Er kämpft mit brillantem Jazz gegen das Aids-Virus

Mitte der 1980er-Jahre bekommt der amerikanische Musiker Fred Hersch die Diagnose HIV-positiv. Seither spielt er gegen die Krankheit an – und ist zu einem der besten Jazzpianisten der Gegenwart geworden.

Ein Mann sitzt am Klavier und spielt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: 1986 wurde Fred Hersch HIV-positiv getestet, was damals häufig einem Todesurteil gleich kam. Mark Niskanen

An seinem 50. Geburtstag meinte Fred Hersch: «Ich hatte nicht geglaubt, dass ich 40 werde. Und da bin ich jetzt mit 50. Es ist verrückt.» Dass Fred Hersch vor ein paar Wochen 60 wurde, grenzt so gesehen wirklich fast an ein Wunder.

Vom Jungtalent zur New Yorker Jazzgrösse

Fred Hersch ist einer der allerbesten Jazzpianisten der Welt. Und er ist seit rund 30 Jahren HIV-positiv. Diese lebensbedrohliche Krankheit und der damit verbundene Kampf um die Musik, um das nächste Konzert, um die nächste Aufnahme haben sein Leben bestimmt.

Mit sieben ist Fred Hersch das Wunderkind aus Cincinnati (Ohio), mit zehn spielt er regelmässig in einer lokalen Fernsehshow. Mit Anfang zwanzig kommt er nach New York. Es dauert nicht lange und er gehört zu den Pianisten, die von den damaligen Jazzgrössen gebucht werden.

Der Meistersaxophonist Lee Konitz, der Flügelhornist Art Farmer und viele andere wollen «the kid with the chords», den Jungen mit den Akkorden, am Klavier. Dazu kommt: Die 1970er- und frühen 80er-Jahre sind die Zeit der Schwulenbewegung in New York. Das Leben ist eine grosse Party, und Fred Hersch feiert mit.

Kreativer Kampf gegen Aids

Mit der Diagnose kommt die Zäsur. Fred Hersch entscheidet sich, seine Homosexualität auch im Jazz nicht länger zu verstecken. Mit seinem Coming-out beginnt für ihn eine ganz neue Produktivität. Wann immer sein Körper es ihm erlaubt, stürzt er sich in neue Themen. Von der Musik Bill Evans' über die Kompositionen von Billy Strayhorn bis zu den Stücken von Thelonious Monk: Fred Hersch arbeitet wie ein Besessener und macht die Musik seiner Helden zu seiner Musik. Und er hat Erfolg damit.

Vom Koma zur Komposition

2008 scheint sein Kampf gegen Aids verloren: Wegen einer Komplikation fällt Fred Hersch im Alter von 55 Jahren mehrere Wochen lang ins Koma. Er erwacht zwar wieder, muss aber zuerst befürchten, nie mehr Klavier spielen zu können. Die ermutigenden Worte eines Arztes bestätigen sich aber: «Good things happen slowly», sagte der Arzt zum Lebenspartner von Fred Hersch, als die Genesung nach dem Koma auf sich warten liess.

Inzwischen ist Fred Hersch nicht nur wieder auf der Bühne – er hat sein Koma und vor allem die Koma-Träume, an die er sich erinnern konnte, zum Anlass für ein weiteres Musikprojekt genommen. Und so hat er einmal mehr seine Aids-Erkrankung in Musik verwandelt.

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