Hackordnung im Streichquartett: Wer spielt die erste Geige?

Das Zusammenspiel im Streichquartett gilt als Sinnbild der Harmonie, als eine der nobelsten Formen des Musizierens. Doch hinter der Fassade verbergen sich subtile Hierarchien. Wer im Streichquartett den Ton angibt, das hat nun ein Forscherteam untersucht.

Ein Streichquartett spielt auf einer Bühne. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wer gibt den Ton im Streichquartett an? Zumindest nicht immer die erste Geige, fanden Forscher heraus. Reuters

Das Streichquartett erscheint so manchem als Sinnbild eigenständiger Harmonie: Da braucht es keinen Dirigenten, der den Takt zum schönen Zusammenspiel angibt. Die beiden Geigen, die Bratsche und das Cello sind perfekt eingespielt und stimmen ihr Tempo ständig aufeinander ab, damit die Musik nicht aus den Fugen gerät.

Soweit der Schein. Denn nicht immer ist ein gleichberechtigtes Geben und Nehmen die Grundlage synchronen Musizierens. Auch Bremsen und Aufholen können zur Einheit führen. Doch wer passt sich an, wer setzt sich durch? Wer jagt voraus und zwingt die andern zur Eile? Wer nimmt's gemütlich und lässt auf sich warten? Ein britisch-deutsches Forscherteam von der Universität Birmingham hat nach Antworten gesucht – und subtile Hierarchien gefunden.

Aufeinander eingehen versus autoritäre Systeme

Bei manchen Ensembles würden alle Spieler gleichermassen aufeinander eingehen, sagt Studienautor Alan Wing. Bei andern gebe ein Musiker allein das Tempo vor. Dies alles geschehe vermutlich vollkommen unbewusst, betont der Psychologe und Hobby-Cellist.

Die Mitglieder der untersuchten Quartette seien jedenfalls sehr erstaunt gewesen über die Analyse ihres Musizierens. Besonders jene, deren Zusammenspiel ein autoritäres Regime offenbarte, in dem sich die Musiker nicht gleichberechtigt aneinander anpassen, sondern drei Spieler ständig dem vierten hinterhergeigen oder auf diesen warten.

Unhörbarer Unterschiede

Hörbar sind sie nicht, diese Ungleichheiten im Quartett. Denn das Drama spielt sich im Bereich von Hundertstel- oder gar Milli-Sekunden ab. Die Wissenschaftler brauchten eine entsprechend sensible Technik, um den verborgenen Hierarchien hinter der harmonischen Fassade auf die Schliche zu kommen.

Sie haben kleine Mikrophone unmittelbar unter die Seiten der Geigen, der Bratsche und des Cellos geklemmt, und haben die Aufnahmen mit dem Computer ausgewertet. Dieser notierte bis in den Millisekunden-Bereich die zeitlichen Abweichungen unter den Musikern, und wer diese jeweils wieder ausglich. Als Versuchsobjekt dienten zwei weltweit bekannte Streichquartette, deren Namen die Autoren aus Diskretionsgründen allerdings nicht preisgeben.

Keine Rückschlüsse auf Charaktereigenschaften

Die beiden Quartette spielten eine Komposition von Joseph Haydn. Die anschliessende Analyse zeigt: In einem der beiden Quartette gaben alle vier Musiker abwechslungsweise nach und korrigierten ihr Timing zu gleichen Teilen. Im anderen Ensemble mussten drei Musiker ihr Tempo ständig der ersten Geige anpassen.

Ob die Hierarchie im Spiel allenfalls etwas zu tun hat mit den Charakteren der Musikerinnen und Musiker, ob die dominante Geige auch sonst gern den Ton angibt, das haben die Forscher nicht untersucht. In der aktuellen Studie sei die dominante erste Geige menschlich jedenfalls nicht unangenehm aufgefallen. Zumindest habe sich niemand aus ihrem Ensemble über sie beklagt, so Alan Wing.

Weitere Studien sollen nun zeigen, ob Quartette ihren hierarchischen Stil durchweg beibehalten – egal welches Stück sie spielen. Zudem möchten die Forscher herausfinden, ob das Publikum einen Unterschied hört, zwischen gleichberechtigt spielenden Ensembles und solchen mit autokratischer Hierarchie. Und wenn ja, welches Zusammenspiel dem Publikum besser gefällt.