Eurydikes Tod und Orpheus' stete Wiedergeburt in der Oper

Kaum ein anderer Held der Antike erschien so oft auf der Opernbühne wie Orpheus. Kein Wunder, denn vom göttlichen Sänger der Antike erzählten schon die ersten Opern der Musikgeschichte. Seine Geschichte wird seitdem immer wieder neu erfunden.

Totenkopf im Gras vor einer Leier. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Nachdem die Bacchantinnen Orpheus in Stücke gerissen haben, schwimmt sein Kopf singend zur Insel Lesbos. SRF/Matthias Willi

Alles beginnt im Oktober 1600 in Florenz. Der Komponist Jacopo Peri wird beauftragt, für eine bevorstehende Fürstenhochzeit ein Bühnenstück mit Musik und Gesang zu schreiben. Da die Zeit drängt, zieht man Peris Konkurrenten Giulio Caccini bei.

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Orpheus und Eurydike

In der antiken Sage ist Orpheus der Erfinder der Leier und berührt alle mit seinem Gesang. Als seine Frau Eurydike stirbt, steigt er in die Unterwelt. Dort bewegt er die Götter dazu, Eurydike zurückzugeben. Die Bedingung: Er darf sich auf dem Weg zurück nicht umdrehen. Er tut es dennoch und verliert Eurydike endgültig.

Der ambitionierte Caccini will die Partien, die er – beziehungsweise seine Schüler – singen würden, selbst komponieren. So wird das Musikwerk «Euridice», die erste erhaltene Oper, eine Gemeinschaftsarbeit von Giulio Caccini und Jacopo Peri. Später schreibt jeder seine eigene vollständige Fassung.

Peri singt bei der Aufführung die Partie des Orfeo. Den beiden Komponisten geht es nicht um Schöngesang, sondern um ein ausdrucksvolles, singendes Sprechen. So habe man im antiken Griechenland die Dramen aufgeführt – glaubt man wenigstens. Dazu passt, dass Eurydike nicht etwa auf der Bühne stirbt. Von ihrem Tod erfährt man vielmehr in einem sogenannten Botenbericht, wie in der griechischen Tragödie eben.

Neues Niveau und zweierlei Opfer

Im Publikum sitzt Claudio Monteverdi. Dieser bekommt wenige Jahre später, 1607, die Gelegenheit, selbst eine dieser neuartigen Opern zu komponieren. Er hebt sie mit einem Schlag auf ein völlig neues Niveau: Seine Musik hat eine expressive, dramatische Qualität.

Monteverdis Oper heisst nicht «Euridice», sondern «Orfeo». Euridice ist das tragische Opfer ihres Schicksals; auch bei Monteverdi stirbt sie nicht auf der Szene. Orfeo dagegen ist das Opfer seines eigenen unbedachten Handelns. Die Botschaft war klar: Der Mensch kann sein Schicksal selbst in die Hand nehmen, er muss aber auch die Konsequenzen tragen.

Mit allerlei Zutaten aufgepeppt

Nichts davon findet sich in «La Morte d'Orfeo» von Stefano Landi (Padua 1619). Das Werk ist weniger eine Oper als eine Folge von Tableaus. Sie zeigen Orfeo beim Fest mit Göttern und Helden, in der heiteren Gesellschaft von Hirten und Satyrn, nach seinem gewaltsamen Tod in der düsteren Unterwelt. Euridyke kommt so gut wie gar nicht vor.

Genau 40 Jahre nach Monteverdi vertont Luigi Rossi die Geschichte. Der einst schlicht-geradlinige, antike Stoff wird nun mit allerlei Zutaten aufgepeppt: Allzu menschliche Götter und Göttinnen treten auf, eine intrigante Amme und eine keifende Alte, turtelnde Liebespaare.

Melodrama mit Satire

Vor allem aber hat Orfeo einen Nebenbuhler in seinem Bruder Aristeo. Eurydike wird von der Schlange gebissen, weil sie vor Aristeos Zudringlichkeiten fliehen will. Ihr Tod spielt sich auf der Bühne ab – in melodramatischer Länge.

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Orpheus vom Barock bis heute

«Fiori musicali» widmet dem göttlichen Sänger zwei Sendungen (am 24. und 29.8.). Auf srf.ch/kultur wird am 29. August eine Fortsetzung zu diesem Artikel erscheinen. Dann über die Werke vom 18. bis ins 20. Jahrhundert.

Das ist der Mix, der die italienische Oper des späteren 17. Jahrhunderts prägt: Tragisches und Erhabenes wird mit Komischem und Satirischem vermischt. Im «Orfeo» (1673) von Antonio Sartorio ist Orpheus, der ehemalige antike Halbgott, ein eifersüchtiger Ehemann…

Verschwunden, aber nicht vergessen

Am Ende des 17. Jahrhunderts folgen zwei Kurzfassungen des Orpheus-Mythos: Das Opéra-Ballet «Le Carnaval de Venise» von André Campra (1699) bringt eine handfeste Story mit Mord und Totschlag sowie den Orpheus-Mythos im letzten Akt als Oper in der Oper: «Orfeo nell' inferi» – Orpheus in der Unterwelt. Marc-Antoine Charpentier schreibt circa 1686 eine Oper en miniature, «La Descente d'Orphée aux Enfers» – Orpheus‘ Abstieg in die Unterwelt. Ihr dritter Akt ist bis heute leider unauffindbar.

Damit ist allerdings noch nicht alles über Orpheus gesagt – oder gesungen. Folgende Jahrhunderte werden genauso im Bann des göttlichen Sängers stehen.

Auswahl empfohlener Aufnahmen

  • Jacopo Peri: Euridice (Florenz 1600)
    Gloria Banditelli, Gian Paolo Fagotto, Rossana Bertini u.a.
    Ensemble Arpeggio; Dir. Roberto de Caro
    Arts 47276
  • Giulio Caccini: Euridice (Florenz 1600 / 1602)
    Silvia Frigato, Furio Zanasi, Sara Mingardo u.a.
    Concerto italiano; Dir. Rinaldo Alessandrini
    Opus 111 30552
  • Claudio Monteverdi: L’Orfeo (Mantua 1607)
    Anthony Rolfe Johnson, Julianne Baird, Anne Sofie von Otter u.a
    Monteverdi Choir, English Baroque Soloists; Dir. John Eliot Gardiner
    Archiv 419 250
  • Stefano Landi: La Morte d’Orfeo (Padua 1619?)
    Cyril Auvity, Guillemette Laurens, Dominique Visse
    Akadêmia; Dir. Françoise Lasserre
    Zig Zag 0070 402
  • Luigi Rossi: Orfeo (Paris 1647)
    Agnès Mellon, Moique Zanetti, Sandrine Piau
    Les Arts florissants; Dir. William Christie
    HMC 901 358.60

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