Ferhat Tunç vereint alles, was der türkische Staat bekämpft

Er ist Kurde, Alevit, Regimekritiker und politischer Musiker. Seit Jahrzehnten setzt Ferhat Tunç sich ein für Minderheiten in der Türkei. Dafür lebt er – das ist nicht immer ungefährlich.

Mann mit Schnauz und kurzen Haaren vor einem Mikrofon. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Musik ohne politische Botschaft ist für Ferhat Tunç undenkbar. Ferhat Tunç

Ferhat Tunç – offener Blick, Anfang 50, Schnurrbart, kurzes dunkles, von grauen Strähnen durchzogenes Haar. Er stammt aus der ostanatolischen Region Dersim, dem heutigen Tunceli, einem Siedlungsgebiet der Kurden. «Als Kind», erzählt er, «habe ich immer diese traurigen Lieder gehört und auch von dem Massaker erfahren. Viele meiner Familie sind dabei ums Leben gekommen. Doch niemand wollte aus Angst offen darüber reden.»

Drei grosse Transparente: Sie zeigen die türkische Flagge, Attatürks Porträt, daneben Präsident Erdogans Porträt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Nicht grade kurdenfreundlich: Der Gründervater der modernen Türkei Attatürk und der amtierende Präsident Erdogan. Keystone

Kurdische Realität in der Türkei

Ferhat Tunç spricht vom Dersimer Aufstand von 1937/38. Damals hatte die Bevölkerung in Dersim gegen die Assimilierung von Kemal Atatürk gekämpft. Das türkische Militär antwortete mit der Auslöschung ganzer Dörfer und Vertreibungen.

Im osmanischen Reich waren die Kurden autonom. Doch seit Kemal Atatürk ist ihr Leben von Unterdrückung und Ausgrenzung geprägt. Trotzdem haben die Kurden ihre Identität mit eigenen Traditionen und einer eigenen Sprache bis heute bewahrt. Mit ungefähr 20 Millionen bilden die Kurden in der Türkei die grösste ethnische Gruppe.

Schon als Kind ein Kämpfer

Sehr früh wird Ferhat Tunç mit dem Trauma des Dersimer Genozids konfrontiert. Daneben entdeckt er, wie viel Macht das gesungene Wort innehat. Diese beiden Elemente legen den Grundstein für seinen Weg als Musiker und Kämpfer. Mit zwölf betritt er zum ersten Mal eine Bühne – immer mit dem Bewusstsein, dass er eine Mission hat: «Gegen Unterdrückung bin ich immer und überall. Das ist meine Aufgabe.»

Mit 16 Jahren, Ende der 1970er-Jahre, folgt Ferhat Tunç seinem Vater nach Deutschland, der dort als Gastarbeiter lebt. 1985 kehrt er wieder in die Türkei zurück, um sich für die Kurden zu engagieren. Seitdem hat er dort permanent Probleme mit der Regierung. Er vereint in einer Person alles, was der türkische Staat bekämpft: Er ist Kurde, Alevit, Regimekritiker und politischer Musiker. Immer wieder wird er verhaftet und landet im Gefängnis.

Ferhat Tunç – der, der überall ist

Doch Ferhat Tunç lässt sich davon nicht entmutigen: «Als Politiker werden Sie vielleicht nicht akzeptiert in der Türkei, aber als Musiker hat man wirklich eine Chance zwischen Völkern, verschiedenen Kulturen und Religionen zu vermitteln.» Denn in der Türkei leiden ausser Kurden auch viele andere ethnische und religiöse Minderheiten unter Unterdrückung und Diskriminierung: etwa Armenier, Aramäer oder Griechisch-Orthodoxe.

Deshalb muss der umtriebige kurdische Musiker weiter kämpfen. «Ferhat Tunç», fährt er fort, «so nennen mich alle. Das ist der, der überall ist.» Ferhat Tunç scheut keine weiten Wege. So war er auch in der syrischen Stadt Kobane an der Front mit kurdischen Männern und Frauen, die gegen die Terrormiliz Islamischer Staat kämpften.

«Ohne Hoffnung hat das Leben keinen Sinn»

Sein aktuelles Album «Kobani» ist ein aktuelles Zeitzeugnis dieser Ereignisse. Das gleichnamige Lied, sagt er «handelt vom Widerstand und Freiheitsgeist der Menschen in Kobane». Es geht um das junge kurdische Mädchen Kader, das an der Seite von 30 Männern gekämpft hat. «Als Kader die türkisch-syrische Grenze überquert hat, wurde sie von der türkischen Armee erschossen», so Ferhat Tunç.

Mit seinen Songs des Widerstands gibt Ferhat Tunç auf seinem aktuellen Album den Verletzten eine Stimme: Er singt auf Kurdisch, Türkisch und Armenisch. Mit den Worten «ich hab mir immer ein demokratisches, brüderliches System in der Türkei gewünscht, das ist eine grosse Hoffnung. Wir müssen immer unsere Hoffnung bewahren, ohne Hoffnung hat das Leben keinen Sinn» schliesst er das Gespräch.

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