Gianmaria Testa: Lieder direkt aus dem Leben gegriffen

20 Jahre Abenteuer seien es, die auf seinem neuen Album zu hören sind: Der Italiener Gianmaria Testa blickt mit «Men At Work» auf seine Karriere als Liedermacher zurück – eine Karriere, bei der Leonard Cohen eine genauso wichtige Rolle spielt wie das Schicksal afrikanischer Flüchtlinge.

Ein Mann sitzt an einer Backsteinwand gelehnt und spielt Gitarre. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Alles andere als ein Tagträumer: Liedermacher Gianmaria Testa thematisiert in seinen Songs auch politische Missstände. Pietro Vertamy

«Men At Work» heisst das soeben erschienene Live-Album von Gianmaria Testa. Der Sänger und Gitarrist aus dem Piemont ist längst zu einem der wichtigsten zeitgenössischen italienischen Liedermacher avanciert. «Ein Live-Album ist immer ein Schnappschuss», erklärt er. «Es hält den bestimmten Moment eines Konzerts fest. Hier fange ich eine langjährige Zusammenarbeit mit meinen Musikern ein und verewige sie.» Mit dem Gitarristen Giancarlo Bianchetti, Nicola Negrini am Bass und dem Schlagzeuger Philippe Garcia hat Gianmaria Testa ein formidables Quartett beisammen.

20 Jahre Abenteuer und Konzerte

Porträt eines älteren Mannes mit dunklem Kittel vor einer Backsteinwand. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Gianmaria Testas Lieder berühren und rütteln auf. Marco Caselli

Aufnahmen von 13 Konzerten in Deutschland, Luxemburg und Österreich sind die Grundlage dieser Veröffentlichung. «Wir waren viel unterwegs und sind immer wieder auf das Schild ‹Men At Work› gestossen», erläutert Gianmaria Testa die Wahl des Albumtitels.

«Ausserdem ist die Arbeit hier ein wichtiges Thema. Einer von drei jungen Leuten ist in Italien arbeitslos. 20 Jahre hat man auf einen Mann gesetzt in der Hoffnung, dass er einen Ausweg aus der Krise findet. Nicht ein Einzelner kann der Retter sein. Jeder ist gefragt.»

23 Lieder aus einer 20-jährigen Karriere durchziehen dieses Album – eine gute Gelegenheit, Bilanz zu ziehen. «Das sind 20 Jahre Abenteuer, unzählige Aufnahmen und Konzerte», so Testa. «Wie ein Handwerker habe ich gelernt, mit dem Mikrophon umzugehen. Mikrophon und Stimme sind meine wichtigsten Instrumente geworden.»

Tango, Bossanova und Jazz

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Konzerthinweis

Gianmaria Testa gibt zusammen mit dem Tropeter Paolo Fresu zwei Konzerte:

Burghof Lörrach (D)
Mittwoch, 6. November

Neumünster Zürich
Donnerstag, 7. November

Gianmaria Testa ist 1958 in einer musikalischen Bauernfamilie in der nord-italienischen Provinz Cuneo geboren. «Meine ganze Familie versammelte sich abends in der Küche vor dem Radio», blickt er zurück. «Wir starrten auf das Radio wie auf einen Fernseher und lauschten gebannt der Musik.»

Die Beobachtungen des Italieners mit der vollen Baritonstimme sind feinsinnig. Seine Texte ähneln kleinen Gedichten, die aufrütteln und berühren. Seine Musik vereint Tango, Bossanova und Jazz. «Ich spreche von positiven und negativen Gefühlen», sagt er. «Doch diese Emotionen erleben wir mit 20 ganz anders als mit 50 Jahren. Deswegen singe ich sie heute anders. Wie ein Freund, den ich wieder treffe.»

Ein Bahnhofsvorsteher wird zum gefeierten Musiker

Mit 14 bekam Gianmaria Testa eine Gitarre und brachte sich das Spielen selbst bei. Er begann Texte zu schreiben und hat seitdem nie mehr damit aufgehört. Als er zum ersten Mal Leonard Cohen hörte, verstand er die englischen Texte nicht. Er suchte sofort nach Übersetzungen und war von diesen Songs angetan. Leonard Cohen wurde zu einem seiner wichtigsten Vorbilder.

Über 25 Jahre arbeitete er als Bahnhofsvorsteher und Streckenüberwacher zwischen Turin und Nizza. Das hat auf seine Liedkunst abgefärbt, die er durch seinen sicheren Job ausüben konnte. Mitte 30 erhielt er zweimal in Folge den ersten Preis des Festivals von Recanati für Nachwuchs-Liedermacher. Dort begegnete er der französischen Produzentin Nicole Courtois Higelin, die ihn bei den Aufnahmen seines 1995 erscheinenden Debüts «Montgolfières» unterstützte.

Mit seinem zweiten Album «Extra-Muros» gelang es ihm, in der legendären Musikhalle Olympia in Paris aufzutreten. Seitdem folgten rund 1000 Konzerte in Europa und auf der ganzen Welt. Testa ist solo, aber auch im Duo sowie mit seinem Trio auf der Bühne.

Testa greift das Thema Migration auf

Liebe, Schmerz, Verlust, wirkliche oder imaginäre Reisen – Gianmaria Testas Lieder sind direkt aus dem Leben gegriffen. Er agiert im Stillen, kreiert intensive und eindringliche Bilder.

Bis 2006 waren seine Alben eher persönlich geprägt. Doch die CD «Da questa parte de mare» – einige Lieder davon sind auf dem aktuellen Album zu finden – markiert einen Einschnitt in seiner Laufbahn. Das Thema ist die moderne Migration. Der Ton des italienischen Musikers wird entschiedener. Er zeigt sich wach gegenüber Politik und Alltag.

Der Liedermacher will seine Zuhörer sensibilisieren

Zuvor hatte Gianmaria Testa in Süditalien beobachtet, wie Fischer zwei erschöpfte Afrikaner an den Strand wie Frachtgut zwischen die Badegäste warfen. Dieses Erlebnis liess ihn nicht mehr los. «Als Liedermacher kann ich die Augen vor solchen Ereignissen nicht verschliessen. Ich bin Zeuge und muss dem Publikum meine Gefühle mitteilen. Vielleicht wähle ich nicht den medienwirksamen Weg, aber ich will mir selbst treu bleiben.»

Verzweifelt und ohne erforderliche Papiere verlassen die Flüchtlinge Afrika und steigen in Boote. «Sie haben nichts mehr zu verlieren», fährt Gianmaria Testa fort und mahnt: «Die Italiener haben vergessen, dass zwischen 1870 und 1960 nahezu 40 Millionen Italiener in verschiedene Länder Europas sowie Nord- und Südamerikas ausgewandert sind. Die Auswanderungsgesetze in Italien sind inakzeptabel. Soll man einen ‹Reisenden› bestrafen? Wofür? Dafür, dass er sich auf eine lebensgefährliche Reise begibt? Bei den Flüchtlingsdramen von Lampedusa gibt es Hunderte von Toten. Und die, die überleben, werden vom italienischen Staat wie Verbrecher behandelt. Gegen Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung gibt es keine Gesetze.»

Gianmaria Testa sensibilisiert seine Zuhörer für bestehende Grenzen – auf der Landkarte und im Kopf. Mit seiner Musik will er Trennungslinien überwinden und einen freien gemeinsamen Kulturraum aufbauen.