Fehlende Radio-Tantiemen bedrohen die amerikanische Musikkultur

Musikschaffende in den USA wagen den Aufstand. Denn Amerika ist eines der wenigen Länder, das Musikern keine Tantiemen für Radio-Airplay zahlt. Zahlreiche Musiker müssen deshalb ihren Job aufgeben. Ein Petition soll nun für bessere Bedingungen sorgen, für die schon Sinatra kämpfte – und scheiterte.

Man sieht Erykah Badu am New Orleans Jazz Festival. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Erykah Badu: Eine Künstlerin, die die amerikanische Musikultur bereichert. Keystone

«Die USA sind die einzige Demokratie weltweit, die ihren Künstlern keine Radio-Tantiemen bezahlt», sagt Blake Morgan. Der New Yorker Musiker und Produzent hält die Situation für absurd und unhaltbar. Nur Länder wie Iran, Nordkorea, Ruanda oder China würden ihre Musiker so behandeln. Morgan hat genug. Vor wenigen Wochen startete er die Petition «I respect Music».

Diese will auf politischer Ebene in Washington eine Gesetzesänderung durchsetzen. Heute erhalten lediglich Komponisten Geld für Radio-Airplay, nicht aber die Musiker. Das soll sich nun ändern. Mehr als 10'000 Personen haben die Petition bereits unterzeichnet, der Druck auf die Politik steigt. Morgan will mit seiner Aktion eine fast hundert Jahre andauernde Schlacht gewinnen.

Ein verhängnisvolles Mittagessen

Begonnen hat alles 1914. Der italienische Opern-Komponist Giacomo Puccini traf sich in New York mit dem damals führenden Opern-Komponist der USA, Victor Herbert, in einem Restaurant zum Lunch. Während sich die beiden angeregt über Operetten unterhielten, spielte der Pianist des Restaurants Herberts Stück «Sweethearts».

Puccini war ausser sich. Er konnte nicht verstehen, weshalb Herbert die Aufführung seiner eigenen Komposition nicht gewinnbringend nutzte. In Europa hatten sich zu jenem Zeitpunkt Lizenzverträge zwischen Komponisten und Aufführungslokalen längst durchgesetzt. Puccini schlug Herbert vor, durch Lizenzverträge mit seiner Musik Geld zu verdienen.

Herbert muss von Puccinis Idee so beflügelt gewesen sein, dass er kurz darauf den Restaurant-Besitzer verklagte. 1917 verurteilte das US-Bundesgericht den Restaurant-Besitzer zur Zahlung einer Tantieme an Herbert für die Aufführung seines Stücks. Fortan waren alle Restaurants und später auch Radiostationen verpflichtet, den Komponisten eine Tantieme zu zahlen. Das Urteil bedeutete einen Kulturwandel für die USA.

Kein Geld für Sinatra

Fortan waren die Rechte der Komponisten abgesichert. Musiker, Interpreten und Performer dagegen erhalten bis heute kein Geld für Aufführungen sowie Radio-Airplay. In den Siebziger Jahren unternahm Frank Sinatra einen ersten Anlauf, die Situation auf politischer Ebene zu ändern. Er erhielt mit seinem Welthit «New York, New York» keine Gage von den Radiostationen, obwohl der Song millionenfach über den Äther ging. Sinatras Vorhaben, Radio-Tantiemen für Künstler zu etablieren, blieb erfolglos. Die Opposition der Radiosender war zu stark. Geld erhielten ausschliesslich die beiden «New York, New York»-Komponisten Fred Ebb und John Kander.

Schlechte Folgen für die amerikanische Musikkultur

Man sieht Patrick Stewart mit dem Schild «I Respect Music». Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Auch «Raumschiff Enterprise»-Star Patrick Stewart unterstützt die Petition. Twitter

So wie Sinatra geht es bis heute Hunderttausenden amerikanischen Musikern. Dabei wäre durchaus Geld vorhanden. «Die Firma Clear Channel, welche in den USA rund 850 Radiostationen besitzt, hat vergangenes Jahr 17 Milliarden Dollar mit Werbung verdient», sagt Morgan. Es sei unfassbar, dass nichts davon den Künstlern zugutekomme. «Leute die von unserer Situation in den USA erstmals hören sind schockiert».

Die fehlenden Radio-Tantiemen haben auch Konsequenzen auf die Qualität der amerikanischen Kultur. «Die Steuerbehörde IRS sagt, es gibt heute 46 Prozent weniger Musiker in den USA als noch vor zehn Jahren», so Morgan. Das Radio-Problem sowie die sich durch das Internet generell verschlechterte Situation für Musiker, würden viele zum Aufgeben zwingen. «Das ist nicht nur schade, es ist auch schlecht für die amerikanische Kultur».

Das gesamte Musik-Business sei bedroht, falls sich die Situation nicht bald ändere. Die USA seien schliesslich die Geburtsstätte von Blues, Country, R’n’B, Soul und Hip Hop.