Er kennt die Welt der Musikdaten wie kein zweiter: Der 58-jährige Glenn McDonald gehört zu den prägenden Figuren der datengetriebenen Musikanalyse. Für den US-Amerikaner sind Daten nicht einfach trockene Materie, sondern ein kultureller Fingerabdruck. Ein Gespräch über das Entdecken neuer Musik, die Grenzen von Algorithmen und die Kritik an Spotify.
SRF: Welches ist der grösste Vorteil von Musik-Algorithmen?
Glenn McDonald: Wenn 500 Millionen Menschen online Musik hören, bedeutet dies eine Menge Wissen. Bevor die Streaming-Dienste aufgekommen sind, gab es keine Möglichkeit, dieses kollektive Wissen zu sammeln. Kulturelle Muster, Geschichten, Sprache, Dinge, die Hirn und Herz berühren – das alles wird sichtbar durch die Musik, die die Menschen hören.
Für das wirkliche Entdecken braucht es eine bewusste Entscheidung.
Sie haben den Empfehlungs-Algorithmus bei Spotify über Jahre mitgeprägt. Dieser schlägt Nutzerinnen und Nutzern «neue» Musik vor – aber letztlich doch vor allem Varianten des Bekannten, nicht?
Rechnerisch wäre es ein Leichtes, Nutzerinnen und Nutzer auf völlig unbekannte Songs oder Genres zu verweisen. Die Frage ist nur: Wollen sie das überhaupt? Ich denke beim Musikhören in drei konzentrischen Kreisen. Im Innersten liegt die persönliche Stammmusik: das, was Menschen am liebsten hören. Der zweite Kreis umfasst nahe Verwandtes. Die meisten bewegen sich fast ausschliesslich in diesen beiden Bereichen. Erst im dritten Kreis beginnt das wirkliche Entdecken, dafür braucht es aber eine bewusste Entscheidung. Ein Black-Metal-Fan klickt Bad Bunny nur dann an, wenn er wirklich will. Wird ihm ungefragt ein Reggaeton-Song vorgespielt, denkt er, dass der Algorithmus kaputt sei.
Das Musikbusiness war lange von weissen, männlichen Perspektiven geprägt. Kann ein Empfehlungs-Algorithmus diese Schieflage ausgleichen?
Dafür fehlen verlässliche Daten. Selbst wenn wir diese hätten, wäre die Lage komplex. Wie kategorisiert man eine gemischte Gruppe aus non-binären sowie weiblich und männlich gelesenen Menschen? Wie fliessen Produzentinnen und Komponistinnen in die Rechnung mit ein? Die männliche Dominanz im Musikbusiness ist ein tiefgreifendes historisches Problem – und uns fehlen schlicht die Daten, um es präzise abzubilden.
Die Labels sind nicht nur an Spotify beteiligt, sie dominieren auch die Aufmerksamkeitsökonomie.
Die drei grossen Major-Labels – Universal, Sony und Warner – sind an Spotify beteiligt. Wie stark schlägt sich ihr Einfluss im Empfehlungs-Algorithmus nieder und beeinflusst damit, was wir zu hören bekommen?
Das ist eine grossartige Frage, die wir uns alle stellen sollten. Und es ist eine schlechte Eigenschaft dieser Welt, dass man darauf keine klare Antwort bekommt. Grundsätzlich sollte man wissen: Die Major-Labels sind nicht nur finanziell an Spotify beteiligt, sie dominieren auch die Aufmerksamkeitsökonomie. Sie bestimmen weitgehend, was im Popbereich sichtbar wird. Diese Machtstrukturen sind tief verankert und darauf ausgerichtet, sich selbst zu erhalten.
Spotify steht immer wieder in der Kritik – aktuell rufen diverse Künstler und Bands dazu auf, die Plattform zu verlassen. Was halten Sie davon?
Spotify ist ein gewöhnliches kapitalistisches Unternehmen: weder böse noch idealistisch, nicht besser oder schlechter als Apple, Amazon oder Google. Natürlich kann man sich über Daniel Eks [CEO von Spotify, Anm. der Red.] Investition ärgern. Aber dann müsste man sich ebenso darüber aufregen, dass Apple-Chef Tim Cook Donald Trump einen Preis überreicht.
Das Gespräch führte Gisela Feuz.