikalisch weiter gehen als die Pioniere des Wüstenrock. Sie spielen mit Blues-, Rock-, Soul- sowie Funkelementen und öffnen sich für verschiedene Musikstile. «Wir machen globale Musik», sagt Sadam. Globale Klänge in einer digitalen Welt: «Wir haben auch in der Wüste eine gute Internetverbindung». Das Internet spielt eine Schlüsselrolle – für Imarhan ist es Verbreitungs- und Inspirationsquelle zugleich. «Musik kennt keine Grenzen mehr», erklärt der Tuareg-Musiker.

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Konzerthinweis

Imarhan spielen am 27.5. im Palace in St. Gallen.

Den ersten Videoclip zum Song «Tahabort» nahm die Band mit einem Smartphone auf und veröffentlichte ihn auf Youtube. Tahabort ist ein Markplatz ausserhalb des algerischen Tamanrassets, ein beliebter Treffpunkt in der Wüste, wo sich die Musiker regelmässig treffen, zusammen feiern, gemeinsam Musik machen und über neue Songs sprechen.

Jugendlichen Mut geben

Imarhan behandeln nicht nur das Dasein und die Probleme der Tuareg. Vielmehr sprechen sie über Dinge, die alle jungen Menschen weltweit beschäftigen. «Wir haben alle dieselben Probleme», sagt Sadam, «überall gibt es Kriege, überall flüchten Menschen und sind auf der Suche nach einem sicheren Ort.»

Der Song «Imarhan» etwa handelt davon, wie schwer es ist, sich in den heutigen, schnelllebigen und unsicheren Zeiten zu orientieren. «Immer wieder holen uns Zweifel und Ängste ein», heisst es da. Imarhan sprechen den Jugendlichen Mut zu: Nur gemeinsam können wir einen Ausweg aus schwierigen Situationen finden.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 28.4.2016, 16.50 Uhr.