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Wie war es am ersten Drive-In Klassikfestival?
Aus Kultur-Aktualität vom 27.07.2020.
abspielen. Laufzeit 03:26 Minuten.
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«Festival du Lied» Hupen für klassische Musik

Der Opern-Glamour fehlt, und trotzdem: Das erste Klassik-Drive-In-Festival der Schweiz verzaubert seine Gäste.

Streaming-Konzerte und Veranstaltungen in abgespeckter Form statt Glamour, roter Teppich und Abendrobe: Viele Klassik-Musik-Festivals in diesem Sommer wurden reduziert, abgesagt oder verschoben. Dieses Jahr stehen für einmal nicht Luzern, Verbier, Gstaad, Bregenz oder Salzburg im Scheinwerferlicht, sondern die kleinen Festivals.

Das «Festival du Lied» im 2000-Seelen-Dorf Charmey nutzt die Chance und lädt sogar Weltstars ein – selbstverständlich unter Einhaltung aller Corona-Schutzverordnungen.

Parkplatz statt Opern-Loge

Eigentlich hätte es das «Festival du Lied» 2020 gar nicht gegeben. Es findet nur alle zwei Jahre statt, im Wechsel mit dem «Internationalen Festival für geistliche Musik».

eine Frau mit eleganter Kleidung sitzt in einem Auto
Legende: Die Festivalleiterin Marie-Claude Chappuis passte das Programm rasch an und organisierte ein Drive-In-Festival. KEYSTONE/Anthony Anex

Als das Chorfestival aber abgesagt wurde, rief die Mezzosopranistin und Festivalleiterin Marie-Claude Chappuis befreundete Musikerinnen und Künstler an und stellte spontan eine etwas andere Form des «Festival du Lied» auf die Beine.

Seit dem 25. Juli veranstaltet sie im idyllischen Charmey im Greyerzerland in traumhafter Kulisse auf dem grossen Parkplatz der Bergbahn ein Klassik-Drive-In Festival.

ein kleiner Junge misst ein Auto
Legende: Wie hoch ist das Auto und in welche Reihe kommt es? Beim «Festival du Lied» muss jedes Detail stimmen. KEYSTONE/Anthony Anex

Die Besucher kommen mit dem Auto, Platz gibt es für etwa 150 Fahrzeuge, vier Leute dürfen jeweils drinsitzen. Wer lieber einen Sitz- statt Parkplatz möchte, meldet das bei der Ticketkasse an, denn es gibt auch einen kleinen bestuhlten Bereich vor der Bühne.

Autofenster runter und Musik geniessen

Während sich auf der Bühne die Musikerinnen einspielen, fahren gegen neun Uhr die Autos vor, werden ausgemessen, eingewiesen und im Halbkreis angeordnet, wie ein Orchester – nach Grösse. Mit meinem Hochdachkombi, stolze 1.75 Meter hoch, bekomme ich am Eröffnungskonzert am Samstag einen Platz in einer der hinteren Reihen.

eine Reihe von Autos vor einer Bühne
Legende: Orchester mit Pneu und Motor: Die Autos und ihre Fahrer warten eingereiht auf den Start des Konzerts. KEYSTONE/Anthony Anex

Doch von Sichtbehinderung keine Spur! Die Autos stehen versetzt, mit genügend Abstand dazwischen. Das Geschehen auf der Bühne wird zusätzlich auf eine grosse LED-Leinwand übertragen.

Da werden noch schnell die Frontscheiben geputzt, dann erklingen schon die ersten Töne – verstärkt über Lautsprecher. Das heisst: Autofenster runterkurbeln! Dass nur bei Regen auf das Autoradio und eine FM-Frequenz ausgewichen wird, ist sicher ein Gewinn für den Gesamtklang.

Hupen ist das neue Klatschen

Der Blockflötist Maurice Steger eröffnet das Festival mit einer handverlesenen Schar Barockspezialisten. Mit Stücken, die für englische Garten-Partys geschrieben wurden, Masken-Tänzen und Natur-Fantasien.

Dass sich einzelne der historischen Instrumente mit Darmsaiten aufgrund der Wetterverhältnisse dieser lauen Sommernacht verstimmen, stört für einmal niemanden.

Was ist ein Drive-In Konzert?

Drive-In Konzerte funktionieren im Prinzip wie ein Autokino. In Deutschland haben das Veranstalter vor allem von Rock- und Pop-Konzerten schon vor einiger Zeit entdeckt, als Alternative zu gewöhnlichen Open-Air-Konzerten in diesem Corona-Sommer. Auch im Klassikbereich gab es das vereinzelt.

In der Schweiz fanden im Juni und Juli schon das Drive-In Festival Härkingen, Link öffnet in einem neuen Fenster und das Skylights Drive-in Openair , Link öffnet in einem neuen Fensteram Flughafen Zürich statt. Das «Festival du Lied, Link öffnet in einem neuen Fenster» ist aber das allererste Klassik-Drive-In Festival der Schweiz. Noch bis zum 31.07.2020 kann das Publikum in Charmey durchs offene Autofenster in mehreren Konzerten verschiedenste Stile hören, vom barocken Lied über Streichquartette und Volkslieder bis zu Liedern von Ella Fitzgerald und Nina Simone.

Das Publikum klatscht begeistert, es wird gehupt und mit den Autoscheinwerfern aufgeblendet. Das Autokonzert ist optisch wie akustisch ein echtes Spektakel und für die meisten Besucherinnen eine ganz neue Erfahrung.

«Dieser Event war völlig anders als in einem Konzertsaal: sehr spontan und überraschend. Das Hup- und Lichterkonzert war magisch», sagte eine Besucherin. Wer also wie ich skeptisch war zu Beginn und glaubte, durch die Autos und Frontscheiben entstünde eine Art Wand zwischen Musiker und Publikum, hat sich gründlich getäuscht.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktuell, 27.7.2020, 7:20 Uhr

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