Zum Inhalt springen
Inhalt

Gitarren kaputtschlagen Die grosse Geste des Rock'n'Roll entstand durch Zufall

In den 60ern haute Pete Townshend von The Who zahlreiche Gitarren in Stücke. Viele haben die berühmte Geste des Rock’n’Roll kopiert – entstanden ist sie durch einen Unfall.

Pete Townshend schlägt Gitarre auf Verstärker
Legende: Minus eine Gitarre: Das Zertrümmern von Instrumenten wurde zu Pete Townshends Markenzeichen (hier 1967). Getty Images/Chris Morphet

Die Plattenhülle von «London Calling» (1979) der britischen Punkband The Clash sticht ins Auge. Man sieht den Bassisten, er selbst gebückt, sein Instrument hoch erhoben über dem Kopf. Man ahnt: Sekundenbruchteile später wird der Bass auf der Bühne zerschellen.

Dieses Cover verweist auf zwei Ikonen der Rockgeschichte: Der Schriftzug in Pink und Grün erinnert an das erste Album von Elvis Presley, die Geste an die britische Rockband The Who.

Cover des Albums London Calling, darauf hält ein Mann Gitarre über den Kopf
Legende: Stilbildende Geste: Album von The Clash aus dem Jahr 1979. Sony Music Entertainment

Der Ursprung war ein Unfall

The Who waren in den 1960er-Jahren eine der grössten Bühnenattraktionen weltweit, bekannt für wilde, ausgelassene Auftritte. Höhepunkt fast jeden Konzertes war die rituelle Zerdepperung einer Gitarre durch deren Besitzer Pete Townshend.

Entstanden war dies 1964 aus einem Unfall. Die Decke über der Bühne eines Londoner Pubs hing so tief, dass der Gitarrist bei einer abrupten Bewegung mit seinem Instrument an die Decke stiess und ihm den Hals abschlug. Das gab Applaus, also schlug Townshend nochmals zu.

Zerstörung führt zu Schulden

Abend für Abend wartete das Publikum nun darauf, dass eine Gitarre in die Brüche ging. Der Rest der Band war sich der starken optischen Wirkung bewusst und versuchte, mitzuhalten: Es flogen Mikrofone und Schlagzeugteile durch die Luft.

Pete Townshend zertrümmert seine Gitarre
Legende: Das Publikum wollte zerstörte Gitarren sehen, Pete Townshend war zu Diensten – hier am Monterey Pop Festival in Kalifornien, 1967. Keystone/AP/Monterey Herald

Das ging ins Geld. Lange Zeit war das Quartett notorisch verschuldet, bei sich türmenden Ausgaben von bis zu 1000 Pfund pro Woche (nach damaligem Wechselkurs rund 12'000 Schweizer Franken).

Auto-destruktive Kunst?

Doch woher diese rohe Gewalt, warum diese Zerstörung? Pete Townshend war ein komplizierter, intellektueller junger Mann mit einer Fülle von Komplexen. Er brauchte – laut eigener Aussage – die Gitarre, um von seiner überdimensionierten Nase abzulenken, um an Mädchen ranzukommen.

Er sei mit der Gitarre zum Mann geworden – sagt er in einem Interview von 1974 – und gleichzeitig sei es immer toll gewesen, die Gitarre kaputtzuhauen mit der Geste: «Schaut her, das ist nur Holz, ich bin wichtig!»

Eine Frage des Egos also, des Geltungsbewusstseins. Oder war da noch mehr? Wut etwa?

Townshend hatte stets auch eine Erklärung mit intellektuellem Überbau bereit. Als junger Erwachsener hatte er an der britischen Art School bei Gustav Metzger studiert, einem Spezialisten für die sogenannte auto-destruktive Kunst. Townshends Gitarrenzerstörung sei eine Geste in deren Sinn.

Brennende Gitarre

Im Juni 1967 traten The Who in Monterey am ersten Open Air der Geschichte auf – am selben Abend wie das neue Gitarrenwunderkind Jimi Hendrix. Die beiden Bands spielten in etwa dieselbe Musik, waren beim gleichen Label unter Vertrag. Es war ein Kampf der Rivalen.

jimi hendrix Monterey
Legende: Hier hat er sie noch gespielt, später ging die Gitarre in Flamme auf: Jimi Hendrix am Monterey Pop Festival in Kalifornien, 1967. Keystone/AP Images/Bruce Fleming

Ein Film über das Festival zeigt einen wilden Auftritt von The Who. Aus einer rasanten Version ihrer Hymne «My Generation» wird Chaos, Link öffnet in einem neuen Fenster, Townshends Gitarre gibt gequälte Laute von sich, Bühnenhelfer versuchen, Mikrofone zu retten, das Schlagzeug fliegt um.

Etwas später versucht Jimi Hendrix, die Show von The Who zu überbieten, indem er seine Gitarre mit Brennflüssigkeit übergiesst und anzündet, Link öffnet in einem neuen Fenster. Gewonnen haben beide: Durch den Film wurden The Who und Jimi Hendrix in den USA zu Stars.

Mehr Rock’n’Roll geht kaum

Die Geste wurde häufig kopiert. Es gab Materialschlachten mit explodierenden Fernsehapparaten oder Autos, bei Nirvana flogen wieder die Gitarren, Link öffnet in einem neuen Fenster.

Die Geste war einfach zu gut, wie die Hülle von The Clash zeigte: Eine Gitarre flog durch die Luft und im richtigen Moment drückte die Fotografin ab. Mehr Rock’n’Roll geht kaum.

1 Kommentar

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.